Freitag, 17. Dezember 2010

Abschied eines Großen in der Kunst-Szene: Christoph Schlingensief erleidet Krebsleiden

  • Tod des 49-Jährigen rief tiefe Bestürzung hervor
  • Deutscher zählte zu wichtigsten Gegenwartskünstlern

Der Theater- und Filmregisseur Christoph Schlingensief hat seinen zweieinhalbjährigen Kampf gegen den Krebs verloren. Er am 21. August starb im Alter von 49 Jahren in Berlin. Schlingensief gehörte zu den bedeutendsten Regisseuren der Gegenwart und hat wie nur wenige die deutschsprachige Film- und Theaterwelt beeinflusst. Diese zeigte sich bestürzt von der Todesnachricht. "Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre", sagte etwa Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einer Stellungnahme.

Der vielseitige Künstler war Anfang 2008 an Lungenkrebs erkrankt, und nach einer Operation ging es ihm wieder besser. Bis zuletzt hatte er noch zahlreiche Kunstprojekte in Planung. So stand im kommenden Oktober eine Inszenierung zur Wiedereröffnung des Berliner Schillertheaters als Ausweichspielstätte von Daniel Barenboims Staatsoper auf seinem Terminkalender. Aufsehen erregte auch Schlingensiefs überraschende Berufung zur künstlerischen Gestaltung des deutschen Pavillons bei der Biennale in Venedig 2011. Der Pressekonferenz zur Vorstellung seiner Pläne blieb er Anfang Juli aber krankheitsbedingt fern. Auch eine Produktion für die Ruhrtriennale ("S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken") musste Schlingensief absagen.

Aufarbeitung der Krebserkrankung
Schlingensief setzte sich in jüngster Zeit vermehrt künstlerisch mit seiner Krebserkrankung auseinander, etwa mit seinen letzten Inszenierungen "Mea Culpa" (sie hatte im März 2009 am Wiener Burgtheater Premiere), "Kirche der Angst" oder "Sterben lernen". Im Frühjahr 2009 veröffentlichte Schlingensief sein "Tagebuch einer Krebserkrankung", das große Beachtung gefunden hatte. Sein Herzensprojekt war in jüngster Zeit die Gründung eines Operndorfes in Burkina Faso.

Bekannt wurde Schlingensief vor allem mit seinen frühen Filmen "Das deutsche Kettensägenmassaker" (1990), "Terror 2000 - Intensivstation Deutschland" (1992) und der TV-"Talkshow 2000" sowie mit seinen Theaterinszenierungen, Kunstperformances und Installationen wie "100 Jahre CDU", "Rocky Dutschke, 68", "Passion Impossible - 7 Tage Notruf für Deutschland" (in Hamburg), und "Hamlet" in Zürich.In den 1990er Jahren war Schlingensief einer der Hausregisseure Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne. Von 2004 bis 2007 gab er sein spektakuläres Debüt als Opernregisseur bei den Bayreuther Festspielen mit Richard Wagners "Parsifal". Die Neuinterpretation des Bühnenweihespiels gilt mittlerweile als "Kult-Inszenierung".

In Österreich sorgte er nach der umstrittenen schwarz-blauen Regierungsbildung für Aufsehen, als er im Mai 2000 in Anlehnung an die Fernsehsendung "Big Brother" einen Container mit Asylbewerbern vor der Wiener Staatsoper aufstellen ließ. Jeden Tag mussten dann zwei der "Asylwerber" nach einer Internet- und Telefonabstimmung ausscheiden und wurden "abgeschoben". 1998 organisierte er ein "Anti-Kanzler-Baden" am Wolfgangsee, dem Urlaubsort des deutschen Kanzlers Helmut Kohl. Mit rund sechs Millionen deutschen Arbeitslosen wollte Schlingensief den See zum Überlaufen bringen.

Bestürzung bei Künstlern
Österreichische Künstler und Kulturpolitiker reagierten tief betroffen auf die Todesnachricht. "Schlingensief war einer der größten Künstler, die je gelebt haben", betonte Nobelpreisträgerin Jelinek in einer der APA übermittelten Stellungnahme. "Er war DER Künstler schlechthin. Er hat eine neue Gattung geprägt, die sich jeder Einordnung entzogen hat. Es kann keinen wie ihn mehr geben". Schlingensief hatte im Jahr 2003 Jelineks Stück "Bambiland" im Burgtheater uraufgeführt. Dort wurde die Todesnachricht ebenfalls mit Bestürzung aufgenommen. "Das ganze Burgtheater ist in tiefer Trauer", sagte Sprecherin Konstanze Schäfer. Schlingensief sei "einer der angesehensten Künstler" gewesen, "die am Haus gearbeitet haben", und man habe bis zuletzt noch auf eine Koproduktion mit den Wiener Festspielen im kommenden Jahr gehofft. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny sprach von einem "Ausnahmekünstler", der "kaum einen Unterschied zwischen Kunst und Leben gekannt" habe: "Weit über den deutschsprachigen Raum hinaus hat er mit seiner Radikalität und Bedingungslosigkeit dem Theater neue Räume und Mittel eröffnet".

