9.6.2010 20:58

G wie Todesgruppe: Brasilien, Portugal und Elfenbeinküste rittern um das Achtelfinale

  • Nordkorea stellt mit viertem Team große Unbekannte
  • Rekordweltmeister Brasilien ohne großen Ballzauber

Brasilien ist auch bei der WM in Südafrika zum Titelgewinn verurteilt. Nach der Schmach von Deutschland 2006, als für den Titelverteidiger bereits im Viertelfinale gegen Frankreich Endstation gewesen war, soll die von Kapitän Lucio angeführte "Selecao" die "Hexa", den sechsten WM-Triumph, nun bei der ersten Endrunde auf afrikanischem Boden fixieren. Dieses Ziel erscheint umso ambitionierter, als dass die Brasilianer mit Portugal, der Elfenbeinküste und Nordkorea in der nominellen Todesgruppe 2010 gelandet sind.

Brasilien
Jedes andere Ergebnis als ein Finaltriumph wäre für den fünffachen Rekordweltmeister Brasilien eine bittere Enttäuschung, wollen sie doch als Weltmeister in die Heim-WM 2014 gehen.

Auch Teamchef Carlos Dunga, der selbst bei drei Weltmeisterschaften für seine Heimat gespielt hat und 1994 als Kapitän der Gelb-Blauen in den USA Weltmeister geworden ist, weiß um diese riesige Erwartungshaltung. Und der 46-Jährige, der sich als defensiver Mittelfeldmann auch für die fußballerische "Drecksarbeit" nicht zu schade war, hat mit dem Copa-America-Triumph 2007 sowie dem Confederations-Cup-Sieg und Gewinn der südamerikanischen WM-Qualifikation im Vorjahr bewiesen, dass er der richtige Mann auf der Kommandobrücke ist. Unter ihm blieben Kaka und Co. zudem vom 15. Juni 2008 bis zum 11. Oktober 2009 in 19 Spielen ungeschlagen.

Die Zeiten in denen die Brasilianer nur als große Ballzauberer galten, gehören der Vergangenheit an. Unter dem im eigenen Land auch dafür heftig kritisierten Dunga spielt die Auswahl aus dem fünftgrößten Land der Welt aus einer kontrollierten Defensive heraus und wartet in der Offensive auf Geniestreiche von Real-Madrid-Mittelfeldregisseur Kaka oder den tollen Torriecher von Sevilla-Goalgetter Luis Fabiano. Ein schlagkräftiges Team ist für Dunga wichtiger als Superstars wie Ronaldinho. Der zweifache Weltfußballer wurde aufgrund seiner zu großen Leistungsschwankungen nicht einmal mehr in den Teamkader berufen.

"Nur wer kontinuierlich Leistung bringt und regelmäßig spielt, fährt mit zur WM", betonte Dunga stets, denn die "Selecao" muss diesmal bereits in der Gruppenphase hellwach sein, trifft sie doch schon in der ersten Turnierphase neben dem großen Außenseiter Nordkorea auf Portugal und die Elfenbeinküste.

Aber für einen Titelfavoriten dürfen auch solch unangenehme Gegner nicht zum Stolperstein werden. Kaka brachte es auf den Punkt: "Wir müssen lernen, mit dem Favoritenstatus zu leben. Wir können nicht zulassen, dass sich dies negativ auswirkt, wie es in vergangenen Jahren bereits der Fall war."

Portugal
Portugal nimmt die Fußball-WM in Südafrika bestenfalls mit Außenseiterchancen auf den Titel in Angriff - und das nicht nur wegen der Auslosung, die den Iberern in Gruppe H schwierige Duelle beschert. Trotz Superstar Cristiano Ronaldo hat die Mannschaft von Teamchef Carlos Queiroz im Vergleich zur Endrunde 2006 in Deutschland, wo WM-Rang vier herausschaute, merklich an Qualität eingebüßt.

Dies wurde in der Quali für Südafrika offensichtlich. Portugal schleppte sich mit viel Mühe auf Gruppenrang zwei hinter Dänemark und setzte sich anschließend im Play-off im vergangenen November ebenfalls alles andere als souverän gegen Bosnien-Herzegowina durch.

Wenig später erlitt Abwehrchef Pepe einen Kreuzbandriss und fällt eventuell für das Turnier aus. Dazu kommt, dass Schlüsselspieler wie Deco, Simao, Ricardo Carvalho, Paulo Ferreira oder Liedson den 30. Geburtstag schon länger hinter sich haben.

Doch wenigstens haben die Portugiesen mit Cristiano Ronaldo von Real Madrid den teuersten Fußballer der Welt in ihren Reihen. Auf Vereinsebene hat der Offensivspieler mit Manchester United alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, mit der Nationalmannschaft wartet Ronaldo nach Platz zwei bei der Heim-EM 2004 und Rang vier bei der WM 2006 aber noch auf den großen Wurf.

Immerhin leistete der Superstar in den vergangenen Jahren seinen Beitrag dazu, dass sich Portugal endgültig unter den Fußball-Top-Nationen etablierte. Nach WM-Bronze 1966, dem bisher größten Erfolg Portugals, wurde es mit Ausnahme des EM-Viertelfinales 1984 über drei Jahrzehnte lang relativ still um die Iberer, ehe Ende der 1990er-Jahre die "Goldene Generation" auf den Plan trat.

