Kampf gegen die Zweitklassigkeit:
Neuer Eishockey-Teamchef redet Tacheles
- Gilligan für B-WM zuversichtlich, langfristig nicht
- "Wir müssen viel besser und anders arbeiten"
Bill Gilligan geht mit der österreichischen Eishockey-Nationalmannschaft in sein erstes WM-Turnier als Teamchef. Für das Turnier der zweiten Leistungsstufe im niederländischen Tilburg ist der 55-jährige US-Amerikaner zuversichtlich, dass er mit dem Team den Wiederaufstieg in die A-WM schafft. Langfristig allerdings gibt sich Gilligan betreffend Entwicklung in Österreich weniger optimistisch.
Frage: In der Weltrangliste ist Österreich von den sechs Mannschaften in Tilburg am höchsten eingestuft. Ist für Sie Österreich auch der Favorit?
Gilligan: "Wir haben über längere Zeit in Österreich bewiesen, dass man weiter vorne ist wie andere Nationen, die mitspielen. Aber die Ukraine ist stark, auch Niederlande wird zu Hause stark sein, und die Japaner sind ein gefährlicher Gegner. Man muss wahrscheinlich fünf Spiele gewinnen. Von Favorit kann man vielleicht schon sprechen, aber es wird nicht einfach sein. Wir dürfen nicht denken, dass man uns erst schlagen muss, sondern wir müssen jeden schlagen."
Frage: Worauf wird es ankommen?
Gilligan: "Wir müssen schauen, dass wir hinten gut spielen, von hinten heraus gut arbeiten, aber auch genug Geduld haben. Wir dürfen nicht glauben, dass wir sie abschießen können."
Frage: Nach welchen Kriterien haben Sie die Mannschaft zusammen gestellt?
Gilligan: "Das ist eine Mannschaft, keine All-Star-Mannschaft. Dazu sind einige Ausfälle gekommen. Wir haben eine gewisse Breite, ganz bestimmt bei den Stürmern, da haben wir Ausfälle gut verkraftet. Die Verteidigung ist die Achillesferse in Österreich. Wie viele Verteidiger haben wir, die A-Gruppe-Niveau spielen können? Wichtig ist die Mannschaft."
Frage: Nach dem Abstieg im Vorjahr wurde das Ziel ausgegeben, mittelfristig eine neue Mannschaft aufzubauen auch um den Preis, vielleicht nicht sofort wieder aufzusteigen. Nun ist das die älteste Mannschaft seit 2001. Wurden die Ziele geändert?
Gilligan: "Ich habe gewusst, was gesagt wurde. Ich habe kein Problem und stelle eine junge Mannschaft zusammen. Das wäre einfach. Aber wir sind alle ehrgeizig und wollen aufsteigen. Ich will die Mannschaft allmählich verjüngen. Ich will einem jungen Spieler keine Freikarte geben, nur weil er jung ist. Sie müssen die Chance packen. Der Verband hat mir nicht vorgeschrieben, dass die Mannschaft ein gewisses Durchschnittsalter haben muss. Wir haben die stärkste Mannschaft mit Spielern, die kommen konnten und wollten. Man muss nicht jedes Mal drastische Änderungen machen, zwei oder vier reichen, dann hat man mit der Zeit eine Mannschaft umgebaut. Man braucht nicht zehn Spieler wechseln."
Frage: Wir waren in den vergangenen Jahren eine "Aufzugsmannschaft", die stets auf- und abgestiegen ist. Ist dass das Los, mit dem wir uns in den nächsten Jahren abfinden müssen? Wie sehen Sie die Chance, dass man sich oben etabliert?
Gilligan: "Das ist das Ziel, aber wir müssen viel besser und anders arbeiten. Die U18 hat gegen Deutschland 3:9 verloren und dann auch gegen Japan und Korea. Das ist ein Warnsignal. Man sieht das auch bei der U20, das ist das beste Bild von der Stärke einer Eishockey-Nation. Die U20 hat noch nie in einer A-Gruppe ein Spiel gewonnen. Das Ziel allein bringt uns nicht weiter, wenn wir nicht dafür arbeiten. Frankreich oder Dänemark und einige andere Nationen haben in den letzten Jahren Schritte nach vorne gemacht. Ich weiß nicht, ob wir genug Schritte nach vorne gemacht haben. Die Nationalmannschaft ist das Produkt von langfristiger Arbeit, die im Nachwuchs gemacht wird. Hoffnungen und Erwartungen sind oft nicht auf dem gleichem Niveau wie die Realität."
(apa/red)

