Tausende Videos vom Loveparade-Drama:
So verarbeiten Augenzeugen das Unglück
- Wenn die Plattform YouTube zum Seelendoktor wird
- Psychologe: "Gemeinschaft ist für Betroffene wichtig"
·Zahl der Toten nach
Love Parade gestiegen
25-Jährige erliegt ihren Verletzungen im Spital
·Morddrohungen an
Duisburger Stadtchef
Love-Parade-Drama weckt Rachegelüste
·Love Parade: Skandal
um Sicherheitskonzept
Behörden gaben fatales OK erst in letzter Minute
·Tausende Videos vom
Loveparade-Drama
Augenzeugen verarbeiten
das Unglück auf YouTube
·Duisburg "nicht auf Donauinsel möglich"
Österreichische Event-
Veranstalter beruhigen
·Loveparade: Profit-
gier und Unvermögen?
Schwere Vorwürfe gegen das Veranstalter-Team
·Das Protokoll des
Loveparade-Dramas
Es begann als Party und endete in einer Tragödie
·Polizei: Treppen-
stürze als Auslöser
Duisburg: Forscher ver- teidigt Sicherheitskonzept
·Zeuge: "So stelle
ich mir Krieg vor"
Zitate zur Massenpanik bei der Loveparade
Nach dem tödlichen Unglück bei der Duisburger Loveparade haben Augenzeugen tausende Videos der schrecklichen Tragödie auf YouTube gestellt. Das Internet spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufarbeitung der Katastrophe, ist sich Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe an der TU Dresden, sicher.
Die Nachricht über die Massenpanik auf der Techno-Party, bei der am Samstag 19 Menschen starben, machte zunächst den Kurznachrichtendienst Twitter zu einem Vermisstensuchdienst im Web. Schließlich füllte sich die Videoplattform YouTube am Sonntag im Minutentakt mit Amateurvideos von Augenzeugen, die die Schreckenssekunden im Todestunnel oder außerhalb davon per Handykamera dokumentieren.
Videosharing lässt aufarbeiten
"Die hochgeladenen Videos haben eine wichtige psychologische Funktion", erklärt Schlag. "Die Katastrophe hat viele Partybesucher traumatisiert. Über die Videoblogs gelingt es ihnen, Gemeinschaft zu finden und so das Erlebte aufzuarbeiten." Schlag rät, das Geschehen mit Menschen im Nahbereich zu besprechen um in Zukunft derartigen Situationen möglichst aus dem Weg zu gehen. In Einzelfällen sei es das beste, Seelsorger oder Psychologen aufzusuchen.
Konsequenzen der Katastrophe zeichnen sich jetzt schon ab. Künftige Loveparades auf deutschem Boden wurden von den Veranstaltern auf Eis gelegt, in Diskussion ist derzeit der Rücktritt verantwortlicher Duisburger Politiker. Schlag sieht das Geschehene als Zeichen, dass die Behörden immer mehr den Geschäfts- und Darstellungsabsichten nachgeben. "Die Politiker hatten Angst, dass nach der Absage der Bochumer Loveparade im Vorjahr die Veranstaltung nicht wieder ins Ruhrgebiet kommen würde." Der Schaden ist nun jedoch ungleich größer als der befürchtete Imageverlust.
Für Massenveranstaltungen allgemein sieht Schlag keinen Bedarf strikterer Regelungen. "Die Regeln sind schon heute vorhanden, doch wurden in vielerlei Hinsicht missachtet. Bevor es zu einer Panik kommt, läuft schon vieles im Vorfeld schief. Zu den in Duisburg begangenen Todsünden gehört etwa, dass die Veranstalter die Menschenmassen aufeinander zuführten und sich kreuzen oder gegeneinander scheren ließen", so der Experte.
Ortskundige sahen Katastrophe kommen
Schlimmster Fehlgriff war sicher die Wahl des Geländes. Dieses war vielleicht für die zugelassenen 250.000 Menschen, niemals jedoch für Massen von 1,4 Mio. geeignet, von denen die Veranstalter berichteten. Nicht nur Polizei, Feuerwehr und andere Sicherheitskräfte hatten sich im Vorfeld darüber kritisch geäußert. Auch Webuser auf Twitter bezeichneten den schicksalhaften Tunnel, der den einzigen Zu- und Ausgang bildete, als "Falle". Postings in Artikeln zur Vorbereitung des Events sahen sogar Tote voraus. "Hätte man mit genauer Kenntnis der Massenbewegungen und verlässlichen Angaben zur Anzahl der Besucher geplant, hätte es nicht zur Katastrophe kommen müssen", betont Schlag.
(red)
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