8.6.2010 14:16

Kein leichter Beginn für "Sommermärchen":
Zähe Gegner für Deutschland in Gruppe D

  • Serbien und Ghana wollen für Überraschung sorgen
  • Australiens "Socceroos" vor Gruppenphase skeptisch

Seit der "Auferstehung" und dem 2006 bei der Heim-WM mit Bronze geschriebenen "Sommermärchen" muss man Deutschland wieder bei jedem Turnier zum engeren Favoritenkreis zählen. Der Weltmeister von 1954, 1974 und 1990 will zwanzig Jahre nach dem 1:0 gegen Argentinien in Rom wieder ganz oben stehen. Zwei Gründe, die dagegen sprechen könnten sind mit Serbien und Ghana bereits in der Gruppenphase gelistet. Australien, das vierte Team in der Gruppe D, zeigt sich indes skeptisch und leidet immer noch unter dem umstrittenen Aus bei der WM 2006.

Deutschland
Deutschland hat die relativ leichte WM-Qualifikationsgruppe 4 ungeschlagen gewonnen und hofft in Südafrika auf die Fortsetzung eines hochkarätigen Laufes. Nach WM-Dritter 2006 und EM-Zweiter 2008 würde die Serie den WM-Titel verlangen. Dem entgegen stehen zuerst einmal die unbequemen Gruppengegner Australien, Serbien und Ghana.

Der ehemalige Austria Wien- und FC Tirol-Trainer Joachim Löw, der im Juli 2006 Jürgen Klinsmann beerbte, zählt Deutschland nicht zu den "absoluten Top-Favoriten wie Spanien, Brasilien, Argentinien", doch sagt er auch, dass "wir immer gute Chancen haben, auch Weltmeister zu werden."

Löws Vertrag läuft im Sommer aus, die zuletzt geführten Verhandlungen mit dem DFB scheiterten und zogen heftige öffentliche Diskussionen nach sich. Nach dem bisher letzten Titelgewinn 1990 in Italien unter Franz Beckenbauer waren die Deutschen 1994 in den USA und 1998 in Frankreich jeweils bereits im Viertelfinale gescheitert. 2002 in Japan und Südkorea führte Rudi Völler die Elf bis ins Finale.

Serbien
Serbiens Fußball-Nationalteam tritt bei der WM in Südafrika zwar erstmals bei einer Endrunde an, gehört aber keinesfalls zu den Außenseitern. Die Qualitäten der Serben bekam Österreich in der Qualifikation ebenso zu spüren wie Ex-Weltmeister Frankreich, das sich sein Ticket erst über das Play-off sichern musste. Kein Wunder, dass das Legionärs-Ensemble in Gruppe D mit Deutschland, Ghana und Australien große Hoffnungen auf das Achtelfinale hegt.

Bei der WM 2006 in Deutschland präsentierten sich die Serben noch als Prügelknaben. Die damals im Verbund mit Montenegro antretende, aber fast ausschließlich aus Serben bestehende Mannschaft schlitterte in ein regelrechtes Desaster, kassierte drei Niederlagen und wurde von Argentinien mit 0:6 abgefertigt. Auch auf dem Weg zur EM 2008 in Österreich war man hinter Polen und Portugal gescheitert.

Kränkungen, die längst vergessen sind. Als Vater des derzeitigen Erfolgs gilt Trainer Radomir Antic, der seit seiner Amtsübernahme im August 2008 viele starke Individualisten zu einem schlagkräftigen, technisch versierten Kollektiv formte. Der 61-Jährige gilt auch insofern als Ausnahmeerscheinung, da er als bisher einziger Trainer sowohl Barcelona als auch Real und Atletico Madrid coachte.

In der Qualifikation musste man sich nur in Frankreich sowie im bereits bedeutungslosen letzten Spiel in Litauen geschlagen geben. Die ÖFB-Elf unterlag sowohl zu Hause (1:3) als auch in Belgrad (0:1). "Antic hat sicherlich einen großen Anteil an unserer Entwicklung", umschreibt Manchester Uniteds Defensiv-Bollwerk Nemanja Vidic die Qualitäten des Trainers.

Als Prunkstück des serbischen Teams gilt die Verteidigung um Vidic und Branislav Ivanovic von Englands Meister Chelsea. Leichte Unsicherheit herrscht hingegen am Tormann-Posten: Einser-Goalie Nikola Stojkovic saß in der vergangenen Saison bei Sporting Lissabon bzw. Wigan allzu oft nur auf der Bank. Im Mittelfeld hat Inter Mailands Dejan Stankovic die Kapitänsrolle inne, im Sturm kann Antic auf die Goalgetter Marko Pantelic (Ajax Amsterdam) und Milan Jovanovic (Standard Lüttich) vertrauen.