"Ich bin tief erschüttert, schockiert und traurig", sagte Opernregisseurin Katharina Wagner. "Er war einer der wirklich Großen in unserem Milieu." Der deutsche Theatermacher Frank Baumbauer würdigte Schlingensief als "großartigen Wachrüttler". "Aus seinen Arbeiten sind viele wichtige Impulse entstanden, denn er hat die Dinge benannt, den Finger in die Wunden gelegt - und das mit enormer künstlerischer Verve, mit Charme und Intelligenz", sagte der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele der dpa. Berlinale-Direktor Dieter Kosslick würdigte Schlingensief als großen Filmemacher und politischen Künstler. Er sei ein Mensch gewesen, der sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über Ungerechtigkeiten aufgeregt habe, sagte Kosslick am Samstag im rbb-Inforadio. Zutiefst erschüttert äußerte sich auch die Chefin der deutschen Grünen, Claudia Roth. "Dieser verdammte Krebs! Mit Christoph Schlingensief verliert die Bundesrepublik einen der kreativsten, vielseitigsten und radikalsten Künstler", erklärte sie in Berlin. Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit sagte: "Ein großer Theatermann verlässt die Bühne."

(apa/red)

17.12.2010 17:18
pacemaker, 25. 08. '10 23:32
Die meisten ....
... hier geschriebenen Kommentare zeigen sehr perfekt wogegen sich Christoph Schlingensief unter anderem sein Leben lang gestemmt hat: gegen eine geistig träge, dahin tümpelnde und - in vielerlei Hinsicht - „braune“ Masse!
Ja, er hat manchmal die Grenzen von (verbaler) Radikalität überschritten, was er aber auch selbst in einem Interview 2008 'gestanden' hat, aber
er fehlt der Gesellschaft und er wird immer mehr fehlen!
Ferdiburli, 23. 08. '10 10:43
Der Tod eines Menschen ist immer tragisch
Aber rein kulturell war der Herr meiner Meinung nach kein Verlust ...
galileo2, 22. 08. '10 22:31
wer war schlingensief??
SOLLTE MAN DEN KENNEN? IST DAS EINE BILDUNGSLÜCKE DEN NICHT ZU KENNEN? war das nicht der, der mit der Fäkalkunst?? Mal ganz ehrlich, der mann hatte ja einen an der klatsche u mit ihm die Jelinek. Sorry, aber der Vollkoffer, wird niemanden fehlen.
puppi7899, 22. 08. '10 18:01
schlingensief
freud. Ich scheue mich auch nicht meine Meinung bekannt zu geben. Deine Ausdrucksweise ist für mich zu derb.
Aber ich kann auch nicht finden daß es ein großer Verlust für die Kunstwelt war. Soll ihm nachtrauern wer will, ich nicht.
Pragmatiker, 22. 08. '10 07:30
Nein, etwas Großartiges hat dieser Mensch mit Sicherheit nicht geleistet
und wohl auch nichts Einzigartiges. Wie man an den obigen Stellungnahmen diverser B-Prominenter erkennen kann gibt es noch genügend Typen, die ähnlich verworrene Gedanken haben. Trotz allem was sich Schlingensief in dieser Welt geleistet hat war er ein Mensch, ein Kind Gottes. Und in diesem Sinn möge er die gleiche Vergebung erfahren wie jeder Andere, der diese Welt verlassen muß.
nizofa, 21. 08. '10 21:52
Schade, dass dieser großartige ...
... Künstler so früh sterben musste. Er hat in der Gegenwartskultur einges geleistet.
obersklave, 21. 08. '10 20:31
christoph schlingensief
war das nicht der, der mit den worten "tötet wolfgang schüssel, tötet wolfgang schüssel, tötet wolfgang schüssel" zur ermordung eines österreichischen bundeskanzlers aufgerufen hat?
falls das stimmt, dann sollte kein drama daraus gemacht werde das jetzt einer weniger ist!
freud0815, 21. 08. '10 21:24
Re: christoph schlingensief
hierzu wurde meines wissens entschieden, dass die aussage kein aufruf zum töten gewesen ist-tötet kodo wurde ja auch gesungen

es ist mehr als schade, dass er so früh gestorben ist
write, 21. 08. '10 19:54
Ein großer Künstler...
Sehr schade um Ihn....
Wieder ist ein "Unersetzbarer" von uns gegangen...
Freak40, 22. 08. '10 01:16
Re: Ein großer Künstler...
tötet Kohl kam von ihm,weiters war er gegen Schwarz-Blau,das geht einen Piefke nichts an, absolut kein Verlust und alle Gutmenschen die jetzt aufjaulen, sollen daran denken wie so manche von ihnen beim Tod von Haider und Prokop reagiert haben.
freud0815, 22. 08. '10 09:34
Re: Ein großer Künstler...
der unterschied ist wohl, dass er kein politiker war und sich nicht scheute seine meinung öffentlich zu vertreten
auch nicht gegen schwarz/blau-oder rot/grün oder sonst was-wo hingegen der österreichische aussenminister in den 70 er jahren den schwanz vor einem verbrecher wie idi amin einzog...kann sein, dass piefke einfach die dickeren eier haben?
write, 22. 08. '10 12:48
Re: Ein großer Künstler...
Das ein Provokationskünstler Provoziert und Polarisiert ist ja normal!
Er sagte was erfühlte und dachte- ohne Rücksicht auf Populismus.
Er war halt ein zwängeloser Freigeist...

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