29.5.2010 18:18

Die Nati, Verrückte und kleine Brasilianer:
Wenig Gegenwehr für Spanien in Gruppe H

  • Schweiz, Chile und Honduras rittern um zweiten Platz
  • Spanien in 44 Spielen nur einmal besiegt worden

Nach der Conquista Europas will sich Spanien auch zum Weltreich mausern, der errungene EM-Titel hat Lust auf mehr geweckt. Vor der Fußball-WM in Südafrika ist der Optimismus so groß, dass Teamchef Vicente del Bosque seine Landsleute vor überzogenen Erwartungen warnt. "Es wäre kein katastrophaler Schiffbruch, wenn wir den Titel nicht gewinnen", meinte der 59-Jährige. Dennoch ist "La Roja" einer der heißesten Favoriten auf den Titelgewinn. Mit der Schweiz, Chile und Honduras als Gegner dürfte dem Team von del Bosque zumindest in der Gruppenphase nichts anbrennen.

Spanien
Bisher war Spanien jahrelang vom Fluch begleitet worden, bei Endrunden spätestens im Viertelfinale zu scheitern. Erst bei der EURO 2008 war Schluss damit. In Österreich nämlich kitzelte der alte Futbol-Weise Luis Aragones die Urtugenden des Fußballspiels aus der "Seleccion" hervor. Vor ihrem "Tiqui-taca", dem flinken Kurzpass-Spiel, mussten letztlich alle - Finalgegner Deutschland inklusive - kapitulieren.

Aragones trat am Höhepunkt seiner Laufbahn als Teamchef ab, doch wurde mit Del Bosque ein geradezu kongenialer Nachfolger gefunden. Wie Aragones verkörpert er fast den Prototyp des behäbigen Durchschnittsspaniers. Obwohl man sich auch um Aragones und Del Bosque wahrlich keine finanziellen Sorgen machen muss, sind sie damit geradezu die Anti-These der Glanz- und Glamourwelt, mit der Vereine wie Real Madrid oder FC Barcelona die Fußball-Welt erobern wollen.

Real und "Barca" stehen in Spanien für zwei Pole: Da die Hauptstadt Madrid, dort das aufmüpfige Katalonien. Im Nationalteam spielen die nationalistischen Ränkespiele keine Rolle. Im Kader jenes spanischen Teams, das im November 2009 in Wien freundschaftlich 5:1 gewann, standen sechs Katalanen, und auch zwei Basken.

In den vergangenen 44 Matches gab es für Spanien eine einzige Niederlage. Doch diese führte Del Bosque und Co. 2009 bei der WM-Generalprobe Confederations Cup vor Augen, wie schnell Ruhm und Statistiken verblassen. Das Halbfinale gegen die USA endete 0:2.

Schweiz
Mit so großen Erwartungen waren die Schweizer in die gemeinsam mit Österreich veranstaltete Heim-Europameisterschaft 2008 gegangen - umso länger waren die Gesichter nach dem Out in der Vorrunde. Dabei hatten sich die Eidgenossen, die bei der WM 2006 im Achtelfinale erst im Elfmeterschießen an der Ukraine gescheitert waren, gute Chancen auf zumindest das Viertelfinale ausgerechnet. Bei der Endrunde in Südafrika will die Schweiz den Ausrutscher von 2008 vergessen machen.

Seit Jahren gilt die Schweiz als aufstrebende Fußballnation. Erst im vergangenen Jahr haben die eidgenössischen U17-Kicker die Weltmeisterschaft in Nigeria und damit den ersten FIFA-Titel des Landes errungen. Frische Begeisterung entfachte nach der Schmach bei der Heim-EURO auch der neue deutsche Teamchef Ottmar Hitzfeld, der den nach sieben Jahren zurückgetretenen Köbi Kuhn beerbte.

Zwar verzeichneten die Schweizer einen durchwachsenen Start in die WM-Qualifikation, dessen Höhepunkt eine 1:2-Niederlage gegen Luxemburg in Zürich war, doch verhalfen eine Serie von acht Partien ohne Niederlage und vor allem zwei Siege gegen Griechenland letztendlich zum ersten Platz in der Gruppe 2 und der direkten Qualifikation für die Endrunde in Südafrika.

Unumstrittener Chef der "Nati" ist Alexander Frei. Der nunmehr für den FC Basel spielende, ehemalige Dortmund-Stürmer ist Rekordtorschütze und Kapitän des Schweizer Teams. Sein Sturmpartner in Südafrika wird aller Voraussicht nach Altstar Blaise Nkufo sein, der bei der WM in Deutschland und der EURO 2008 noch gefehlt hatte. 35 Jahre wird der in Kinshasa geborene Angreifer bald alt, doch erlebte er in der WM-Quali eine Renaissance und erzielte in den Gruppenspielen fünf Tore. Nkufo ist nur einer von vielen "Secondos", also Schlüsselspieler, die von Einwanderer-Familien stammen.

Chile
Ein "Verrückter" soll Chile zu WM-Ehren führen. Mit Marcelo Bielsa, in Südamerika bekannt als "El Loco", am Ruder hat sich der Andenstaat in kaum für möglich gehaltener Souveränität für die Endrunde in Südafrika qualifiziert. Unter dem 54-jährigen Argentinier überraschten die Chilenen mit Jugend und dem Mut zur Offensive - und die Konkurrenz mit dem schlussendlich zweiten Gruppenrang nur einen Zähler hinter Rekordweltmeister Brasilien.

