Karlsplatz in naher Zukunft drogenfrei?
Spritzentausch in Ausweichstation verlagert
- TaBeNo wird zur neuen Anlaufstelle für Süchtige
- Fekter: "Ich will, dass dieses Problem gelöst wird"
Die Drogenszene rund um den Wiener Karlsplatz könnte sich bald verlagern oder ganz versiegen. Denn seit Freitag ist am dortigen Streetwork-Standort der Spritzentausch eingestellt. Grund dafür: Die Passage am Karlsplatz wird renoviert. Als Ersatzanlaufstelle dient die Ausweichstation der Wiener Drogeneinrichtung "Ganslwirt", das TaBeNo, das neben einer Notschlafstelle mit 26 Betten seit kurzem auch ein Tageszentrum samt Spritzentausch für die dortigen Klienten bietet. Ob eine Zerschlagung der Drogenszene überhaupt erstrebenswert ist, darüber scheiden sich bei den Parteien die Geister.
Innenministerin Maria Fekter spricht sich mit Sagern, wie "Das gehört bereinigt" bzw. "Ich will, dass dieses Problem gelöst wird", klar für eine Zerschlagung der Szene aus. Die SPÖ-geführte Stadtregierung bestreitet indes, dass hinter der geplanten Absiedelung des Spritzentausches vom Karlsplatz der Wunsch nach Auflösung der dortigen Szene stehe.
"Nein. Dreimal unterstrichen und mit vielen Rufzeichen", hat Sozialstadträtin Sonja Wehsely derartige Vorwürfe pariert. Da im Juni jedoch die Großbaustelle zum Umbau der Karlsplatzpassage beginne, werde das Angebot geändert: "Wir müssen rechtzeitig reagieren, weil sich die Suchtkranken dort nicht mehr aufhalten werden können." Außerdem schränke man die Szene schließlich nicht ein, sondern baue in Summe das Angebot an Tagesbetreuungsplätzen aus.
Grüne: "Leute gehen dort nicht weg"
Eine andere Zukunft des Karlsplatzes entwirft die Opposition. "Die Leute gehen dort nicht weg", prognostiziert die grüne Mandatarin Heidi Cammerlander. Stattdessen würden nach Absiedelung des kostenlosen Tausches gebrauchte Spritzen nicht mehr abgegeben. Die Kinder hätten dann schlussendlich die Nadeln im Finger, wenn diese im öffentlichen Raum wieder verstärkt zu finden seien.
FPÖ unterstützt Zerschlagung der Szene
Die FPÖ unterstützt Fekter in ihrem Ansinnen, die Szene am Karlsplatz zu zerschlagen. Allerdings sei das Vorhaben, die Problematik an einen anderen Ort in Wien zu verschieben, keinesfalls das Gelbe vom Ei, so Gesundheitssprecher David Lasar: "Um unsere Kinder vor dem todbringenden Gift zu schützen, müssen alle Maßnahmen einer verantwortungsvollen Politik auf Rauschgiftabstinenz ausgerichtet sein." Dies müsse notfalls auch die Zwangstherapie von Süchtigen einschließen.
TaBeNo als neue Anlaufstelle
Mit der neuen Ausweichstation TaBeNo auf dem Wiedner Gürtel will die Sucht-und Drogenkoordination unter anderem den Entfall des Spritzentauschs am Karlsplatz kompensieren.
Diejenigen, die primär zum Spritzentausch kämen, sollten eher den Ganslwirt aufsuchen, der täglich von 9.00 bis 18.00 Uhr geöffnet hat, betonte eine Sprecherin: "Das ist die etablierte Spritzentauschstelle." Auch sei es nur hier möglich, sehr große Mengen von Spritzen einzutauschen, was besonders von Klienten außerhalb Wiens genutzt werde. Mit dem rund um die Uhr geöffneten TaBeNo soll eher die jetzt offene Drogenszene des Karlsplatzes angesprochen werden, die neben dem Spritzentausch weiterführende Angebote benötigt.
Wien: Jährlich 2,8 Mio. Spritzen getauscht
Sollte es wider Erwarten Engpässe nach dem Auflassen des Karlsplatzangebots im Zuge der dortigen Passagenrenovierung geben, könne man den alten Spritzentauschbus reaktivieren, der seit einigen Jahren in Pension ist, so die Drogenkoordinationssprecherin. Geplant sei dies nach derzeitigem Stand jedoch nicht. In Wien werden täglich rund 7.800 Spritzen kostenlos getauscht, was sich im Jahr auf rund 2,8 Millionen summiert.
Das TaBeNo soll ebenso wie der jetzige Ganslwirt bis Ende 2011 in Betrieb sein. Dann werden beide Einrichtungen in den neuen Standort am Gumpendorfer Gürtel übersiedeln. Noch im Sommer soll für dieses neue Zentrum der Baustart erfolgen.
(apa/red)
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