Freitag, 30. April 2010

Der allerletzte Wallander-Krimi: Populärer Kriminalkommissar wird müde & vergesslich

  • Mankells "Der Feind im Schatten" jetzt auf Deutsch
  • Wallander auf der Jagd nach U-Booten und Spionen

Kurt Wallander ist zurück. Doch er ist alt und vergesslich geworden, leidet an Diabetes und beginnendem Alzheimer. Das führt zu gefährlichen Aussetzern und einem unangenehmen Disziplinarverfahren. Immer wieder ist er krankgeschrieben, dennoch arbeitet er zu viel.

Denn während der einstige Star der Kriminalpolizei im südschwedischen Ystad im Job nur noch Routinefälle abarbeitet, wird er von der Familie auf Trab gehalten: Der zukünftige Schwiegervater seiner Tochter Linda ist verschwunden. "Der Feind im Schatten", im August des Vorjahres auf Schwedisch erschienen, kommt jetzt in deutscher Übersetzung in die Buchhandlungen.

Unwiderruflich letztes Wallander-Abenteuer
Fans der weltweit erfolgreichen und vielfach verfilmten Krimis werden sich über das Comeback des grüblerischen, schwermütigen Kommissars nicht nachhaltig freuen können: Autor Henning Mankell hatte schon vor Erscheinen dieses zehnten Wallander-Buches angekündigt, es werde unwiderruflich das letzte Abenteuer sein, das sein seit fast zwei Jahrzehnten erfolgreicher Protagonist zu bestehen habe.

Persönlicher Abschied
"Der Feind im Schatten" ist noch privater, persönlicher als die Vorgänger. Der 60-jährige Polizist kann seinem fortschreitenden körperlichen Verfall förmlich zusehen. Er wird Großvater und kauft sich ein einsames Haus am Land. Begegnungen mit seiner alkoholkranken Ex-Frau und seiner krebskranken Ex-Freundin Baiba Liepa ("Hunde von Riga") verlaufen sehr emotional. Lieber als unter Menschen ist Wallander mit seinem Hund allein. Dass er ihn dennoch immer wieder beim Nachbarn in Pflege geben muss, liegt an Hakan von Enke. Der Vater des Lebensgefährten seiner Tochter war U-Boot-Kommandant und hoher Offizier in der schwedischen Marine. Sein plötzliches spurloses Verschwinden ruft Wallander auch ohne dienstlichen Auftrag auf den Plan.

Spione und Supermächte
Er beginnt zu grübeln, wie sehr die brisanten Geschichten aus dem Kalten Krieg, die der überkorrekte Militär ihm kurz vor seinem Verschwinden anvertraute, damit zusammenhängen könnten. Denn eine in den 80er Jahren durchgeführte Jagd nach fremden U-Booten in schwedischen Hoheitsgewässern, die von oberster Stelle im letzten Moment abgebrochen wurde, scheint Auswirkungen bis in die Gegenwart zu haben. Plötzlich hat es Wallander nicht mehr mit Räubern, sondern mit Spionen zu tun, nicht mehr mit Kleinkriminellen, sondern mit Supermächten. Und auch von Enkes Ehefrau ist plötzlich abgängig.

Mankell tritt auf die Bremse
So wie Kommissar Wallander immer schwerfälliger zu werden scheint, steigt auch Mankell auf die Bremse und macht damit ungeduldig: Über 500 Seiten lang wird Detail um Detail entwickelt, ein Schritt nach dem anderen getan und doch nur im Kreis gegangen. Wie immer zielt alles auf die erlösende Erkenntnis, auf den entscheidenden Durchbruch. Auch diesmal wirft der Showdown innerhalb von 30 Seiten alles über den Haufen.

Blackouts
Erstaunlich lang ist am Ende die Liste, die Wallander auch stellvertretend für die Leser aufstellt und jene Indizien, Beobachtungen und Fragen umfasst, die zuvor höchst wichtig schienen, doch letztlich unbeantwortet bleiben. Der von gelegentlichen Blackouts geplagte Kommissar nimmt das jedoch nicht so schwer. Er hat viel größere Probleme. Etwa die Panik, die ihn erfasst, als seine Enkelin Klara auf ihn zuläuft: "Er wusste nicht, wer das Mädchen war, das auf ihn zurannte. Er hatte sie schon einmal gesehen, aber wie sie hieß und was sie hier tat, er hatte keine Ahnung."

Henning Mankell: "Der Feind im Schatten", Deutsch von Wolfgang Butt, Zsolnay Verlag, 592 Seiten, 26,80 Euro, ISBN 978-3-552-05496-7

(apa/red)

30.4.2010 07:34


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