Freitag, 4. Juni 2010

Rewe schreibt Bäckern Mehl-Lieferanten vor: Müssen bei Raiffeisen-Mühle einkaufen

  • Bei Nichteinhaltung, Drohung mit Vertrags-Kündigung
  • Geht um Biomehl im Wert von ca. 10 Millionen Euro

Die deutsche Handelskette Rewe (Billa, Merkur, Adeg) schreibt ihren Bäckern beim Kauf von Biomehl den Lieferanten vor, berichtet der "Standard". Wer liefern will müsse demnach bestehende Mühlenpartner aufgeben und zum Biobetrieb Rannersdorfer wechseln. Dieser steht unter dem Dach von Raiffeisen. Und er wird mit Getreide von mittlerweile gut 520 Bauern versorgt, die Rewe selbst unter Vertrag hat. In der Branche sei die Aufregung groß, ein Ganz zur Bundeswettbwerbsbehörde (BWB) werde nicht ausgeschlossen.

Es geht um ein Volumen an Biomehl im Wert von geschätzt zehn Mio. Euro. Rewe-Briefe gingen an ein gutes Dutzend Großbäcker, darunter Haubenberger, Ströck, Anker und Kuchen Peter. Sie werden ersucht, nur mehr ausschließlich bei Rannersdorfer zu kaufen. Es gehe dabei um eine geschlossene Qualitätssicherungskette, die eine Mitwirkung aller an der Produktion Beteiligten erfordere, teilte ihnen der Leiter des Rewe-Qualitätsmanagements, Andreas Steidl, mit.

Spielraum für Gegenwehr gering
Folge geleistet haben so gut wie alle. Auch Gerhard Ströck stellte Anfang Mai um, erzählt er. Andere berichten laut Zeitung von massivem Druck, dem generellen Verbot für Verträge mit weiteren Mühlen und von der Drohung, auch mit konventionellen Produkten aus den Regalen zu fliegen. Nicht wenige Betriebe seien Raiffeisen-finanziert, so der Tenor, der Spielraum für Gegenwehr sei entsprechend gering.

Alle Verträge mit Hofer gelöst
Mit dem bisherigen Partner, der Biomühle Hans Hofer, habe Rewe alle Verträge aufgelöst. Der Familienbetrieb weigerte sich aufgrund von Differenzen über die Produktqualität, das Getreide ausschließlich von den Rewe-Bauern zu beziehen. Nun sprechen die Anwälte der beiden Unternehmen. Hofer blieb auf tausend Tonnen Getreide sitzen, die er für Ja!Natürlich gekauft hatte, ihm nun jedoch keiner mehr abnehmen darf. Seit zwei Monaten steht eine Klage von Rewe gegen ihn im Raum.

Erwin Hartberger, Chef der Hofer-Mühle, will sich dazu nicht äußern. Nur soviel: Das Umfeld habe nicht mehr gepasst, die Trennung sei einvernehmlich erfolgt. Peter Stallberger, Chef von Rannersdorfer, beruft sich auf eine seit zehn Jahren bestehende Partnerschaft mit der Rewe. Er hoffe, sie halte weiter langfristig, fügt er hinzu.

Rewe: "Schließen keine Mühle aus"
Eine Marktverschiebung gefiele vielen eben nicht, heißt es auf "Standard"-Anfrage bei der Rewe. Man schließe jedoch keine Mühle aus, wenn sie bereit sei, die Qualitätsgrundsätze umzusetzen. Im Biobereich sei die vertragliche Verknüpfung üblich. Eine Qualitätssicherung passiere zudem nicht nur im Labor - zumal viele Lebensmittelskandale ihren Ausgangspunkt in der Landwirtschaft genommen hätten.

Grünen: "Bauern werden abhängig gemacht"
Es laufe darauf hinaus, Bauern abhängig zu machen, glaubt Agrarsprecher Wolfgang Pirklhuber von den Grünen. Autoritäre geschlossene Systeme entstünden und der Wettbewerb leide. Dass sich Rewe zunehmend in die Produktion einbringt, verunsichert Produzenten auch auf einer anderen Front. Der Konzern hat eben rund 90 Mio. Euro in den Aufbau einer eigenen Backfabrik in München unter der Marke Glockenbrot investiert. Diese könnte ohne Probleme auch Teile Österreichs mitversorgen. Die Branche rechnet über kurz oder lang aber auch damit, dass Rewe ein Wiener Unternehmen übernimmt und ihre eigenen Brötchen bäckt. Raiffeisen ist als Bäcker in Osteuropa bereits aktiv.

(apa/red)

4.6.2010 19:58