Freitag, 17. Dezember 2010

Tolle Einzelleistungen, wenig Einzigartiges: Das waren die Salzburger Festspiele 2010

  • Alle Produktionen bald auch anderswo zu sehen
  • Dürre Bilanz für letzets Jahr von Indendant Flimm

"Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie." Das Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele dominierte auch das Schauspielprogramm, das mit der letzten Premiere des Young Directors Project abgeschlossen wurde. Auch Schauspielchef Thomas Oberender, mit Intendant Jürgen Flimm bekanntlich nicht immer auf einer Linie, hatte sich auf Tragisches konzentriert. Gänzlich ist es ihm nicht geglückt, die Gunst der Götter zu erringen.

Tolle Einzelleistungen standen im Zentrum, Einzigartiges war dagegen Mangelware: Waren früher Festspiele Gelegenheiten, Ausnahmeschauspieler zusammenzubringen, die im Theateralltag sonst nie gemeinsam auf der Bühne stehen, sind alle wesentlichen Produktionen des 2010er-Jahrgangs in der kommenden Saison auch anderswo zu sehen: "Ödipus auf Kolonos" in Berlin, "Angst" in München und "Phädra" in Wien.

Frische tat dem "Jedermann" gut
Nur der "Jedermann" bleibt exklusiv auf dem Domplatz. Seine deutliche Blutauffrischung hat sich gelohnt. Mit Nicholas Ofczarek, Birgit Minichmayr und Angelika Richter ("Gute Werke") funktionierte das Traditionsstück aus den Anfangstagen der Festspiele erstmals seit langem wieder wirklich gut. Mit einem "Sommernachtstraum"-Picknick im Park von Schloss Leopoldskron erwies man dem 90-Jahr-Jubiläum und Festspielgründer Max Reinhardt Reverenz - ein netter Versuch, der etwas vom Wetter und der Frage getrübt wurde, ob man Festspieltheater tatsächlich Schauspielschülern überlassen sollte.

Brandauer rettete Ödipus im Alleingang
Aber auch den Profis gelang nicht alles. Wirklich glücklich durfte man heuer vor allem mit Matthias Hartmanns "Phädra"-Inszenierung sein, die sich im als Landestheater kurzweiliger und spannender Krimi entwickelte. Wurde hier Sunnyi Melles in der Titelrolle von einer hochkarätigen Kollegenschar unterstützt, so machte Klaus Maria Brandauer als blinder, alter Ödipus den Abend auf der Perner Insel ganz im Alleingang sehenswert. Seine vor allem sprecherische Leistung war gewaltig, rund um ihn dagegen zeigte sich vor allem, wie sehr der frühere Salzburger Schauspielchef Peter Stein weiterhin auf einem Sonderweg beharrt, der mit zeitgenössischem Theaterschaffen wenig zu tun hat. Unter den Erwartungen blieb diesmal der sonst immer überzeugende Konzept-Arbeiter Jossi Wieler, der aus Stefan Zweigs Ehebruchs-Novelle "Angst" kein heutiges Drama gewinnen konnte.

Junge Projekte kaum überzeugend
Im Young Directors Project waren die vier eingeladenen Aufführungen allesamt kratzbürstig, widersprüchlich und schwer einzuordnen. Was grundsätzlich gut für ein Projekt ist, bei dem Regie-Talente und stilprägende Theaterformen aufgespürt werden sollen, ist im Einzelfall kaum überzeugend gelungen. "Innenschau" von Jakob Ahlbom bot in einer rockig-artistischen Choreographie zwar hohen Unterhaltungswert, aber wohl kaum eine für das Repertoire verwendbare Theatersprache. "Notre Terreur" lieferte endlose Sprach-Kaskaden auf Französisch, die nur durch hochkonzentriertes Übertitel-Mitlesen zu bewältigen waren. Bei "Mother Mary of Frankenstein" aus Belgien gingen Text und Geschichte in fehlender Sprachverständlichkeit und überladener Bilderwelt gleich gänzlich unter.

Richter wagte Mut zum Risiko
Einzig die deutsche Regisseurin Angela Richter zeigte in "Tod in Theben", der Uraufführung eines Jon Fosse-Stückes, einen formal und konzeptuell vielversprechenden Weg. Dass sie selbst noch auf der Suche ist, zeigte sich nach der Premiere: Ab der zweiten Aufführung ließ sie die Schauspieler im letzten Drittel improvisieren.

