Ein Titelverteidiger, drei Unberechenbare:
Italien beginnt als klarer Favorit in Gruppe F
- Paraguay seit 1998 bei jeder Weltmeisterschaft dabei
- Neuseeland und Slowakei als "Frischlinge" einzustufen

Als Titelverteidiger und vierfacher Weltmeister zählt Italien logischerweise zum Favoritenkreis der Fußball-WM in Südafrika. Zudem hat die Squadra Azzurra mit der Gruppe F und den Gegnern Paraguay, Slowakei und Neuseeland eine der leichtesten Auslosungen für den Start ins Turnier erhalten.
Italien
In der Qualifikation haben die Italiener mit ihrer traditionellen Effizienz überzeugt, mit sieben Siegen, drei Remis und keiner einzigen Niederlage geriet man kaum in Bedrängnis. Die Teilnahme stand - wie auch in den Qualis vor den WM-Titeln 1982 und 2006 - bereits nach dem vorletzten Spieltag fest.
Als Talisman auf der Trainerbank Italiens fungiert wie 2006 Marcello Lippi (61), der Roberto Donadoni nach der verkorksten EM 2008 (Viertelfinal-Out in Wien gegen Spanien) wieder abgelöst hatte. Und der Mann aus der Toskana hat seine WM-Helden nicht vergessen und wird aus ihnen auch den Grundstock des Teams 2010 bilden. Trotz harter Kritik in Italien an der Altersstruktur der ein wenig in die die Jahre gekommenen "Nazionale".
Lippi ist ein angesehener Titelhamster und hat auch auf dem Weg zum WM-Titel 2006 sein goldenes Händchen spielen lassen, nicht weniger als fünf der zwölf italienischen Treffer wurden von eingewechselten Spielern erzielt. Lippi muss darauf hoffen, dass Tormann Gianluigi Buffon (31) und Abwehrchef Fabio Cannavaro (36) auch vier Jahre nach dem Final-Triumph von Berlin gegen Frankreich defensiv den Laden zusammenhalten. Cannavaro war nach der WM sogar zum Weltfußballer des Jahres 2006 gekürt worden.
Auch der Motor des Teams trägt noch immer den selben Namen wie bei der WM in Deutschland, der Name des Mittelfeld-Rackerers lautet Gennaro Gattuso (31). In der Offensive werden die Italiener vor allem auf die Genialität von Andrea Pirlo (31) angewiesen sein, er soll die Fäden ziehen und die Stürmer versorgen.
"Ich will nicht sagen, dass wir besser als alle anderen Teams sind. Aber wir müssen uns ganz sicher vor niemandem verstecken. Wir wollen wieder Weltmeister werden", glaubt Lippi, dass auch in Südafrika alles möglich ist.
Paraguay
Im Schatten der großen Nachbarn Brasilien und Argentinien hat sich das "kleine" Paraguay zu einem echten WM-Dauerbrenner entwickelt. Seit 1998 hat Paraguay, geografisch zwischen den beiden Fußball-Großmächten gelegen, keine Weltmeisterschaft verpasst und steht 2010 zum insgesamt achten Mal in einer Endrunde.
In der Südamerika-Qualifikation bot die Mannschaft um den Argentinier Gerardo "Tata" Martino die bis dato beste Vorstellung ihrer Historie. Zehn Siege in 18 Partien standen am Ende zu Buche, das Ticket buchte das nach den Trikot-Farben (weiß-rot) "Albirroja" genannte Team mit einem umjubelten 1:0 gegen Argentinien vorzeitig. Bei Endrunden war für die oft übervorsichtig agierenden Paraguayer bisher aber wenig zu holen. Jüngste Erfolge sind die Achtelfinal-Einzüge in Frankreich 1998 und Japan/Südkorea 2002.
Nach einem weiteren Vorrunden-Aus in Deutschland beerbte Martino den Uruguayer Anibal Ruiz. Dass er seit 2002 in Paraguay arbeitet, kommt dem 47-Jährigen auch verbal zugute. So ist die Indio-Sprache Guarani, neben Spanisch die zweite offizielle Landessprache, bei 90 Prozent der 6,6 Mio. Paraguayer in den täglichen Sprachgebrauch eingeflossen und auch im Nationalteam Usus.
Paraguay vertraut traditionell auf eine gefestigte Abwehr, setzt unter Martino aber auch offensive Akzente. Die Stars finden sich in der Angriffsabteilung. Bekanntester Name ist Roque Santa Cruz, der bei Manchester City aber nicht über die Reservistenrolle hinauskommt. Gesetzt scheinen deshalb Nelson Haedo Valdez (Borussia Dortmund) und Oscar Cardozo (Benfica). In die Schlagzeilen kam in den vergangenen Monaten Salvador Cabanas, der nach einem Kopfschuss um sein Leben bangen musste. Die WM erlebt der Mexiko-Legionär deshalb nur vor dem TV-Gerät.
Eine Kontroverse löste kurz vor der WM auch die Einbürgerung des argentinischen Angreifers Lucas Barrios aus. Da bereits drei gebürtige "Gauchos" für Paraguay spielen, vermuteten Kritiker eine Bevorzugung seiner Landsmänner durch Martino. Dieser konterte auf ironische Weise: "Man wird mich nicht deshalb aufhängen, weil ich viele eingebürgerte Spieler einsetze. Sondern nur dann, wenn wir verlieren sollten."