Luis Figo, Rui Costa und Co. brachten die Portugiesen wieder zurück an die Spitze, auch ihr altersbedingter Rückzug konnte relativ problemlos kompensiert werden. Nach der Weltmeisterschaft in Südafrika steht allerdings ein neuerlicher Umbruch bevor, Regisseur Deco etwa deutete bereits seinen Nationalmannschafts-Abschied nach dem Turnier an. Der gebürtige Brasilianer, der 1997 nach Portugal kam, 2002 die Staatsbürgerschaft annahm und ein Jahr später in der "Seleccao" debütierte, will sich nach dem Ende seines Vertrags bei Chelsea im kommenden Sommer in seine alte Heimat zurückziehen.

Elfenbeinküste
Bei ihrer zweiten WM-Endrunde wollen die "Elefanten" des Fußball-Nationalteams von der Elfenbeinküste mehr. Nach dem teilweise unglücklichen Vorrunden-Out in Deutschland 2006 hat sich das Starensemble rund um den bulligen Chelsea-Stürmer Didier Drogba für die Endrunde in Südafrika einiges vorgenommen. Damals waren die Ivorer mit knappen Niederlagen an Argentinien und den Niederlanden gescheitert, einzig im letzten Gruppenspiel gegen Serbien gelang ein Sieg.

"Ich denke, dass es uns nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung möglich sein sollte, 2010 viel besser abzuschneiden", meinte Drogba. "Möglicherweise schaffen wir es bis ins Viertelfinale oder sogar ins Halbfinale. Das könnten wir durchaus erreichen." Allgemein gilt die Elfenbeinküste als das afrikanische Land, dem bei der Endrunde im Süden des Kontinents das beste Ergebnis zugetraut wird. Fast der gesamte Teamkader ist bei namhaften europäischen Vereinen engagiert.

Neben Salomon Kalou bildet Yaya Toure vom FC Barcelona das Rückgrat der Mannschaft. Neben dem zentralen Mittelfeldspieler sorgt Didier Zokora vom FC Sevilla für Akzente. Die Defensive gilt mit Emmanuel Eboue von Arsenal und Kolo Toure von Manchester City als eine der besten Abwehrreihen, die Afrika je hatte. Der Zeitpunkt des Einsatzes von Didier Drogba bleibt nach seiner Verletzung weiterhin fraglich.

Auch der Trainer ist ein absoluter Spitzenmann seines Fachs. Erst im März hat der Schwede Sven-Göran Eriksson das Amt des ivorischen Teamchefs übernommen. Er folgte Vahid Halilhodzic nach, der nach dem Viertelfinal-Out beim Afrika-Cup, der einzigen Niederlage in 24 Spielen unter dem Bosnier, seiner Funktion enthoben worden war. Eriksson war bereits Teamchef Englands und Mexikos, auf Vereinsebene betreute er unter anderem Manchester City und die AS Roma. Mit insgesamt 21 Titeln zählt er zu den erfolgreichsten Coaches aller Zeiten.

Nordkorea
Nach einem Qualifikationsmarathon mit insgesamt 16 Spielen und einem abschließenden torlosen Remis in Saudi-Arabien war die Sensation tatsächlich perfekt: Nordkorea ist 44 Jahre nach der bisher einzigen WM-Teilnahme wieder für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Beim Turnier in England 1966 hatten die Asiaten in der Vorrunde überraschend Italien 1:0 besiegt und waren im Viertelfinale Portugal nach 3:0-Führung noch 3:5 unterlegen.

Damals wie heute kam die nordkoreanische Mannschaft praktisch aus dem Nichts. Die meisten Spieler sind in der heimischen Liga des politisch isolierten kommunistischen Nordens der koreanischen Halbinsel aktiv. Einzig der beim russischen Club FK Rostow beschäftigte Angreifer Hong Yong-Jo und sein in Japan geborener und beim dortigen Spitzenclub Kawasaki Frontale engagierter Sturmpartner Jong Tae-Se stechen aus dem laufstarken Kollektiv heraus.

Teamchef ist seit 2007 Kim Jong-Hun. In Anbetracht der internationalen Unerfahrenheit seiner Mannschaft setzt der nordkoreanische Teamchef auf eine disziplinierte Spielanlage mit einer gehörigen Portion Beton. Mit einem 5-4-1-System und enormer Laufbereitschaft erkämpfte sich sein Team den Weg zur Endrunde in Südafrika 2010.

Bei dieser Auslosung wird der Aufstieg ins Achtelfinale eine mittlere Sensation sein. An Motivation dürfte es den Nordkoreanern aber nicht mangeln. "Wahrscheinlich gibt es kein anderes Team auf der Welt, das mit demselben Einsatz kämpft, um dem Führer Freude zu bereiten und dem Mutterland Ruhm zu bringen", meinte Teamchef Kim Jong-Hun. (apa/red)

9.6.2010 20:58
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