Dienstag, 1. Juni 2010

Henning Mankell in Gewahrsam der Armee Israels: War auf Boot des Gaza-Hilfskonvois

  • Streitbarer Schriftsteller mittlerweile freigelassen
  • Wallander-Erfinder: Ein Erfolgsautor und Polit-Aktivist

Der schwedische Bestseller-Autor Henning Mankell, der sich auf dem von Israel abgefangenen Schiffskonvoi für den Gaza-Streifen befunden hat, ist auf der Heimreise nach Schweden. Das berichtet die Boulevardzeitung "Expressen" in ihrer Online-Ausgabe unter Berufung auf einen ihrer im selben Flugzeug mitreisenden Reporter.

Mankell und der Grünen-Abgeordnete Mehmet Kaplan sind laut "Expressen" die einzigen der elf schwedischen Aktivisten, die Israel bereits verlassen haben. Weitere zwei warten auf ihre Deportation aus der israelischen Hafenstadt Ashdod. Von den restlichen müssen mindestens sechs in einem israelischen Gefängnis auf ihren Prozess warten. Mankell und Kaplan seien über ihre Freilassung "erleichtert", heißt es in dem Online-Bericht. Mankell wurde zitiert, er mache sich Sorgen um die zurückgebliebenen Mitstreiter.

Einsatz wichtiger als Buch
Mankell, dessen Kriminalromane rund um Kommissar Kurt Wallander weltweit 25 Millionen Mal verkauft wurden, zog diese "Reise" der Werbung für sein neues Buch "Der Feind im Schatten" vor. Bereits vor seiner Teilnahme am Hilfskonvoi sagte er im schwedischen Hörfunk, dass er Solidarität mit dem palästinensischen Volk demonstrieren wolle. Dafür sagte er dann auch wirklich mehrere Lesungen ab.

Wer ist Henning Mankell?
Der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell (62) ist überzeugter Sozialist - und ein streitbarer Mann. Seit langem setzt er sich auch für die Sache der Palästinenser ein. Er unterstützte die Gaza-"Solidaritätsflotte" nicht nur mit Worten sondern auch durch Taten.

"Solidarität" kein leeres Wort
Im Vorfeld der Aktion Free Gaza hatte Mankell erklärt, genau so wichtig wie Hilfsgüter nach Gaza zu bringen, sei es, den dort lebenden Palästinensern zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Für den Schriftsteller ist "Solidarität" kein leeres Wort. "Solidarität", so äußerte sich Mankell auf der Internet-Seite des dtv-Verlages, "bedeutet handeln, nicht nur Worte". Er sah "erschreckend viele Parallelen" zwischen Südafrika unter der Apartheid und dem Konflikt im Mittleren Osten. Die Palästinenser bräuchten Hilfe. "Vor allem in Gaza ist die Situation entsetzlich, gleicht einem Freiluftgefängnis."

Lesereise abgesagt
Wegen seines Engagements für die "Solidaritätsflotte" sagte der Autor auch Stationen seiner Lesereise für seinen neuesten und letzten Wallander-Krimi "Der Feind im Schatten" ab.

Erfolgsrezept Wallander
Mit dem mürrischen Kommissar Kurt Wallander als Hauptfigur hat der Schwede eine Auflage von weit mehr als 40 Millionen geschafft und gehört damit zu den erfolgreichsten Krimiautoren der Welt. Die Serie ist zudem mehrfach höchst erfolgreich für Kino und TV verfilmt worden.

Regisseur und Intendant
Ehe sich Mankell ab Ende der 60er Jahre als Buchautor und mit Regiearbeit am Theater versuchte, fuhr der Richtersohn aus Härjedalen für die schwedische Handelsmarine zur See. Zunächst schrieb er Bücher über die Arbeiterbewegung und arbeitete als Regisseur, Intendant sowie Autor an schwedischen Provinztheatern.

Afrika-Liebe
Noch vor dem ersten Wallander-Krimi 1991 machte Mankell Mosambiks Hauptstadt Maputo zu seiner zweiten Heimat. Hier lebt er bis heute im Wechsel mit Schweden und leitet das von ihm selbst gestartete Theater "Teatro Avenida". "Ich weiß nicht warum, aber wenn ich in Afrika aus dem Flugzeug steige, habe ich das merkwürdige Gefühl, nach Hause zu kommen", schreibt Mankell auf seiner Internetseite. "Ich habe mehr von der Welt verstanden, seit ich mit einem Fuß im Schnee und mit dem anderen im Staub lebe", sagte er in einem Interview der "Times". In dritter Ehe verheiratet ist der Vater von vier Kindern mit der Theaterregisseurin Eva Bergman, einer Tochter des 2007 gestorbenen Filmemachers Ingmar Bergman.

Die Leidenschaft für Afrika und die Menschen dort hat sich literarisch in Romanen wie "Der Chronist der Winde" über das Leben und Sterben eines Straßenkindes niedergeschlagen. Über eine an Aids erkrankte Frau ("Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt") schrieb Mankell ein halbdokumentarisches Buch. Doch der weltberühmt und reich gewordene Krimi-Autor verfasst weiter auch Jugendbücher und Theaterstücke. In Stockholm betreibt er seinen eigenen Leopard-Verlag.

Touristenboom für Ystad
Den Weltruhm aber verdankt er vor allem den Krimis über den Fahnder aus Ystad. Ganz nebenbei bescherte er damit dem "wirklichen" Ystad an Schwedens Südspitze einen Touristenboom. Immer wieder überschwemmen Scharen von Wallander-Fans den Ort auf der Suche nach den Schauplätzen der Romane.

Zehnter Wallander-Krimi soll der letzte sein
Für den Roman "Der Feind im Schatten" hatte Mankel nach zehn Jahren Pause sein Versprechen an sich selbst gebrochen, keinen zehnten Wallander-Krimi zu schreiben. Unbewältigte schwedische Konflikte aus der Zeit des Kalten Krieges hätten ihn dann ebenso wieder zum Schreiben gebracht wie der Kampf vieler Menschen jenseits der 60 mit Gedächtnislücken, erzählte Mankell. Der Kampf gegen ernste Demenzprobleme des gut 60-Jährigen Fahnders wird wichtiger als die Krimihandlung. Dem Autor aber bot sich so auch eine Gelegenheit zum Abschied: Aus Respekt lasse er seine Figur allein, schließe die Tür und verlasse das Haus, beschrieb es Mankell.

(apa/red)

1.6.2010 17:31


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