Award ging nach Frankreich
Der Mut zum Risiko wurde jedoch nicht belohnt. Der "Young Directors Awards" wanderte schlußendlich nach Frankreich. Regisseur Sylvain Creuzevalt, Jahrgang 1982, und seine Truppe "d'ores et deja" wurden für ihr Revolutionsstück "Notre terreur" mit dem mit 10.000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet.

Weniger Society-Glanz
Auch die Bilanz in Bezug auf den Society-Faktor fiel eher nüchtern aus: Weniger Glanz, weniger Prominenz, mehr Feste hinter verschlossenen Türen. So das Fazit der Society-Reporter. Schillernde Hingucker wie Dita von Teese fehlten, auch Prinzen und Prinzessinnen wie Caroline von Monaco, Ernst August oder Fürst Albert. Andererseits erobert eine neue Klientel aus Wirtschaft und Politik die Festspiele.

Andrang bei Netrebko - welche begeisterte
Der Salzburger Pressefotograf und Journalist Franz Neumayr registriert ein zunehmend älteres Publikum und weniger international bekannte Persönlichkeiten. "Die A-Prominenz, die über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt ist, hat seit dem Tod von Herbert von Karajan abgenommen. Das hat auch mit den anderen Festivals zu tun, die gleichzeitig stattfinden." Den größten Andrang gab es, laut Neumayr, wieder einmal bei Anna Netrebko, die in der Rolle der Julia in "Romeo und Julia" ihr Publikum begeisterte, ebenso wie Tenor Piotr Beczala als Romeo an ihrer Seite.

Dürre Bilanz für scheidenden Intendanten
Eine ziemlich dürre Bilanz gibt es nicht nur nach diesem sondern nach vier Jahren Intendanz für Jürgen Flimm. Wenn er Ende des Festspielsommers 2010 seine Zelte in Salzburg endgültig abbricht, dann kann von einer Ära Flimm kaum jemand sprechen. Zu launig, uneinheitlich und ohne nachhaltiges Konzept wirken die Programme des rheinländischen Kultur-Multis für Salzburg.

Flimms Verdienst ist jedoch zweifellos die Verbreitung einer im Vergleich zu Ruzickas Festspielen lockeren Stimmung. Die Unverkrampftheit des Intendanten dürfte zu einem Flair der Berührbarkeit beigetragen haben. Streitigkeiten mit Mitarbeitern sowie unklare Personalpolitik durchziehen dennoch die Flimm-Jahre. Und auch in seiner gesellschaftspolitischen Positionierung wird er in Salzburg keine Spuren hinterlassen.

Programme von Konzertchef gefeiert
Nach vier Jahren Intendanz Jürgen Flimm stehen die Festspiele in der öffentlichen Wahrnehmung alles andere als souverän in der Festival-Landschaft. Es sind vor allem die von Publikum und Fachpresse durchwegs hervorragend angenommenen Konzertprogramme von Konzertchef Markus Hinterhäuser, mit denen Salzburg überregional reüssiert.

Auch Schauspiel-Chef übt Kritik
Kritik an der Entwicklung des Festivals gibt es nach diesem Jahr auch von Schauspiel-Chef Thomas Oberender: Das Einfrieren der jährlichen Subventionen durch die öffentliche Hand rücke private Geldgeber in den Vordergrund. "Wir sind auf dem Weg zu einem börsennotierten Unternehmen, grauenhaft", sagte Oberender im "Standard".

Zum Vorwurf, dass es heuer im Schauspiel keine Eigenproduktionen gab, merkte Oberender an, dass eine solche für ihn kein Wert an sich sei. Selbstkritisch bilanzierte der Schauspielchef, dass für das Young Directors Project heuer Regisseure und nicht Projekte eingeladen wurden und daher manche Aufführungen nicht so geglückt waren.

Pläne für nächstes Jahr
Die Pläne für seine letzte Saison in Salzburg deutete er nur vage an: "Ich werde zwei Uraufführungen machen und einen großen Klassiker zeigen - in einem überraschenden Format. Und dann ein Stück, das für eine bestimmte Schauspielerkonstellation erfunden wurde - mit einem älteren Schauspieler, der lange nicht zu Gast war, und einem jüngeren, die ein gutes Paar ergeben."

(apa/red)

17.12.2010 17:21
Dantine, 29. 08. '10 23:56
Rückgang der Prominenz
Na, dumme Frage!
In Österreich darf ja keiner mehr niemanden einladen, ohne sofort am nächsten Tag einen negativen Eintrag in der Presse hat, oder gar wegen Korruption vor den Kadi muß!

Wer ist denn daran Schuld? Jetzt kommt die Rechnung!