Ein ewiger Favorit und kleine Riesentöter:
Leichtes Los für England in der Gruppe C?
- USA und Slowenien möglicherweise Favoritenschreck
- Algerien nach 24-jähriger Absenz klarer Außenseiter

"Why England Lose" - selbst Buchtitel beschäftigen sich mittlerweile mit der chronischen Erfolglosigkeit Englands bei Fußball-Großereignissen. Kaum eine Mannschaft ist den eigenen Ansprüchen in der Vergangenheit so selten gerecht geworden. In der Gruppe C treffen Rooney und Co. jedenfalls auf die USA und Slowenien, die sich in der Vergangenheit schon als Favoritenschreck erwiesen haben. Lediglich Algerien ist nach langer Abwesenheit von der WM in klarer Außenseiter-Rolle.
England
Die hohen Erwartungen an das englische Nationalteam werden seit der WM 1966 mit einer Regelmäßigkeit enttäuscht, die ihresgleichen sucht. Damit soll in Südafrika endgültig Schluss sein, England ist einer der Topfavoriten.
Der englische Boulevard neigt zu Extremen. Nach einer souveränen Qualifikation unter Teamchef Fabio Capello ist er dem Überschwang verfallen, erhofft sich von seiner "Goldenen Generation" ein Ende des Fluchs. Die Erwartungen an das Ensemble um Stürmerstar Wayne Rooney, Frank Lampard und Steven Gerrard sind exorbitant. "Das ist unser Jahr", werden England-Fans im Vorfeld der WM nicht müde zu versichern. Und täglich grüßt das Murmeltier.
2006 in Deutschland war im Viertelfinale gegen Portugal Endstation gewesen, für die EURO 2008 hatten sich die Engländer nicht einmal qualifiziert - eine nationale Katastrophe. Seit dem Titel bei der Heim-WM 1966 reichte es gerade einmal zu je einem Halbfinale bei der WM 1990 und der EM 1996. Dort kam jeweils im Elfmeterschießen gegen den Erzrivalen Deutschland das Aus. Zur Entscheidung vom Punkt haben die Engländer seither generell ein traumatisches Verhältnis, haben alle wichtigen Elfmeterschießen verloren.
In der Quali war mit zwei Kantersiegen gegen Kroatien die Revanche für die verpasste EM in Österreich und der Schweiz gelungen. Anlass zur Hoffnung gibt aber auch die Disziplin, die Capello in die Mannschaft gebracht zu haben scheint. Das Spielermaterial, das dem Italiener zur Verfügung steht, scheint ohnehin überragend - vor allem im Mittelfeld, wo trotz der Verletzung von David Beckham gleich mehrere Topstars um die Plätze raufen. Kopfzerbrechen bereitet lediglich die verletzungsanfällige Abwehr.
John Terry hat nach seiner Seitensprung-Affäre die Kapitänsbinde an Rio Ferdinand abgegeben, Schlüsselspieler ist aber Rooney. Das war alleine am Aufschrei der Nation zu erkennen, als sich der Stürmer von Manchester United vor der WM mehrere kleinere Verletzungen zugezogen hatte. "Keine Angst, dafür werde ich bei der WM frischer sein", versprach der Spieler des Jahres in der Premier League. "Wir können dieses Turnier gewinnen - mit etwas Glück." Vielleicht auch vom Elfmeterpunkt.
USA
In der Weltsportart Fußball spielt die Weltsportmacht USA seit jeher nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch haben die Amerikaner schon bei so manchen Endrunden für Aufsehen gesorgt und rechnen sich - beflügelt durch Rang zwei beim Confederations Cup im Vorjahr - auch für das Turnier in Südafrika einiges aus.
Bei der WM-Generalprobe im Kap-Staat besiegten die USA die Spanier im Semifinale mit 2:0 und fügten dem Europameister damit die erste Niederlage nach zuvor 35 ungeschlagenen Spielen und 15 Siegen en suite zu. US-Stürmer Landon Donovan jubelte danach über den "vielleicht größten Tag für den US-Fußball", dabei hatte sein Land bereits davor achtbare WM-Auftritte absolviert.
