Europa ärmer dran als bisher befürchtet:
Nicht nur Budget-, auch Wachstumsproblem
- Wifo-Chef Aiginger warnt vor zu striktem Sparkurs
- Schwacher Euro "nicht Problem, ist Teil der Lösung"

Europa hat in den Augen des Chefs des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), Karl Aiginger, ein Wachstumsproblem und nicht nur ein Budgetproblem. Defizite in Europa "wiegen schwerer, weil Europa noch immer als Summe von Einzelstaaten betrachtet wird und nicht als Einheit", meint der Wirtschaftsforscher.
Aiginger hält für die Anerkennung der EU als Wirtschaftsblock durch mehr Koordinierung und effektive Sanktionen für erforderlich. Funktionieren werde dies aber nur dann, wenn die Wirtschaft dynamischer sei. Dann könnten die Schwächeren aufholen, so der Wifo-Chef. Kritisch sei es, wenn Europa nur auf die Defizite blicke. Dann werde es "noch weniger wachsen" und seine Defizite nicht in den Griff bekommen. Auch die Arbeitslosigkeit werde weiter steigen.
Wenn die EU-Kommission jetzt verlange, die Budgetdefizite noch schneller abzubauen, dürfe das darunterliegende Problem nicht übersehen werden, warnte der Experte: Die Wachstumsschwäche Europas. Europa brauche eine "wachstums- und wettbewerbsorientierte Konsolidierung." Wachstumstreiber müssten von Kürzungen nicht nur ausgenommen werden, es seien auch mehr Investitionen dazu notwendig.
Als "genau falsch" beurteilt er deshalb die Kürzung der Mittel der Strukturfonds für Defizit-Länder, wie das die EU-Kommission gerade diskutiere. Eher sollte die nationale Kofinanzierung vorübergehend für besonders produktive Investitionen reduziert werden, damit diese schneller durchgeführt werden könnten. Dann könne Europa auch in der Konsolidierungsphase vom Wachstum der Weltwirtschaft profitieren. Wenn der Euro in dieser Phase schwächer sei, ist das für Aiginger "kein Problem, sondern Teil der Lösung."
(apa/red)
