Mittwoch, 25. August 2010

"Das Sterben ist die große Kunst des Nichtkönnens. Es wird geschehen."

  • Der deutsche Regisseur erlag seinem Krebsleiden
  • Christoph Schlingensief im bewegenden Porträt

Eine kurze Pause nach dem Auftritt im Musiktheaterprojekt „Via Intolleranza II“ im Wiener Arsenal am 13. Juni dieses Jahres – seines Todesjahres. Als Kämpfer für eine bessere Welt war Christoph Schlingensief, der Unfassbare, der Ungreifbare, der Universalkünstler, vor sein Publikum getreten. Er hatte wie immer sanft gelächelt und mich umarmt. Das dichte schwarze Haar war ergraut, aber der Blick fest. Wirklich gut gehe es ihm nicht, sagte er dann. Aber niemand sollte das bemerken. Und das war es dann auch: unsere letzte Begegnung.

Für den folgenden Tag hatten wir ein Telefoninterview vereinbart, im Zug nach Deutschland, da wäre Zeit. In Wien müsse er noch Spenden für sein Operndorf sammeln. Das Telefonat riss nach Minuten ab, wie das in Zügen oft der Fall ist. Dann die Nachricht per SMS: „Liebe susu, das ging da ueberhaupt nicht. … vor muenchen habe ich versucht meine mutter zu erreichen. Ging auch nicht. … Also morgen am besten … Dein christoph!“

Mörderischer Kampf
Aber das Morgen war eine verzweifelt unsichere Sache für den auf den Tod Kranken. Im Jänner 2008 hatte er erfahren, dass er an Lungenkrebs litt. Was folgte, war ein mörderischer Kampf zwischen Hoffen und Bangen, dem Unausweichlichen und der Verweigerung, es zur Kenntnis zu nehmen. Denn Christoph Schlingensief, der am 21. August starb, hing am Leben und kämpfte wie ein Held. 32 Monate lang, zwischen Theater und Therapie. Während ihn die Metastasen auffraßen, plante er noch über Jahre und Kontinente hinweg.

Die letzten Träume
„Es ist absolut grauenhaft, wenn man merkt: Jetzt geh ich; jetzt ist Schluss, auch wenn es danach etwas gibt. Und das ist nicht auszuschließen. Aber ich habe keine Lust, mich von hier zu trennen“, sagte er zu NEWS, als er mit der Performance „Mea Culpa“ am Burgtheater gastierte. Er hatte da das erste Jahr seiner Krankheit aufgearbeitet. Wie ein Besessener arbeitete er damals an vier Produktionen gleichzeitig, gastierte zwischen Brüssel, Wien und Zürich, nannte sein letztes Theaterstück „Sterben lernen“, protokollierte den Krebs in dem Buch „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ (Kiwi, 19,50 Euro) und schrieb endlich seine Memoiren, die nun posthum erscheinen werden. Dabei reiste er unablässig zwischen Afrika und Europa: In Burkina Faso legte er im Jänner den Grundstein für eine Schule. Der Plan für ein Festspielhaus als Kern seines Operndorfs ist fertig. Bedeutende Kollegen wie der Schriftsteller Henning Mankell hatten ihm dafür großzügige Spenden überantwortet. Er selbst sammelte bei seinen Auftritten dafür. Die Fertigstellung hatte er dem afrikanischen Architekten Francis Kéré übertragen. Denn er plante auch in Europa, als wolle er sich wegen Unabkömmlichkeit vom Sterben abmelden. Im Oktober sollte er mit Daniel Barenboim die Saison der Berliner Staatsoper eröffnen, 2011 den deutschen Pavillon bei der Bien­nale in Venedig gestalten, etwas am Burgtheater herausbringen. Sein Traum, Wagners „Tristan“ zu inszenieren, schien zum Greifen. Der „bahnt sich an“, sagte er zu NEWS im Dezember.

Der Revolutionär
Seine Arbeit schien obsessiv aus dem Chaos zu wachsen und beruhte doch auf präzisen Partituren. Als er 2004 in Bayreuth unter Getöse den „Parsifal“ inszenierte, deutete er in einem aktenordnerdicken Regiekonzept quasi ­jeden Takt und jeden Satz. Die Festspiele mussten für das Projekt die erste Drehbühne ihres Bestehens einbauen, der auf der Großleinwand verwesende Hase am Schluss symbolisierte den Erlöser. Ein Provokateur wollte der Sohn eines Apothekers und einer Krankenschwester nie sein. Aber er provozierte: wegen seiner beispiellosen Fähigkeit, gesellschaftliche Zustände auf den Punkt zu bringen.

Sterben ist die große Kunst des Nichtkönnens
„Das Sterben“, sagte er in unserem letzten Interview, „ist so individuell. Es ist einmalig. Auch wenn man in ein fremdes Land auf Urlaub fährt, fühlt man sich etwas unwohl. Wie also soll man sich fühlen, wenn man diese Erde verlässt und etwas ganz Unbekanntes geschieht? Aber ich denke, dass alles, was ich tue, nicht umsonst ist. Ich mache es aus Liebe und nicht nur aus Zweckmäßigkeit. Das Sterben ist die große Kunst des Nichtkönnens. Das ist wie in der Kunst. Es wird geschehen.“

(Susanne Zobl)

Das ausführliche Porträt über Christoph Schlingensief lesen Sie jetzt in NEWS 34/10

25.8.2010 14:38

Kino

Hugo Cabret

Abenteuer - USA, 2012

Regie: Martin Scorsese

Mit: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley, Jude Law, Emily Mortimer

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