Freitag, 4. Juni 2010

Nächstes Hilfsschiff fährt Richtung Gaza:
Setzt Israel auch diesmal das Militär ein?

  • Irischer Frachter will Seeblockade durchbrechen
  • Tausende demonstrieren in Wien für Gaza-Hilfsflotte
    Proteste & Demos gegen Israel in Istanbul & Ägypten

Im Mittelmeer zeichnet sich ein neues Kräftemessen zwischen pro-palästinensischen Aktivisten und der israelischen Armee ab. Der unter irischer Flagge fahrende Frachter "Rachel Corrie" sei auf dem Weg zur Küste des Gazastreifens und wolle die von Israel verhängte Seeblockade brechen, sagte die Mitbegründerin der Organisation "Free Gaza", Greta Berlin, am Freitag in Larnaca (Zypern).

Das Schiff solle noch im Laufe des Freitags oder Samstags an Ort und Stelle sein. Eine israelische Armeesprecherin dementierte unterdessen Berichte, wonach die Marine das Hilfsschiff abgefangen hat. "Das stimmt im Augenblick nicht", sagte sie. Ministerpräsident Netanyahu hatte zuvor angekündigt, dass Israel eine Verletzung der verhängten Seeblockade vor dem Gazastreifen nicht tolerieren werde. Allerdings stellte Netanyahu Lockerungen der bisherigen Sanktionen in Aussicht. Israel hat den pro-palästinensischen Aktivisten außerdem angeboten, ihre Fracht im Hafen von Ashdod zu löschen.

Bei der Erstürmung der Gaza-"Solidaritätsflotte" am Montag hatten israelische Soldaten neun Menschen getötet und mehr als 40 verletzt. Das Vorgehen hatte weltweit Kritik ausgelöst.

Der irische Frachter hat rund 1.200 Tonnen Ladung an Bord, darunter auch 560 Tonnen Zement. Israel lässt bisher keinen Zement in den Gazastreifen passieren. Als Grund gibt die Regierung in Jerusalem an, dass die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas damit ihre militärischen Strukturen neu aufbauen könnte. Zementmangel ist nach Angaben von Hilfsorganisationen eines der größten Hindernisse beim Wiederaufbau des im Gaza-Krieg 2008/2009 zerstörten Gazastreifens.

Demos in Wien
Erneut haben Tausende in Wien demonstriert. Anhänger der mittlerweile 127 Organisationen umfassenden pro-palästinensischen Solidaritätsplattform marschierten vom Treffpunkt bei der Oper zum Ballhausplatz, wo vor dem Bundeskanzleramt die Abschlusskundgebung abgehalten wurde.

Laut Auskunft eines Polizisten vor Ort ist der Demonstrationszug über den Ring friedlich verlaufen. Der Wiener SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi bezeichnete den Gazastreifen als "Freiluftgefängnis", in dem "1,5 Millionen Menschen eingesperrt sind". Die bisher umgekommenen palästinensischen Opfer des Nahost-Konfliktes seien aber "nicht umsonst gestorben". "Wir werden euren Weg weiterführen", so Al-Rawi.

"Akt der Piraterie"
Der israelische Angriff auf die Gaza-Flotte in internationalen Gewässern sei ein "Akt der Piraterie und Kidnapping". Weiters habe die israelische Armee auf einem Schiff unter türkischer Flagge "nichts verloren". Al-Rawi forderte die israelische Regierung auf, das gesamte Videomaterial des Angriffs freizugeben, um den Vorfall aufklären zu können.

Zwischen und während der in deutscher, türkischer und arabischer Sprache abgehaltenen Redebeiträge skandierten die Demonstranten immer wieder "Israel Terrorist", "Kindermörder Israel" sowie "Lasst Gaza leben, lasst Gaza frei". Auf Schildern war u.a. zu lesen: "Stoppt die Besatzung", "Piratenüberfall auf humanitäre Hilfe", "Free Gaza" sowie "Stoppt Israel. Freiheit für Palästina".

Die Demonstranten schwenkten türkische und palästinensische Fahnen. Laut Angaben eines Polizisten vor Ort beteiligten sich an dem Demonstrationszug rund 10.000 Personen, an der Kundgebung ungefähr 5.000. Die Veranstalter schätzten die gesamte Teilnehmerzahl auf 12.000 bis 15.000.

Proteste in Istanbul
Bei einer Beerdigungszeremonie für einen getöteten Gaza-Solidaritätsaktivisten ist es auch in Istanbul zu neuen Protesten gegen Israel gekommen. Zu der Trauerfeier um die Beyazit-Moschee versammelten sich mehr als 20.000 Menschen, viele davon mit türkischen und palästinensischen Fahnen, wie türkische Fernsehsender berichteten.

Der getötete Cevdet Kiliclar war ein Mitarbeiter der islamisch-türkischen Stiftung für humanitäre Hilfe (IHH). Die Organisation hatte erklärt, Kiliclar sei erschossen worden, während er Fotos der israelischen Soldaten machte.

Auch Großdemo in Ägypten
In Ägypten sind nach dem islamischen Freitagsgebet Zehntausende auf die Straße gegangen, um gegen die Erstürmung der internationalen Gaza-Hilfsschiffe durch die israelische Armee zu protestieren. Sie schwenkten palästinensische und türkische Fahnen. In der Hafenstadt Alexandria, wo die offiziell verbotene Muslimbruderschaft zu Protesten aufgerufen hatte, skandierten nach Angaben von Augenzeugen rund 15.000 Menschen antiisraelische Parolen. Sie forderten, der jüdische Staat müsse für den Völkerrechtsbruch durch den Angriff in internationalen Gewässern bestraft werden.

(apa/red)

4.6.2010 21:59