Freitag, 3. September 2010

'Der Euro ist kein Projekt des Volkes': Über
Zukunft der Währung sind Experten uneins

  • Deutscher Ökonom Walter glücklich über das Projekt
  • Für Notenbanker ist Reform der Eurozone ein Muss

Gemischte Überlebensaussichten sind der europäischen Gemeinschaftswährung bei den Finanzgesprächen im Tiroler Kongressort Alpbach zugebilligt worden. Die akute Krise, die im Frühjahr zu einem rasanten Verfall des Außenkurses geführt hat, sei zwar vorbei, das längerfristige Weiterbestehen wird aber von Art und Umfang der Reformen der Eurozone abhängen, waren sich die Teilnehmer einig. Weitgehend einig waren waren sich die Diskutanten auch darüber, dass es sich beim Euro primär um ein Eliten-Projekt handelt.

"Der Euro ist kein Projekt des Volkes, er ist ein Produkt der politischen Klasse Europas", sagte Norbert Walter, der frühere Chefökonom der Deutschen Bank, in seinem Einleitungsstatement. Mit "Basisdemokratie" komme man in Währungsfragen nämlich nicht weiter. Es habe in Deutschland zu jeder Zeit "große Mehrheiten" gegen den Euro gegeben, selbst die Wirtschaft unterstütze die Währung nicht in ausreichendem Maß. "Ich bin glücklich, dass wir Vertreter in der politischen Klasse hatten und haben, die dieses Projekt ernst nehmen und vorantreiben."

Peter Praet, Direktor der belgischen Nationalbank, begrüßte den "Top-down-Ansatz" Walters: "Wenn sie einmal da sind (die Währungen, Anm.) tendieren die Leute dazu, das zu vergessen."

Wie überlebt der Euro?
Während Walter prophezeite, dass der "Euro die meisten im Saal Anwesenden überleben wird", war sich der Financial Times-Journalist Wolfgang Münchau da nicht so sicher: Für ihn ist die Frage eher, "wie der Euro überlebt". "Wenn er scheitert, dann nicht an mangelnder Fiskaldisziplin." Gefährlicher seien die fortdauernden Ungleichgewichte zwischen den einzelnen Volkswirtschaften, "vor allem, wenn es keinen Politikwechsel in Deutschland gibt". Dafür gebe es aber keinerlei Anzeichen.

Spanien hatte vor der Krise ein Leistungsbilanzdefizit von zehn Prozent und Deutschland einen Überschuss von acht Prozent. Ohne Abwertungsmöglichkeit könne Spanien nur durch massive Lohnkürzungen und vielleicht eine Depression aus der Krise kommen, meinte Münchau. Die Immobilienkrise auf der Iberischen Halbinsel sei tief.

Beitrittswille ungebrochen
Der ungarische Zentralbank-Gouverneur Andras Simor sagte, dass sich der Wunsch Ungarns dem Euro beizutreten auch durch die Krise nicht verändert hat. Das gehe aber nicht so schnell, sein Land müsse davor alle Konvergenzkriterien erfüllen.

Der gesamten Debatte um die Gemeinschaftswährung hielt der österreichische Notenbankdirektor Andreas Ittner vor Journalisten am Donnerstagabend entgegen, dass der Euro alternativlos sei. Man wolle sich gar nicht vorstellen, was mit den europäischen Einzelwährungen passiert wäre, hätte es in der jüngsten Krise keine einheitliche Währung gegeben. Von ihr hätten vor allem auch jene profitiert, die jetzt am lautesten kritisierten.

(apa/red)

3.9.2010 14:29