Mittwoch, 26. Mai 2010

Polen hat das Schlimmste überstanden:
Jetzt zittert Deutschland vor dem Wasser

  • Hochwasser der Weichsel strömt bereits in die Ostsee
  • Oder-Wasser kommt in Deutschland am 3. Juni an

Neun Tage nach dem Losrauschen der verheerenden Flutwellen auf Weichsel und Oder hat Polen das Schlimmste vorerst hinter sich. Das Hochwasser der Weichsel erreichte die Mündung zur Ostsee. "Alles ist unter Kontrolle", sagte Innenminister Jerzy Miller in Warschau. Nirgendwo bestehe mehr die Gefahr, dass die Weichsel über die Ufer trete. In Tczew, der letzten größeren Stadt vor der Danziger Bucht, hielten die Deiche trotz hoher Wasserstände dem Druck der Wassermassen stand. Miller gab aber noch keine völlige Entwarnung: Wachsamkeit sei weiter gefragt, weil die extrem lange Flutwelle die Dämme geschwächt habe.

In Warschau fiel der Pegel am Nachmittag unter den Alarmwert von 6,50 Metern. Der Höchststand der Weichsel am vergangenen Samstag hatte 7,80 Meter betragen. Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz ordnete die Freigabe gesperrter Straßen und die Öffnung geschlossener Schulen und Kindergärten an. Wegen der Gefahr von Seuchen gilt für den Fluss ein Badeverbot. Auch an anderen Problem-Stellen an der Weichsel entspannte sich die Lage. Bei Plock, wo die Weichsel Dutzende Ortschaften überflutet hatte, wurde die Rettung von Menschen abgeschlossen. Jetzt gehe es darum, das Gebiet wieder bewohnbar zu machen, sagte Verwaltungschef Jacek Kozlowski.

Papst und Regierung geben Geld
Papst Benedikt XVI. hat für die Opfer des Hochwassers in Polen eine Spende geleistet. Wie der Vatikan mitteilte, wurde eine nicht näher genannte Summe an den Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz Jozef Michalik überwiesen. Gedacht sei diese für "die Hochwasseropfer und all diejenigen, die in den am meisten betroffenen Kirchengemeinden ihr Heim verlassen mussten".

Der polnische Regierungschef Donald Tusk besuchte am Nachmittag durch die Flutwelle zerstörte Gebiete im Süden des Landes. Am Vortag hatte die Regierung Hilfen in Höhe von zwei Milliarden Zloty (500 Millionen Euro) für die Flutopfer beschlossen. Menschen, die ihre Häuser verloren haben, werden mit 20.000 bis 100.000 Zloty (4.867 bis 24.337 Euro) unterstützt. Das Ausland leistete Polen weiter technische Hilfe: Am Dienstagabend landete in Warschau ein Transportflugzeug aus Russland mit 18 Pumpen, Rettungsbooten sowie mobilen Anlagen zur Stromversorgung.

Deutschland zittert vor dem 3. Juni
Entlang der Oder befand sich der Hochwasserscheitel im Tagesverlauf bei Zielona Gora (Grünberg) im Verwaltungsbezirk Lubuskie und bewegte sich auf die deutsche Grenze zu. Der Alarmstand in Nowa Sol sei um 2,52 Meter überschritten, teilte das IMIGW-Wetterinstitut in Warschau mit. Deutschland soll das Oder-Hochwasser einer Prognose des Hydrometeorologischen Instituts in Warschau zufolge am 3. Juni erreichen.

Dort bereitete man sich auf eine Bewährungsprobe für die Deiche vor: "Das wird das zweithöchste Hochwasser, das die Oder in historischer Zeit erlebt hat", sagte der Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes, Matthias Freude. Im Landkreis Oder-Spree wurde die Alarmstufe 3 ausgerufen, die höchste Stufe 4 stand unmittelbar bevor. Tag und Nacht patrouillieren Deichläufer auf den Wällen, die Ortschaften und Äcker vor den Fluten schützen sollen. Zwischen Neiße und Oder würden etwa 50 Kilometer Deich im Landkreis kontrolliert. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) brach seinen Urlaub ab.

Brisant war die Lage in Frankfurts polnischer Nachbarstadt Slubice. Große Teile der Stadt lagen unterhalb des Oderpegels. Wasser aus der Kanalisation könnte sie deshalb rasch überfluten und zu Deichbrüchen führen. Bürgermeister Ryszard Bodziacki appellierte an die Einwohner, Slubice am Wochenende zu verlassen. Geräumt werden sollte auch das örtliche Krankenhaus. Durch die Überschwemmungen an der Oder und der Weichsel in Polen kamen bisher 15 Menschen ums Leben kamen. Tusk schätzt den entstandenen Schaden auf zehn Milliarden Zloty (2,4 Milliarden Euro). Dies wäre gravierender als jener der Überschwemmungen im Jahr 1997.

(apa/red)

26.5.2010 16:33