Das Selbstvertrauen der "Beli orlovi" (Weiße Adler) ist jedenfalls beachtlich. "Deutschland hat einen großen Namen und ist sicherlich der Favorit in unserer Gruppe. Aber auch sie sind schlagbar", sagte Stuttgart-Legionär Zdravko Kuzmanovic.

Ghana
Ghana hat am 6. September 2009 als erstes Team vom Schwarzen Kontinent das Ticket für die Heim-WM gelöst, die Euphorie ins neue Jahr mitgenommen und Ende Jänner im Afrika-Cup den zweiten Platz erreicht. Den vierfachen Afrika-Meister (1963, 1965, 1978, 1982) plagen vor der zweiten WM-Teilnahme in der Geschichte allerdings Verletzungssorgen.

Der WM-Neuling war 2006 als einziger afrikanischer Teilnehmer ins Achtelfinale eingezogen und hat dort gegen Brasilien deutlich besser gespielt, als das Ergebnis (0:3) vermuten lassen würde. Die Mittelfeldakteure Stephen Appiah und Michael Essien zählten zu den Besten der WM in Deutschland. Kapitän Appiah fehlte der Team-Elf ebenfalls wegen eines Knieleidens monatelang und muss vom serbischen Teamchef Milovan Rajevac erst wieder in die Mannschaft integriert werden, in der einige U-20-Weltmeister aufscheinen.

Bauen darf Rajevac auf den gebürtigen Berliner Kevin-Prince Boateng, dessen Verbandswechsel der Fußball-Weltverband (FIFA) kurz vor Ablauf der Nominierungsfrist genehmigt hat. Zudem vertraut er wieder auf den zuletzt aus disziplinarischen Gründen verbannten Inter-Mailand-Star Sulley Muntari.

Für Brisanz ist in Gruppe D jedenfalls gesorgt, bringt es nicht nur das Aufeinandertreffen der Elf von Serbien mit dem serbischen Nationalteamtrainer Ghanas, sondern möglicherweise auch das Duell zweier Brüder. DFB-Teamchef Joachim Löw hat mit Jerome Boateng vom HSV den Halbbruder von Kevin-Prince einberufen.

Australien
Noch immer kommt es in ihnen hoch. Vollumfänglich überwunden haben die Australier ihr Out bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland noch nicht. Es war auch ein besonders bitteres. Der Erfolgslauf des Überraschungsteams aus "Down Under" war im Achtelfinale vom späteren Weltmeister Italien gestoppt worden - durch einen höchst umstrittenen Elfmeter in der Nachspielzeit. "Es hat uns das Herz gebrochen", sagte Routinier Harry Kewell.

Vier Jahre später sind die Australier skeptisch, ihr WM-Märchen in Südafrika wiederholen zu können. Die Gruppe D mit Deutschland, Ghana und Serbien ist keine einfache, zudem befindet sich das Team im Umbruch. Einige junge Spieler müssen sich nach souveräner Quali erstmals bei einem großen Turnier beweisen. "Wenn sich einige Kritiker nichts von uns erwarten, ist das ihre Sache. Es wäre aber lächerlich, uns abzuschreiben", warnte Kewell.

Der 31-Jährige dürfte von Teamchef Pim Verbeek als Solospitze das Vertrauen erhalten. In dieser Rolle hatte Kewell bereits in der abgelaufenen Saison bei Galatasaray Istanbul überzeugt. Eine glänzende Saison hat auch Mittelfeldmotor Tim Cahill bei Everton gespielt, dazu bilden Mark Bresciano (Palermo), Vincenzo Grella, Brett Emerton (beide Blackburn), Keeper Mark Schwarzer (Fulham) und Lucas Neill (Galatasaray) das Rückgrat des Teams.

Kapitän Neill hatte an jenem 26. Juni in Kaiserslautern auch das vermeintliche Foul am Italiener Fabio Grosso begangenen. Es war eher eine Berührung, das hatte zuletzt selbst Grosso gestanden. Francesco Totti war es egal, er schoss Italien ins Viertelfinale und die Australier nach einer couragierten Leistung ins Tal der Tränen. In Südafrika wollen die "Socceroos" erneut mit ihrem physischen, britisch angehauchten Spielstil überzeugen.

Teamchef Verbeek führt seit 2007 das Werk seines Mentors Guus Hiddink fort. Der Niederländer, der das Achtelfinale als Ziel ausgibt, hatte unter seinem Landsmann bereits als Assistent mit Südkorea (2002) und Australien (2006) an zwei WM-Endrunden teilgenommen. In der Asien-Qualifikation für Südafrika gaben sich die "Aussies" keine Blöße, standen bereits zwei Spiele vor Schluss als WM-Teilnehmer fest. Verbeek wird das Team dennoch nach der Endrunde verlassen. Der 54-Jährige betreut ab August das marokkanische U17-und U20-Nationalteam. (apa/red)

8.6.2010 14:16
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