Die erste WM überhaupt schlossen die Amerikaner 1930 auf Rang drei ab - eine derart gute Platzierung ist seither keiner Nation außerhalb Europas oder Südamerikas mehr gelungen. Bei der WM 1950 besiegte eine Truppe von US-Halbamateuren die sich damals als stärkste Mannschaft der Welt fühlende Auswahl von England, die kurz zuvor eine Kontinentaleuropa-Auswahl 6:1 abgefertigt hatte.
Nach diesem Match, das als eine der größten Sensationen in der Fußball-Geschichte gilt, ging es mit dem US-Kick jedoch bergab. Ein kleines Lebenszeichen gab die Auswahl 1994 bei der Heim-WM ab, wo im Achtelfinale gegen den späteren Weltmeister Brasilien Endstation war. Ganz knapp am großen Wurf scheiterten die Amerikaner bei der Endrunde 2002. Nach dem Achtelfinal-Sieg über den Erzrivalen Mexiko musste man sich in der Runde der letzten Acht dem späteren Finalisten Deutschland als klar bessere Mannschaft beugen - Oliver Kahn hielt mit zahllosen Glanzparaden das 1:0 der DFB-Elf fest.
Acht Jahre danach könnte es in Südafrika zur Revanche kommen, schließlich treffen die Deutschen als möglicher Sieger der Gruppe D im Achtelfinale auf den Zweiten aus Pool C, der USA heißen könnte, sofern Gegner wie Slowenien und Algerien niedergerungen werden. Insgeheim spekulieren die Amerikaner sogar mit Platz eins und einer Wiederholung der Geschichte, denn der große Favorit ihrer Gruppe kommt wie schon vor 60 Jahren aus England.
Schaffen soll das eine Mannschaft, die vom Kollektiv lebt und ohne große Stars auskommt. Die namhaftesten Kicker sind neben Donovan, der zuletzt leihweise für die Bayern und Everton kickte, Jozy Altidore (Hull City) und Michael Bradley (Mönchengladbach), Sohn von Teamchef Bob Bradley.
Slowenien
Slowenien kommt mit dem Nimbus des Riesentöters zur Fußball-WM nach Südafrika. Im Qualifikations-Play-off boxte das kleinste aller Teilnehmerländer den EM-Halbfinalisten Russland aus dem Bewerb und buchte damit zum zweiten Mal nach 2002 ein Ticket für die WM-Endrunde. Acht Jahre nach dem sang- und klanglosen Aus in Japan/Südkorea hat Slowenien Wiedergutmachung im Sinn. Und setzt in Gruppe C im Kampf mit England, den USA und Algerien auf Tugenden wie Kampfgeist und Zusammenhalt.
Drei Niederlagen gegen Spanien, Südafrika und Paraguay, 2:7 Treffer, Krach im Team und ein zurückgetretener Trainer Srecko Katanec sind als unrühmliche Bilanz der WM 2002 geblieben. Mit einem eingeschworenen Kollektiv aus zahlreichen Legionären, aber ohne echte Stars soll die Scharte nun ausgebügelt werden. Teamchef Matjaz Kek schwelgte freilich bereits nach erfolgter Qualifikation im siebenten Himmel: "Für Slowenien ist ein Traum Wirklichkeit geworden."
Nach seiner Ernennung 2007 geriet Kek, der zwischen 1984 und 1994 in Österreich bei Spittal/Drau und dem GAK kickte, allerdings schnell ins Visier der öffentlichen Kritik. Den Fans machte er es auch nicht leicht: Ein 0:0 gegen Albanien und in der Folge drei Niederlagen ließen ihn bald zum Gespött der Fußballnation werden. Doch der einstige Libero Kek blieb seiner Ordnungspolitik in der Defensive treu, formte ein gut geschmiertes 4:4:2 und meisterte nicht zuletzt dank der starken Abwehr um Goalie Samir Handanovic (Udinese) die Qualifikation: In Zehn Spielen erhielt man nur vier Gegentreffer, lediglich die Niederlande, die allerdings nur acht Partien absolvierten, konnten diese Marke unterbieten (2).
