Dienstag, 27. Juli 2010

"Die Polemik interessiert mich nicht": Montezemolo fordert Ende der Heuchelei

  • Ferrari-Chef findet Aktion seines Teams in Ordnung
  • Vettel zeigt Verständnis für Vorgehen der Scuderia

Der Ferrari-Sieg beim Deutschland-Rennen erhitzt anhaltend die Gemüter. Die Italiener verteidigen die Teamorder vehement, die Fahrer sind hingegen "zerrissen". Die meisten verurteilen zwar die Anwendung einer verbotenen Stallorder, wissen aber genau, dass letztlich meist nur so ein Vorgehen auch zum Erfolg führt. Klar ist damit, dass die Diskussion sich auch in dieser Woche beim letzten Grand-Prix vor der Sommerpause am kommenden Sonntag in Budapest (14.00 Uhr) fortsetzen wird.

Ferrari-Boss Luca di Montezemolo forderte zum Überholskandal von Hockenheim ein Ende der "Heuchelei". Er verteidigte - natürlich - die Taktik seines Rennstalls vehement. Solche Dinge seien schon passiert, als er selbst noch Sportdirektor gewesen sei: "Also genug mit der Heuchelei."

Di Montezemolo legte noch nach und teilte gegen alle Kritiker aus. "Die Polemik interessiert mich nicht", wetterte der Italiener. Er könne sich aber ziemlich gut vorstellen, dass einige es gern gesehen hätten, wenn sich die beiden Ferrari-Fahrer gegenseitig ausgeschaltet hätten. Felipe Massa ließ Fernando Alonso aber ohne Gegenwehr passieren. Der Spanier holte sich so den Sieg vor seinem brasilianischen Teamkollegen.

"Dann steht man auch als Idiot da"
Red-Bull-Star Sebastian Vettel zeigt Verständnis für die umstrittene Teamorder der Scuderia. Als Fan und ehrlicher Sportsmann müsse man sagen, dies sei nicht richtig gewesen, befand Vettel zwar. Wenn man am Ende des Jahres allerdings die Formel-1-Weltmeisterschaft mit zwei, drei Punkten verpasst habe, "die man vielleicht hier oder da hätte besser hamstern können, dann steht man auch als Idiot da", sah sich der 23-Jährige einer Meinung mit Michael Schumacher, dem Großmeister der gesteuerten Team-Hierarchie.

"Ich hatte ja schon die eine oder andere Situation mit dem Teamkollegen und gehofft, dass sie sich schön ins Auto fahren", schmunzelte Vettel mit Blick auf das im Vergleich zu seinen bisher beinharten Fights mit Mark Webber mit eher stumpfen Waffen geführte Ferrari-Duell zwischen Massa und Alonso. Wenn man sich die Bilder anschaue und die Funksprüche anhöre, "dann ist es eigentlich eindeutig", so der Hesse auf "Servus-TV" zu einer möglichen Teamorder.

Ebenso klar sei das Reglement - Paragraf 39.1 besagt: "Eine Teamorder, die das Rennergebnis beeinflusst, ist verboten." Dennoch sei der Betrachtungswinkel entscheidend, meinte Vettel. "Es ist schade für die Zuschauer draußen. Für manch einen, der auf einen Sieg von Massa gesetzt und sich gesagt hat, ich hau' 100 Euro auf den Tisch. Der fühlt sich natürlich jetzt um den Gewinn betrogen", meinte Vettel. Für die Fahrer gehe es darum, "wie weit man sich aus dem Fenster lehnen kann".

Vettel für 10-Sekunden-Strafe
Ferrari wird sich für das Vorgehen auch noch beim FIA-Council verantworten müssen, dort geht es freilich nur noch um beweisbare Fakten und nicht um Polemik. Vettel hat seine optimale Lösung schon gefunden und wünscht sich eine 10-Sekunden-Strafe für die beiden Ferrari-Piloten. "Dann wäre ich im Prinzip Erster - die anderen zwei, Zweiter und Dritter."

Der Deutsche hatte auch in Hockenheim seine Pole nicht zu Sieg nutzen können, nachdem er schon am Start von beiden Ferraris ausgetrickst worden war. Dass ihm die Starts zuletzt nicht gut gelungen waren, ist Vettel bewusst. Seine Reaktion: "Zu dieser ganzen hätte, wenn und aber - bei uns in der Gegend gibt es ein ganz gutes Sprichwort: Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er die Katz gekriegt." Klar ist freilich auch Vettel: "Ich wäre gerne immer dort ins Ziel gekommen, wo ich losgefahren bin. Dann würde es jetzt auch in der Weltmeisterschaft besser aussehen."

Button gegen Teamorders
Klarere Position zur Stallorder bezieht Weltmeister Jenson Button: "Aus meiner Sicht sind Teamorders in der Formel 1 und in jeder anderen Motorsport-Klasse falsch, auch wenn sie manchmal unvermeidlich sind", wird der Engländer im "The Guardian" zitiert. Button fürchtet, dass nun andere Teams nachziehen und sich womöglich schon im 12. von 19 Saisonrennen auf einen Nummer-1-Piloten festlegen.

"Das ist noch sehr früh in der Saison passiert. Wie früh wird so etwas in der Zukunft passieren?", fragte Button, der sich im Kampf gegen seinen in der WM mit 14 Punkten Vorsprung auf ihn führenden McLaren-Teamkollegen Lewis Hamilton selbst so einer kniffligen Situation ausgesetzt und derzeit in der Verlierer-Position sieht. Gut möglich also, dass alle um die WM kämpfenden Teams - Red Bull Racing inklusive - nun bald entsprechende Entscheidungen fällen und einen Nummer-1-Fahrer benennen.


(apa/red)

27.7.2010 13:30
Ergebnisse, WM-Stand, Team-Porträts