Südafrikas Filmszene im Aufbruch: "Tsotsi", & Goldener Bär statt Hollywood-Hegemonie
- "Wird Zeit, dass wir eigene Geschichten erzählen"
- Als Dreh-Location wegen Geografie & Preisen beliebt

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Südafrika verfügt über vielfältige Musikszene
Vor fünfzehn Jahren konnte von Filmkultur in Südafrika keine Rede sein, geschweige denn von Filmindustrie. Die wenigen Filme, die vor dem Ende der Apartheid 1994 produziert wurden, mussten entweder im Untergrund gedreht werden oder entsprachen der Ideologie. Kritischen Regisseuren blieb meist nur der Weg ins Exil. Seit dem Ende des rassistischen Trennungssystems hat sich im südlichsten Land Afrikas aber einiges getan: Die Filmindustrie entwickelte sich zum zweitgrößten Produzenten des Kontinents, wie das Hamburger Südafrika-Filmfest auf seiner Homepage schreibt. Und mit Leuten wie Gavin Hood und Charlize Theron gibt es auch internationale Aushängeschilder.
Gavin Hood war zwar nicht der erste, der das Land auf der kinematografischen Weltkarte verankerte, aber mit Sicherheit der bisher erfolgreichste. Sein in einer der Landessprachen gedrehtes Township-Drama "Tsotsi", in dem sich ein jugendlicher Gangster in Johannesburg durchs Leben schlägt, brachte Hood 2006 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film und öffnete ihm in Hollywood alle Türen. Nicht einmal drei Jahre später drehte der Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler den Blockbuster "X-Men: Wolverine" und etablierte sich in der Szene ebenso wie Charlize Theron, die 2004 für ihre Rolle in "Monster" einen Oscar als beste Schauspielerin erhalten hatte.
Aufbruchstimmung für heimisches Kino
Dass Mitte des vergangenen Jahrzehnts ein Ruck durch die südafrikanische Filmlandschaft gegangen ist, spürte auch die lokale Film-Webseite safilm.org.za anlässlich des World Cinema Festivals in Kapstadt. Zwar sei die Hegemonie Hollywoods in der Kinolandschaft am Kap mit einer 92-prozentigen Marktdurchdringung weiterhin ungebrochen, dennoch entstehe langsam eine Art Aufbruchsstimmung. Die Zuschauerzahl des Festivals stieg innerhalb von drei Jahren von 3.000 auf 15.000 Personen, am besten besucht waren die Eigenproduktionen. "Jetzt können wir für uns selbst sprechen", zitiert das Südafrika-Filmfest den Regisseur Zola Maseko. "Es ist an der Zeit, dass wir unsere eigenen Geschichten erzählen."
Film im Bezug auf WM
Das Filmfest, das derzeit noch bis 28. Mai in Hamburg läuft, zeigt u.a. Masekos internationalen Erfolgsfilm "Drum" (2004), aber auch Dokumentarfilme wie "Where Do I Stand?" (2008) von Molly Blank über rassistische Übergriffe auf Migranten aus Zimbabwe oder "Im Schatten des Tafelberges" von Alexander Kleider und Daniela Michel über das Leben im Township. Der Film erzählt die Geschichte von zwei Männern, die täglich gegen Wasser- und Stromsperrungen kämpfen, sich jedoch plötzlich mit ihren eigenen unverarbeiteten Erlebnissen aus der Apartheid konfrontiert sehen, als die Stadtverwaltung eine komplette Armensiedlung wegen der Fußball-WM räumen lassen will.
Apartheid und Kriminalität als Thema
Apartheid und Kriminalität sind definitiv die Hauptthemen, mit denen sich Spielfilme und Dokus aus und über Südafrika auseinandersetzen. Das gilt auch für internationale Produktionen wie Clint Eastwoods "Invictus" oder Steve Jacobs' Coetzee-Verfilmung "Disgrace" ("Schande"), die sich dem Land auf sehr unterschiedliche Weise annähern. "Beide Filme sind realistisch, aber eben nur für jene Realität, die sie beleuchten", meinte der junge österreichische Dokumentarfilmer Philipp Müller, der einige Zeit in Südafrika lebte und mit "z'Kapstadt" seine versierte filmische Diplomarbeit über Vorarlberger Auswanderer in dem Land ablieferte.
Filme zeigen Hoffnung und Ernüchterung
Bei "Invictus" sieht man die Aufbruchsstimmung und die Hoffnung, die die Menschen in den 1994 frisch amtierenden Präsidenten Nelson Mandela gesetzt haben, anhand des Mikrokosmos' der nationalen Rugby-Mannschaft. "Diese Realität hat es eine Zeit lang sicher gegeben, auch vom Gefühl her", so Müller im Gespräch mit der APA. Diese sei jedoch in vielen Punkten der Ernüchterung gewichen, der man in "Schande" in überzeichneter Form begegne. "Der Film zeichnet ein ziemlich düsteres Bild des Landes: steigende Kriminalität, immer noch das Apartheid-Gefühl, die Weißen, die sich weiter überlegen vorkommen, die Schwarzen, die nicht aus der Armut herauskommen."
Es ist davon auszugehen, dass die Romanadaption aufgrund der wenig differenzierten Darstellung der dunkelhäutigen Bevölkerungsschicht am Ende wohl ähnlich viel Kritik einstecken wird müssen wie die Vorlage von Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee - auch wenn Jacobs versucht, ein eigenes Bild zu zeichnen. "In 'Invictus' geht es ein bisschen darum, dass die schwarze Bevölkerungsschicht der weißen vergeben soll, ansonsten dreht sich alles im Kreis", vergleicht Müller, "und in 'Disgrace' stellt sich die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, dass auch die weiße Bevölkerungsschicht Verantwortung für die Zukunft übernehmen muss, anstatt alten verlorenen Machtverhältnissen nachzutrauern."
Beliebte Dreh-Location
Dass Südafrika für internationale Produktionen gerne herangezogen wird, stellte Müller auch immer wieder selbst fest. "Die Filmszene ist mittlerweile sehr lebendig. Es ist mir in Kapstadt öfter passiert, dass ich aus Versehen in ein Set gelaufen bin, weil gerade ein Spiel- oder Werbefilm gedreht wurde." Die Stadt gilt als formidable Film-Location, stehen doch auf engstem Gebiet Gebirge, Wälder, Strand und Meer zur Verfügung. "Man hat in dieser Stadt Teile, die aussehen wie San Francisco, und dann wieder einen Hafen, der aussieht wie jener von Hongkong." Dreharbeiten sind zumeist billig und unkompliziert, das macht Südafrika für die Filmindustrie natürlich attraktiv.
Auch anspruchsvolles Arthouse-Kino etabliert sich
Ungewöhnlich ins Bild gerückt hat zuletzt Neill Blomkamp seine Heimat, als er im Science-Fiction-Film "District 9" vor der Küste des Landes ein Raumschiff havarieren ließ. Auch Blomkamp, für die Adaption seines eigenen Drehbuchs heuer Oscar-nominiert, schaffte es mit dem von Peter Jackson produzierten Film, in Hollywood Fuß zu fassen. Abseits von Hollywood verfügt Südafrika aber mittlerweile auch über ein anspruchsvolles Arthouse-Kino. Mark Dornford-May gewann etwa 2005 mit "U-Carmen e-Khayelitsha" den Goldenen Bären in Berlin und stärkte damit die regionale Filmkultur. Und auch Festivals wie Durban, Everglades oder Encounters genießen international schon lange keinen schlechten Ruf mehr.
(apa/red)


