Im Mittelfeld vertraute Kek Robert Koren, der beim englischen Premier-Leauge-Aufsteiger West Bromwich Albion unter Vertrag ist, die Kapitänsrolle an, im Sturm stehen der bekannteste Spieler, Milivoje Novakovic vom 1. FC Köln, und Zlatko Dedic (VfL Bochum) bereit. Letzterer erzielte das Goldtor beim 1:0-Heimsieg im Play-off-Rückspiel gegen Russland.
Die Hoffnungen auf das Achtelfinale sind intakt. "Ich glaube, dass wir das Zeug dazu haben", sagte Koren. In den Worten von Kek: "Wir haben Disziplin und große Motivation. Wir sind ein kleines Land, aber wir haben die Chance, etwas Gutes zu schaffen."
Algerien
Nach 24 Jahren Pause ist Algerien wieder Teilnehmer an einer Fußball-WM-Endrunde und deshalb krasser Außenseiter in der Gruppe C mit Ex-Weltmeister England, USA und Slowenien. Dabei hätten die "Wüstenfüchse" gleich bei ihrer ersten Weltmeisterschaft 1982 in Spanien Geschichte schreiben können. Nur die "Schande von Gijon" verhinderte damals den erstmaligen Aufstieg einer afrikanischen Mannschaft in die zweite WM-Turnierphase.
Vier Jahre nach dem legendären 3:2-Sieg von Österreich über Deutschland in Cordoba sorgten die Erzrivalen in der asturischen Industriestadt für einen unrühmlichen Höhepunkt der WM-Geschichte. Das ÖFB-Team hatte Chile (1:0) und Algerien (2:0) geschlagen, die Deutschen mussten unbedingt gewinnen, die Österreicher durften nicht mit mehr als zwei Toren Differenz verlieren, damit beide in die zweite Gruppenphase einziehen konnten. Und so kam es, wie es kommen musste: Deutschland führte im abschließenden Gruppenspiel nach zehn Minuten durch ein Tor von Horst Hrubesch 1:0. Danach tat man einander nicht mehr weh.
Nicht nur die Algerier, 2:1-Sensationssieger im Auftaktspiel gegen Deutschland und tags zuvor 3:2-Gewinner gegen Chile, waren über diesen "Nichtangriffspakt" empört. Während Österreich und Deutschland dieses "abgekartete Spiel" zum Aufstieg genügte, blieben die Nordafrikaner trotz vier Punkten wegen der schlechteren Tordifferenz auf der Strecke.
Vier Jahre später in Mexiko, als sie bereits vom aktuellen Teamchef Rabah Saadane betreut wurden, glückte den Algeriern nur ein einziges Remis (1:1) gegen Nordirland, bevor sie mit Niederlagen gegen Brasilien (0:1) und Spanien (0:3) sang- und klanglos ausschieden.
Ein ähnliches Schicksal droht dem Team von Afrikas zweitgrößtem Staat, das erst durch einen 1:0-Erfolg im geschichtsträchtigen Entscheidungsspiel in Khartum (Sudan) über Ägypten das WM-Ticket gelöst hat, auch diesmal. Saadane ist sich dieser Ausgangslage bewusst und wertete deshalb schon das Antreten in Südafrika als Riesenerfolg. "Dank dieser Qualifikation kehrt unser Land auf die Weltbühne des Fußballs zurück", erklärte der 64-Jährige, hofft aber insgeheim natürlich auf eine ähnliche Sensation wie vor 28 Jahren. (apa/red)


















