Nahostexperte John Bunzl gibt Entwarnung:
"Der Iran wird dieses Risiko nicht eingehen"
- Hilfsschiffe: "Aktionen können Vorbildwirkung haben"
- Gaza-Krisenherd: "Grundlegendes muss sich ändern"

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Plus: VIDEO vom Angriff auf den Gaza-Hilfskonvoi
"Der Iran wird dieses Risiko nicht eingehen." - Geht es nach dem Politologen und Nahost-Experten John Bunzl, dann wird es nicht zu einer direkten Konfrontation zwischen Israel und dem Iran kommen. Trotzdem ist die Situation in und um Israel weiter angespannt. Wie schwierig es ist, im aktuellen Konflikt eine Lösung zu finden, das erläutert Bunzl im NEWS.at-Interview.
NEWS.at: Nach der blutigen Attacke auf eine Gaza-Hilfsflotte hat Israel noch ein Schiff aufgehalten, weitere Transporte wurden angekündigt, darunter auch vom Iran und der libanesischen Hisbollah. Droht das nächste Blutvergießen?
John Bunzl: Ich glaube nicht, dass der Iran das Risiko eingehen wird, sich einem israelischen Angriff auszuliefern. Transporte von der Hisbollah sind da schon realistischer, obwohl sie sich an solchen Aktionen bisher nicht beteiligt hat. Aber angesichts des derartigen Erfolgs - schließlich wurde dadurch die Weltöffentlichkeit auf die Gaza-Blockade aufmerksam gemacht - könnte das schon Vorbildwirkung haben.
NEWS.at: Welche Lösungen könnte es in diesem Konflikt geben? Frankreichs Außenminister Kouchner schlägt eine Kontrolle des Gaza-Streifens durch die EU vor.
Bunzl: Israel wird sich dagegen wehren, so wie es sich gegen andere externe Schritte gesträubt hat. Aber dieser Konflikt kann nicht durch eine einfache Kosmetik gelöst werden, hier muss sich schon etwas Grundlegendes in der Beziehung zwischen Israelis und Palästinensern ändern. Danach sieht es in absehbarer Zeit aber nicht aus. Die einzige Hoffnung ist, dass ein internationaler, vor allem US-amerikanischer Einfluss eine entsprechende Wirkung erzielt.
NEWS.at: Wie könnte so ein Einfluss aussehen?
Bunzl: Die USA haben natürlich die finanziellen und politischen Mittel, um ihren Einfluss in Israel geltend zu machen. Auch über die israelische Lobby in den Vereinigten Staaten kann Druck ausgeübt werden. Und wenn die USA beispielsweise die umstrittene Siedlungspolitik verurteilen, um so Israel zu einer anderen Politik bewegen, dann könnte das schon Aussicht auf Erfolg haben.
NEWS.at: Die USA haben den Angriff auf das Gaza-Hilfsschiff nicht verurteilt, wieso sollten sie es dann bei der israelischen Siedlungspolitik machen?
Bunzl: Man muss hier einmal festhalten, dass Israel nicht der Laufbursche der USA ist. Es hat die Möglichkeit, dem großen Verbündeten im Nahen Osten große Schwierigkeiten zu bereiten, schließlich sieht die Weltöffentlichkeit hinter den israelischen Aktionen immer die Vereinigten Staaten. Doch durch die gewalttätigen Militäraktionen der letzten Jahre, im Libanon 2006, in Gaza 2008 und 2009, besteht die Möglichkeit, dass es den USA einfach mal zuviel ist. Und da spielt auch das innenpolitische Kräftespiel eine wichtige Rolle. Die jüdische Bevölkerung in den USA steht keineswegs zu hundert Prozent hinter den Aktionen der israelischen Regierung.
NEWS.at: Wie sieht es mit dem Kräftespiel in Israel selbst aus?
Bunzl: Dort sieht es sehr schlecht aus. Die Opposition ist kaum präsent, es gibt keine Bewegung, keine Gruppierung von Parteien, die wirklich etwas verändern könnte. Dabei spielt sicher die Gemütslage im Land eine Rolle. Wir sind belagert, wir sind politisch isoliert, da können wir uns intern keine Differenzen erlauben.
NEWS.at: Apropos Isolation: Israel hat es sich mit dem Angriff auf die Hilfsflotte nun endgültig mit der Türkei, dem einzigen Partner in der islamischen Welt, verscherzt.
Bunzl: Die Beziehungen haben sich in den letzten Jahren bereits verschlechtert, zumindest seit dem Beginn des Gaza-Konflikts 2008. Auch pflegen die Türken einen Kontakt zur Hamas, was Israel natürlich nicht gefallen kann. Doch auch hier gilt es die innenpolitische Situation zu beachten. Türkeis Ministerpräsident Erdogan und seine AKP schwimmen ein bisschen auf dieser Anti-Israel-Welle mit.
NEWS.at: Die UNO fordert eine internationale Untersuchung und möchte dafür eine unabhängige Kommission gründen.
Bunzl: So wie beim Bericht über den letzten Gaza-Konflikt wird sich Israel wohl auch hier nicht beteiligen. Und mögliche Sanktionen gegen Israel würden die USA mit Sicherheit verhindern.
NEWS.at: Wie wird es nach den jüngsten Zwischenfällen im Nahen Osten weitergehen?
Bunzl: Kurzfristig führt es zu Verschärfungen in allen Beziehungen. Langfristig ist man derzeit sehr weit weg von der Erkenntnis, dass zwei Völker in einem Land leben und man einen Modus Vivendi finden muss.
(hoa)
