Sarrazin fliegt raus: Deutsche Bundesbank
will Vorstandsmitglied abberufen lassen
- Bundespräsident Wulff entscheidet über Entlassung
- Großer Wirbel um diskriminierende Äußerungen

·Sarrazin verteidigt strittiges "Sachbuch"
"Weder diffamierend noch
unsachlich argumentiert"
Nach seinen abfälligen Äußerungen über Juden und Muslime verliert das Deutsche Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin sehr wahrscheinlich den Job. Die deutsche Zentralbank beantragte in einem historisch einmaligen Schritt seine Entlassung. Die Entscheidung, ob der 65-jährige frühere Berliner Finanzsenator tatsächlich gehen muss, liegt nun bei Bundespräsident Wulff.
Der Beschluss sei einstimmig erfolgt, teilte der deutsche Bundesbankvorstand in Frankfurt am Main mit. Außerdem entzog er Sarrazin mit sofortiger Wirkung den Geschäftsbereich. Derart drastische Maßnahmen hat es in der Geschichte der Bank noch nie gegeben. Wulff sagte umgehend eine Prüfung des Antrags zu
Eine Begründung lieferte die Bundesbank nicht. Mitgeteilt wurde lediglich noch, dass der Corporate-Governance-Beauftragte, Uwe Schneider, diesen Antrag uneingeschränkt unterstütze. Das wiederum deutete darauf hin, dass sich die Bundesbank in ihrem Abberufungsantrag auf einen schweren Verhaltensfehler Sarrazins berufen wird.
Vor Ablauf ihrer Amtszeit können die Vorstandsmitglieder nach geltendem Recht nur abberufen werden, wenn sie die Voraussetzungen zur Ausübung ihrer Tätigkeit nicht mehr erfüllen: etwa bei schwerer Krankheit oder bei einer schweren Verfehlung.
Wirbel um diskriminierende Äußerungen
Sarrazin hatte mit seinen Äußerungen über Juden und Muslime deutschlandweit für Aufregung gesorgt. In seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" und in Interviews vertrat der SPD-Politiker die Ansicht, die Ursachen für die schlechte Integration von Muslimen seien nicht ethnisch, sondern lägen offenbar in der Kultur des Islams. "Die kulturelle Eigenart der Völker ist keine Legende, sondern bestimmt die Wirklichkeit Europas", ist eine seiner Thesen. "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden", eine andere.
In der Politik stieß die Maßnahme größtenteils auf Zustimmung: Kanzlerin Merkel begrüßte die Entscheidung, die deutsche Integrationsbeauftragte Maria Böhmer erklärte, die Bundesbank habe die Notbremse gezogen. PD-Chef Gabriel nannte den Antrag "eine konsequente Entscheidung".
Nicht nur beruflich, auch politisch könnte Sarrazin bald ohne Heimat dastehen. Die SPD hat ein Ordnungsverfahren gegen Sarrazin eingeleitet, das mit einem Ausschluss aus der Partei enden könnte.
(apa/red)
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