Trinkende Jugend, schwangere Teenies:
Prolo-TV-Formate sorgen für Stirnrunzeln
- Alkoholisierte Halbstarke erobern die Wohnzimmer
- Bedenkliches Frauenbild in "Geschäft mit der Liebe"
·Sie rauchen, trinken und viele sind zu dick
Österreich muss Sorgen
um seine Jugend machen
Wer heutzutage stockbesoffene Jugendliche beobachten will, muss dafür nicht einmal mehr das Haus verlassen. Die ATV-Reality-Serie "Saturday Night Fever - so feiert Österreichs Jugend" liefert Bilder von alkoholisierten Halbstarken in die Wohnzimmer, die mit adoleszentem Brachialcharme sprachlich ungelenk die Frauenwelt zu erobern versuchen. Das Publikum reagiert empfänglich und stilisiert die Burschen zu Kultfiguren. Der Kommunikationswissenschafter Peter Vitouch warnt indes im Gespräch mit der APA davor, dass mit derartigen Prolo-Formaten die Dosis von Sensationen und Provokationen im TV immer weiter verstärkt werde.
Eines bieten die ins Fernsehen vorgedrungenen Reality-Formate in jedem Fall: Gesprächsstoff. Die Frage, wie lauter es beispielsweise ist, schwangere Jugendliche dabei zu filmen, wie sie an ihrem Leben zu scheitern drohen und in die Misere auch gleich Ungeborene mit hineinziehen, tritt dabei allerdings in den Hintergrund und macht stattdessen Platz für Belustigung des Publikums. Ähnlich verhält es sich mit den besoffenen Jugendlichen, die vor laufender Kamera vorschlagen, man könne doch jetzt "ins Puff" gehen, nachdem in der Disco nichts mehr läuft. Zuvor hatten die Burschen den weiblichen Objekte der Begierde gegenüber keinen Zweifel daran gelassen, dass man ihnen eigentlich nur an die Unterwäsche wolle.
Vitouch sieht in den neuen Formaten eine Antwort der Sender auf den Konkurrenzdruck am Markt. "Eine Strategie ist natürlich, auffällig zu werden." Dies sei etwa schon vor mehr als zehn Jahren bemerkbar gewesen, als die Mutter aller Reality-Trash-Formate, "Big Brother" startete und eine große öffentliche Diskussion auslöste - von den Produzenten durchaus gewünscht, wie Vitouch sagt.
Sensationen - an Tabus kratzen
Seither gehe es darum, "Sensationen zu liefern und an Tabus zu kratzen", wobei der Kommunikationswissenschafter nicht alles schlecht findet. Die Doku-Soap "Teenager werden Mütter" habe etwa "natürlich einen Informations- und Aufklärungseffekt, wenn man Teenager zeigt, die schwanger werden und was in so einer Situation passiert. Das wäre an sich noch nicht zu verurteilen. Problematisch wird es dann, wenn es sehr reißerisch gemacht wird." ATV habe dies "nicht so übel gelöst", findet Vitouch. Bei deutschen Privatsendern gehe es da wesentlich reißerischer zu.
ATV-Programmchef Martin Gastinger sieht an dem Baby-Format ebenfalls keinen Makel: Mittlerweile würden von Schulen und vom Roten Kreuz Folgen angefordert, um diese Teenagern vorzuführen, betonte er gegenüber der APA. Außerdem hätten die Protagonistinnen eine ärztliche Betreuung von Fachleuten, die sie ohne die Sendung kaum zur Verfügung hätten. Und es sei damit gelungen, erstmals ein Format nach Deutschland zu exportieren. RTL II hatte ja die Rechte von ATV für "Teenager werden Mütter" gekauft.
Bedenkliches Frauenbild
Vitouch sieht ohnehin Sendungen wie "Das Geschäft mit der Liebe" kritischer. Dort können die ATV-Seher am österreichischen Heiratsmarkt eher schwer vermittelbare Männer dabei begleiten, wie diese "im Osten" auf Brautschau gehen - vielfach mit der geäußerten Erwartung, es hier noch mit "anständigen Frauen" zu tun zu haben, die ihren Platz (am Herd, Anm.) noch kennen würden. "Das sind dann Themenansätze, die höchst bedenklich sind und Normen und Werte aufzulösen drohen, die in unserer Gesellschaft verankert sein sollten", warnt Vitouch.
Was die Protagonisten von "Das Geschäft mit der Liebe" mit den betrunkenen Jugendlichen aus "Saturday Night Fever" gemein haben, ist deren fast kultische Verehrung in den Untiefen des Web 2.0. Die Facebook-Vermarktung ist laut ATV von selbst entstanden, auch diverse Fantreffen mit den Protagonisten von "Das Geschäft mit der LIebe" seien ohne Zutun des Senders über die Bühne gegangen.
Das Phänomen griff man bei ATV dennoch dankbar auf. Zeitgleich zum Start der neuen Staffel von "Saturday Night Fever", die am Dienstagabend 103.000 Zuschauer verfolgten, brachte der Sender einen Soundtrack auf Doppel-CD heraus. Neben zahlreichen Disco-Hits enthalten: Die "besten" betrunkenen Sprüche der Burschen. Auch die On Demand-Plattform von ATV brummt durch den Kult im Internet: In den ersten drei Monaten 2010 habe man zwei Millionen Downloads bei den drei Sendungen gehabt, sagt Gastinger. "Das ist auch für uns selbst ein Phänomen."
Prolos als Stars
Die feierfreudigen Teenies Molti, Spotzl und Co. haben unterdessen bereits über 21.000 Fans auf Facebook und haben sich mittlerweile sogar Autogrammkarten drucken lassen. Diese halten sie - wiederum vor der ATV-Kamera - der Damenwelt in den Land-Discos unter die Nase.
Gastinger versteht nicht, was an der Sendung auszusetzen sein soll: "Solche Parties hat jeder schon einmal gefeiert." Auch er selbst habe in jüngeren Jahren sicher schon mal so über die Stränge geschlagen. Ob er die eigenen Kinder einmal so im Fernsehen erleben will, kann Gastinger dennoch nicht mit einem klaren "Ja" beantworten, wie er einräumt: " Ich kann es nicht beantworten. Ich weiß es nicht, ob mir das recht wäre oder nicht."
(apa/red)
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