10.6.2010 10:27

Er brachte England zurück auf die Spur: Capello lässt die Insel von Großem träumen

  • Italiener impfte Rooney und Co. neue Zuversicht ein
  • Erfahrener Meistermacher mit griesgrämigem Gesicht

Englands großer Hoffnungsträger bei der Fußball-WM in Südafrika neben Stürmerstar Wayne Rooney heißt Fabio Capello. Der Italiener wurde nach dem Scheitern in der Qualifikation für die EURO 2008 geholt und schaffte es binnen weniger Monate, den Insel-Kickern neue Zuversicht einzuimpfen.

Die italienischen Meistertitel 1992, 1993, 1994 und 1996 jeweils mit dem AC Milan und 2001 mit AS Roma - die Titelgewinne 2005 und 2006 mit Juventus wurden wegen des Manipulationsskandals nachträglich aberkannt -, die Meistertitel 1997 und 2007 mit Real Madrid sowie der Champions-League-Sieg 1994 mit Milan stehen auf der Visitenkarte des bald 64-Jährigen. Mit seinem griesgrämigen Auftreten wie zuletzt in Rustenburg gegenüber einem Fotografen sorgt Capello ebenso für Schlagzeilen wie mit seiner akribischen Arbeit, die ihm seit fast 20 Jahren einen Platz in der obersten Trainerriege des Welt-Fußballs beschert.

"Man darf nichts dem Zufall überlassen"
"Die Liebe zum Detail ist alles. Man darf nichts dem Zufall überlassen", lautet das Credo des 32-fachen italienischen Teamspielers. Inspiration findet Capello, dessen Kunstsammlung auf 20 Millionen Euro geschätzt wird, nicht nur in der klassischen Musik und in der Malerei, sondern auch in anderen Sportarten.

Nach dem Ende seiner Spielerkarriere stieg der Opern-Liebhaber zum General Manager des AC Milan auf und war in dieser Eigenschaft für alle Sparten des Großclubs verantwortlich. Dabei erkannte er schon Anfang der 1990er-Jahre als einer der ersten Trainer die möglichen Synergie-Effekte zwischen Fußball und anderen Sport-Disziplinen.

"Man muss die Psychologie verschiedener Sportarten kennen. Dadurch habe ich meinen eigenen Stil entwickelt", verriet Capello. "Man kann von allem gewisse Aspekte in den Fußball übernehmen. Im Rugby und im Eishockey geht es zum Beispiel ums Kämpfen, im Volleyball um Balance und die Bewegung auf dem Platz, im Baseball um Konzentration."

"Was ist da passiert?"
Die englischen Internationalen profitierten vom breitgefächerten Wissen Capellos, wie neun Siege aus zehn WM-Qualifikationspartien bewiesen. Dabei hatte der Italiener im Februar 2008 eine Mannschaft übernommen, die am Boden lag. "Als ich mein erstes Training geleitet habe, dachte ich mir: 'Was ist da passiert? Diese Spieler sind so gut, warum sind sie bei der EM nicht dabei?'"

Die Antwort folgte wenig später, im ersten Testspiel der Ära Capello gegen die Schweiz, als ein 2:1-Heimsieg erzittert wurde. "Da habe ich alles verstanden. Die Spieler waren nicht die gleichen wie im Training. Sie hatten kein Selbstvertrauen, richtig Angst. Da wusste ich, ich muss an der Psyche arbeiten, und mit jedem Spiel ist es dann besser geworden."

Wutausfälle inklusive
Capello zeigt sich seinen Kickern gegenüber aber nicht nur als verständnisvolle Vaterfigur. So herrscht etwa beim Essen striktes Handy-Verbot, und was passiert, wenn sich jemand nicht daran hält, bekamen Wayne Rooney und Co. im vergangenen Oktober zu spüren. Der Nationaltrainer erspähte einen Kicker beim SMS-Schreiben, bekam einen Wutanfall und knallte vor lauter Groll ein Metall-Service an die Wand. Danach wurde angeblich während des gesamten Dinners kein Wort mehr gesprochen.

Mit dem Italiener sind neue Sitten bei den "Three Lions" eingezogen. Während eines Aufenthalts beim englischen Nationalteam ist das Tragen von Flip-Flops absolutes Tabu, dafür haben sich die Spieler immer in ihren Verbands-Anzügen mit Krawatte zu zeigen, wobei der oberste Hemdknopf geschlossen sein muss.

Keine "Weiberwirtschaft"
Auch die berühmt-berüchtigten "WAGs" (Women and Girlfriends) der Spieler machten schon unliebsame Bekanntschaft mit Capello. Während der WM 2006 durften die illustren Damen noch permanent um ihre Angebeteten herumschwirren, in Südafrika jedoch wird der Glamourfaktor hinuntergeschraubt. "Die Spieler können sie am Tag nach einem Spiel sehen, aber sonst nie. Wir sind hier, um Fußball zu spielen", knurrte der Coach.

Mit herausgeputzten Society-Girls will Capello so wenig wie möglich zu tun haben. Viel lieber zieht er sich zu seiner Frau Laura zurück, mit der er seit über 40 Jahren verheiratet ist. Das geordnete Familienleben des Italieners soll auch ein Mitgrund für die Verpflichtung des Startrainers durch den nationalen Verband gewesen sein, schließlich hatten Capellos Vorgänger Sven-Göran Eriksson und Steve McClaren mit diversen Affären für Aufsehen gesorgt.

(apa/red)

10.6.2010 10:27
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