Neuseeland
Erst zum zweiten Mal hat sich Neuseeland für eine Fußball-WM-Endrunde qualifiziert. Und wie 1982 in Spanien sind die "All Whites" auch in Südafrika in der Gruppe F gegen Titelverteidiger Italien, Paraguay und WM-Debütant Slowakei der große "Underdog". Vor 28 Jahren setzte es mit dem 2:5 gegen Schottland, 0:3 gegen die Sowjetunion und 0:4 gegen Brasilien drei klare Niederlagen, diesmal soll es wenigstens zum ersten Punkt reichen.
Teamchef Ricki Herbert und sein Assistenztrainer Brian Turner waren beim WM-Debüt Schlüsselspieler der damaligen Mannschaft. Das Duo hat in den vergangenen fünf Jahren aus den Neuseeländern eine solide Mannschaft geformt, deren große Stärken sicher in der von Kapitän und Blackburn-Rovers-Innenverteidiger Ryan Nelsen organisierten Abwehr liegen. So schaffte es etwa Bahrain in den beiden Play-off-Matches der letzten Qualifikationsphase nicht, die Verteidigungslinie des Ozeanien-Meisters zu überwinden.
Doch gegen Weltklasse-Mannschaften stehen die "Kiwis" trotzdem meist auf verlorenem Posten. So erlitten sie im Vorjahr im Confederations Cup gegen Europameister Spanien ein 0:5-Debakel. Gruppenfavorit Italien konnten sie zuletzt allerdings ärgern, unterlagen in einem Freundschaftsspiel am 10. Juni 2009 nach dreimaliger Führung nur 3:4. Den Trefferreigen eröffnete damals übrigens Shane Smeltz, auf dessen Torriecher die Neuseeländer bei der WM hoffen.
Der am 29. September 1981 in Göppingen geborene Stürmer wurde 2007 und 2008 als Ozeaniens Fußballer des Jahres und im Vorjahr als bester Spieler der australischen A-League ausgezeichnet. Außerdem war Smeltz in der abgelaufenen Saison mit 19 Treffern für seinen Club Gold Coast United Torschützenkönig in "down under".
Auf seinen legendären Landsmann Wynton Rufer, der zusammen mit dem ÖFB-Rekordinternationalen Andreas Herzog lange Zeit für Werder Bremen gespielt hatte und zu Beginn des Jahrtausends als Ozeaniens Fußballer des Jahrhunderts geehrt worden ist, fehlt dem 28-Jährigen aber trotzdem noch einiges, vor allem ein Engagement in einer europäischen Top-Liga. Um sich für eine solche zu empfehlen, ist die WM die perfekte Bühne.
Slowakei
Die slowakische Fußball-Nationalmannschaft betritt bei der WM in Südafrika erstmals die Endrunden-Bühne. An guten Kickern hat es den Slowaken freilich nie gemangelt, vom ballesterischen Kapital profitierte allerdings jahrzehntelang die Tschechoslowakei. So kam das Gros jener Spieler, die angeführt vom slowakischen Kapitän Anton Ondrus 1976 bei der EM triumphierten, aus dem kleineren, von Prag oft bevormundeten Landesteil. 17 Jahre nach Erlangung der Souveränität soll nun auch ein rein slowakisches Erfolgskapitel geschrieben werden.
Dass in der WM-Qualifikation just "Bruder" Tschechien eliminiert wurde, sorgte bereits für Jubel. Fußball wird der großen slowakischen Leidenschaft Eishockey aber wohl dennoch nicht den Rang ablaufen. Doch die Elf von Vladimir Weiss will es zumindest versuchen. "Bisher ist Eishockey die klare Nummer eins in unserem Land. Hoffentlich können wir durch unsere WM-Teilnahme und einem guten Abschneiden bei dem Turnier den Abstand verkleinern", sagte Stürmer und Bochum-Legionär Stanislav Sestak.
Sestak ist gemeinsam mit Liverpool-Verteidiger Martin Skrtel und Neapels torgefährlichem Mittelfeldmann Marek Hamsik einer der bekannteren Spieler eines Teams, das über keine echten Stars verfügt. Hamsik könnte freilich noch einer werden. "Er hat das Zeug zum Weltklasse-Fußballer. Er ist ein richtiger Goldjunge", meinte Weiss, der seit 2008 die Geschicke des Nationalteams führt. Auch Salzburgs Dusan Svento gehört dem erweiterten Kader an, in der WM-Qualifikation kam er in drei Partien aber nur 91 Minuten zum Einsatz.
Weiss selbst ist der mittlere Spross einer echten Fußballer-Familie. Vater Vladimir I holte 1964 mit der Tschechoslowakei Olympiasilber, sein Sohn Vladimir III kickt nicht nur bei Bolton, sondern auch im slowakischen Nationalteam. Vladimir II selbst spielte bei der WM 1990 auch gegen Österreich, als Trainer sorgte er 2005 für Aufsehen, als er mit Artmedia Petrzalka die Gruppenphase der Champions League erreichte.
Mit einem jungen, gut organisierten Team scheint für die Slowaken der Einzug ins Achtelfinale durchaus in Reichweite. Weiss ist zuversichtlich: "Wir sind kein Außenseiter, aber eine Mannschaft, die eine Überraschung sein könnte. Eine positive Überraschung." (apa/red)


