Im 16,6 Mio. Einwohner zählenden Staat an der Pazifik-Küste genießt Bielsa, der sich seinen Ruf dank unkonventioneller Methoden erarbeitet hat, Heldenstatus. Der im August 2007 inaugurierte Teamchef verpasste dem nun achtfachen Endrunden-Starter ein neues, erfolgreiches Gesicht. In einem angriffslustigen 3-4-3-System überzeugte Chile in der Qualifikation spätestens nach einem 1:0-Heimerfolg gegen Bielsas Ex-Arbeitgeber und Heimat Argentinien im Oktober 2008. "Ich fühle mich wohler, wenn mein Team mehr angreift, als verteidigt", lautet einer von Bielsas Lehrsätzen.

Chile baut dabei mit Erfolg auf einige junge Akteure. Mit Stammkräften wie Arturo Vidal (Leverkusen) und "El Nino Maravilla" (Wunderkind) Alexis Sanchez (Udinese) bekamen es bei der U20-Weltmeisterschaft in Kanada 2007 auch Österreichs Jungkicker zu tun. Die Südamerikaner holten im kleinen Finale gegen das ÖFB-Team um Paul Gludovatz damals WM-Bronze. Weitere Eckpfeiler sind Stürmer Humberto Suazo (Saragossa) und Mittelfeldmann Matias Fernandez (Sporting Lissabon).

Der größte Erfolg von "La Roja" (Die Rote) liegt bereits lange zurück. 1962 beendeten die Chilenen ihre Heim-Weltmeisterschaft auf dem dritten Rang. Von sich reden machte die Chilenen dann Ende der 90er-Jahre mit dem damaligen Weltklasse-Sturmduo Ivan Zamorano und Marcelo Salas ("Za-Sa"). Doch auch bei der WM 1998 war für den damaligen Gruppengegner von Österreich - das Spiel endete 1:1 - im Achtelfinale gegen Brasilien Endstation. Die folgenden zwei Turniere verpassten die Chilenen.

Nach souveräner Qualifikation erwarten sich die chilenischen Fans nun zumindest das Achtelfinale. Nicht nur seine riesige Ansammlung von Fußballvideos soll Bielsa helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Honduras
Honduras' "kleine Brasilianer" wollen bei ihrer zweiten WM-Teilnahme erneut überraschen. Nach der Premiere 1982 qualifizierten sich die Kicker aus Zentralamerika nach 28 Jahren Pause wieder für eine Endrunde. Der kolumbianische Teamchef Reinaldo Rueda darf in Südafrika auf eine Riege von Kickern aus Europas Topligen vertrauen.

Als "stark am Ball, richtig kleine Brasilianer" definiert der 53-Jährige seine Schützlinge. Taktisch und in der Defensivarbeit, so der seit Jänner 2007 im Amt weilende Rueda, hätten sie aber noch Nachholbedarf. "Los Catrachos" qualifizierten sich als Dritte der CONCACAF-Zone (Nord- und Mittelamerika sowie Karibik) für die WM und ließen dabei Costa Rica hinter sich.

Star der Mannschaft aus dem politisch und sozial gebeutelten Land ist David Suazo. Den von Inter Mailand an den FC Genoa verliehenen Stürmer plagte in den vergangenen Monaten aber eine Muskelverletzung im rechten Bein. Seine Fitness lässt deshalb zu Wünschen übrig. Mit Maynor Figueroa, Hendry Thomas (beide Wigan) und Wilson Palacios (Tottenham) verdienen darüber hinaus gleich drei Kicker ihr Geld in der englischen Premier League.

Bei der bisher einzigen WM-Teilnahme war Honduras unglücklich ausgeschieden. 1982 setzte es jeweils 1:1-Remis gegen Gastgeber Spanien und die Nordiren sowie ein unglückliches 0:1 gegen Jugoslawien. Für Missstimmung sorgten im Vorfeld vom Verband nicht ausbezahlte Prämien. Für das Erreichen der Endrunde war dem Team eine Million Dollar versprochen worden. Anfang April reagierte zumindest der Nationalkongress und beschloss eine Finanzspritze von einer Million Lempiras (knapp 40.000 Euro).

Blutige Geschichte schrieb Honduras mit dem "Fußballkrieg" (La guerra del futbol) gegen El Salvador vom 14. bis 18. Juli 1969. Nach einem mit vielen schmutzigen Tricks geführten WM-Qualifikationsduell - El Salvador löste damals im Entscheidungsspiel in Mexiko-Stadt das Ticket zur Endrunde 1970 - eskalierten die jahrelang aufgebauten Spannungen zwischen den beiden Nachbarn. In den viertägigen kriegerischen Auseinandersetzungen starben rund 2.000 Menschen. 40 Jahre später trafen die beiden Teams in der Qualifikation erneut aufeinander. Beide Spiele gewann Honduras mit 1:0 - zu Ausschreitungen kam es nicht. (apa/red)

29.5.2010 18:18
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