Transnistrien
Am A.... der Welt
- Geheimdienst und Gammel-Panzer - schräge Zeitreise in konservierte Sowjetunion
Schon das Wappen am Grenzübergang sieht aus wie aus einer anderen Zeit: Hammer und Sichel kreuzen sich, sind von Ähren umrankt. Offiziell gibt es das Land gar nicht, und doch sollte ein Reisender die Anweisungen des Grenzpolizisten besser nicht missachten. An der Grenze zu Transnistrien verstehen sie keinen Spaß. Es ist ein Land der Anführungszeichen: Ein dubioser "Präsident" regiert den "Staat" und am Sonntag wird ein neues "Parlament" gewählt. Zeit für eine Reise in die am stärksten abgeschottete Region Europas.
An der Grenze wartet schon Oxana Alistratowa, deren Arbeit ein Gegenmodell zu all dem ist, was Transnistrien ausmacht. Sie hat die Organisation Interaction gegründet, die illegalen Migranten hilft - transparent, zuverlässig, uneigennützig. Außerdem setzt sie sich für Frauen ein, die zu Hause misshandelt werden. Alistratowa wurde deshalb bedroht und vom Geheimdienst vorgeladen. "Transnistrien ist ein bisschen speziell", sagt sie und lächelt dabei - mehr kann sie nicht sagen, wenn sie im eigenen "Land" ist.
Russen bezahlen die Miete
Transnistrien hat sich 1992 von Moldawien (der Republik Moldau) abgespalten. Das hat viel mit der sowjetischen Vergangenheit zu tun, denn damals gehörte der Landstrich zur Ukrainischen Sowjetrepublik, das übrige Moldawien bildete die Moldawische Sowjetrepublik. Russen und Ukrainer bilden die Mehrheit der rund 500.000 Transnistrier.
Nur mit russischer Unterstützung kann der Landstrich links des Flusses Dnister überleben: Russische Truppen beendeten den kurzen Bürgerkrieg und stehen seither im Land, obwohl Moskau schon 1999 zusagte, sie abzuziehen. Russisches Gas wärmt Transnistrien im Winter, ohne dass die Rechnung bezahlt werden müsste. Russland nutzt den Konflikt nach Ansicht von Experten, um seinen Einfluss zwischen der Ukraine und Rumänien nicht zu verlieren und Moldau an der baldigen Aufnahme in die EU zu hindern. Politikwissenschaftler sprechen von einem "frozen conflict", einem eingefrorenen Konflikt, denn seit Jahren tut sich kaum etwas.
Kurz hinter der Grenze zeigt Alistratowa ihren transnistrischen Pass: Er sieht aus wie vor 20 Jahren in der Sowjetunion. Und er ist weitgehend wertlos. Kein Land erkennt Transnistrien an, weshalb sich der Landstrich mit den von Georgien abgespaltenen Regionen Südossetien und Abchasien zur Gemeinschaft nicht anerkannter Staaten zusammengeschlossen hat.
Die unbekannte Konstante: Sheriff Tiraspol
An der Straße in die "Hauptstadt" Tiraspol steht ein russischer Panzer unter einem Tarnnetz. Eingegraben im Boden zeigt die Mündung des Geschützes geradewegs nach Moldawien. Der Weg führt vorbei am Stadion des Fußballclubs Sheriff Tiraspol, den Fußballfans aus Champions und Europa League kennen. Überhaupt: Überall steht das Logo von Sheriff, dem wichtigsten Unternehmen: Tankstellen, Mobilfunkgesellschaft, Weinbau, Radiosender - alles ist in der Hand des Konzerns. Wer genau dahinter steckt? Es soll Verbindungen zur Familie des "Präsidenten" Igor Smirnow geben, was dieser aber zurückweist.
Im Stadtzentrum blickt ein sowjetischer Panzer von seinem Sockel auf das Ehrenmal für die Gefallenen, auf der anderen Straßenseite steht ein wuchtiges Regierungsgebäude. Ein Stück weiter, im Stadtpark, ist durch den winterlichen Nebel die Statue eines zaristrischen Generals zu sehen, der einst Tiraspol zur Festung ausbaute.
Verbraten verboten
Mitten im Park stehen alte Frauen, die ihre letzten Habseligkeiten auf Bänken feilbieten, alte Schuhe, eine Bratpfanne, eine abgewaschene Jacke. Dann kommt eine Aufpasserin und verscheucht sie. "Unser Bürgermeister hat diese Stände im Stadtzentrum verboten, früher war hier alles sehr unordentlich und dreckig", sagt Alistratowa, während sie durch den Schneematsch im Park geht. "Aber heute ist alles sehr sauber." Wie ernst sie das meint, ist kaum zu sagen. Aber sie lächelt immer wieder verschmitzt.
Auf dem zentralen Markt von Tiraspol gibt es Bananen, Mandarinen und auch sonst ein deutlich exotischeres Angebot als zu Sowjetzeiten. Bezahlt wird in transnistrischem Rubel. Nicht geändert haben sich die verhutzelten Marktfrauen, die unter ihren geblümten Kopftüchern aufmerksam die Besucher betrachten. Auffällig unauffällig sind auch die athletischen Männer in schwarzen Jacken, die sich stets in der Nähe der westlichen Besucher aufhalten und darauf achten, dass niemand fotografiert. Denn das ist verboten.
Der Geheimdienst sitzt am Nebentisch
In Oxanas Kellerbüro etwas außerhalb sitzt ein Gast schon am Tisch. Ein Mann, eher jung als alt, in einem schwarzen Pullover, darunter Hemd und silberfarbener Schlips. Der Mann spricht nicht. Er ist einfach da. Niemand erwähnt ihn, nur verstohlen wird er angeblickt. Alistratowa stört er weniger als die Ausländer, die es nicht gewohnt sind, dass ein Geheimdienstmitarbeiter ganz selbstverständlich mit am Tisch sitzt.
Oxana berichtet von ihrer Arbeit, beantwortet Fragen, das Gespräch läuft auf Englisch. Der Spitzel macht sich ab und zu Notizen. Später, bei einem Treffen in Moldawien, sagt Alistratowa, dass der Geheimdienstmann gar kein Englisch verstehe. Aber sicher ist sie sich da offenbar nicht: Während der Unterredung in Tiraspol achtet sie sehr darauf, sich in keiner Weise politisch zu äußern. Wenn sie etwas in ihrem "Land" kritisiert, dann nur so: "Vor ein paar Jahren war die Hilfe für Opfer von Menschenhandel noch sehr schlecht. Heute ist aber alles viel besser geworden." Dann lächelt sie wieder hintergründig.
Eine halbe Stunde hat ihr der Geheimdienstmann für das Gespräch gegeben, wie sie später berichten wird. Nach ortsüblichem Zeitverständnis hat sie also eine Stunde Zeit. Dann heißt es Aufbrechen. Zurück über holprige Straßen, vorbei an eingegrabenen Panzern. Die sowjetische Welt scheint stillzustehen in Transnistrien. Die Kontrolle bei der Ausreise: Ein kurzer Blick, ein Nicken des Grenzers. Der Bus ist zurück in Moldawien, einem Staat, den es auch offiziell gibt, und wo man sagen darf, was man denkt.
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