Donnerstag, 6. Mai 2010

Den Briten droht ein Parlament in Schwebe:
Völlig offenes Rennen bei Unterhauswahlen

  • Keine Partei dürfte die absolute Mehrheit erlangen
  • Briten haben die Wahl: Brown, Clegg oder Cameron

Großbritannien richtet sich auf einen völlig unabsehbaren Wahlausgang ein. Vor der heutigen Parlamentswahl waren die künftigen Machtverhältnisse offener denn je. Die regierende Labour-Partei von Premierminister Gordon Brown holte in einer Umfrage einen Teil ihres Rückstands auf und könnte wegen der Besonderheiten des Wahlrechts doch noch stärkste Kraft im Unterhaus bleiben. Eine andere Umfrage sah dagegen die Konservativen in Führung. In keinem Fall würde es jedoch für eine absolute Mehrheit reichen.

Britische Meinungsforscher und Politologen sehen dieses "hung parliament"-Szenario als sehr wahrscheinlich an. Wegen der Besonderheiten des britischen Wahlsystems wäre die erst- bzw. zweitplatzierte Partei für die Erlangung der absoluten Mehrheit dann auf die Unterstützung anderer Kräfte im Parlament angewiesen. Nach dem britischen Wahlsystem werden die 650 Abgeordneten einzeln in ebenso vielen Wahlkreisen gewählt, wobei schon die relative Stimmenmehrheit zum Sieg reicht. Unter Umständen könnte also sogar der landesweite Drittplatzierte die meisten Sitze im Parlament erhalten.

Clegg, das Zünglein an der Waage
Bei einem "Parlament in Schwebe" könnte es jedenfalls zu einer interessanten Zusammenarbeit kommen: Nick Clegg, Spitzenkandidat der Liberaldemokraten, der drittstärksten Kraft im Vereinigten Königreich, hat nämlich angekündigt, unter Umständen mit der sozialdemokratischen Labour Party zu kooperieren - allerdings nur, wenn Gordon Brown abdankt. Von Clegg, der bei dieser Wahl das Zünglein an der Waage spielen könnte, sind aber auch andere Statements überliefert: „Sogar der Mann am Mond wäre ein akzeptabler Partner“, scherzte der liberale Herausforderer von Brown und Cameron, dem manche Umfragen sogar den zweiten Platz prophezeien.

Die Demokratisch-Unionistische Partei (DUP) aus Nordirland, die Prognosen zufolge mindestens neun Sitze erreichen dürfte, wäre wiederum zu einer förmlichen Koalition mit den Konservativen bereit, liest man im "Daily Telegraph".

Einsatz bis zur letzten Minute
Bei den Tories hält man von solchen Koalitionen hingegen überhaupt nichts. „Hung parliaments sind instabil und bringen nichts weiter“, werden Cameron und seine Mitstreiter nicht müde zu betonen. Die Konservativen wittern erstmals seit 13 Jahren wieder die große Chance auf den Einzug in Downing Street Nr. 10, dem Amtssitz des britischen Premiers. Cameron hat angekündigt, bis zur letzten Minute um Stimmen zu laufen, um die absolute Mehrheit für die Tories doch noch einzufahren.

Wie es im Falle eines "hung parliament" weitergeht, weiß aber niemand wirklich. Finden weder Brown noch Cameron eine Mehrheit, dürften Neuwahlen die Folge sein - wie beim letzten "schwebenden Parlament" 1974. Abgesehen von den für britische Verhältnisse sehr ungewöhnlichen Koalitionsspielchen wäre es wohl die größte Überraschung, wenn aus dem "Fettnäpfchensurfer" Gordon Brown - vorige Woche hatte er eine langjährige Labour-Anhängerin hinter ihrem Rücken als "engstirnig" beschimpft - doch noch ein Stehaufmanderl wird.

Ergebnisse erst am Freitag
Übrigens: Ergebnisse einer ersten Nachwahlbefragung werden unmittelbar nach Wahlschluss um 23:00 Uhr MEZ veröffentlicht. Die ersten konkreten Ergebnisse aus den Wahlkreisen sind eine Stunde später zu erwarten. Ein vorläufiges Endergebnis der Wahl wird aber erst im Lauf des morgigen Freitags feststehen.

(jt/apa)

6.5.2010 08:11