"Ist er wirklich eines Königs würdig?" Streit um Ruhestätte für polnischen Präsidenten
- Kaczynski soll in Wawel-Kathedrale beerdigt werden
- Tausende Menschen protestieren gegen Beisetzung
·Wurden die Piloten
in die Irre geführt?
Flugzeugcrash: Vorwürfe gegen russische Lotsen
·Sarg Kaczynskis wird
öffentlich aufgebahrt
Letzte Ehre für Staatschef
im Präsidentenpalast
·Todesmanöver auf
Kaczyinskis Befehl?
Rätselraten über Gründe
des Flugzeugabsturzes
·Polen trauern um toten Präsidenten
BILDER: Bevölkerung bestürzt über Unglück
·REAKTIONEN zum Tod
von Lech Kaczynski
"Moderne Welt hat noch nie solch Tragödie erlebt"
·Flugzeugabsturz: Polens Präsident tot
BILDER: Die Maschine ist nur noch einziges Wrack

Nach dem Unfalltod des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski gibt es Streit um seine letzte Ruhestätte. Während in Warschau erneut unzählige Trauernde von Kaczynski und seiner Frau Maria Abschied nahmen und Blumen vor ihren Särgen niederlegten, gab es in Krakau (Krakow) Proteste gegen die geplante Beisetzung des Präsidentenpaares in der Kathedrale auf der Wawel-Burg.
In Krakau protestierten 2.000 Menschen gegen die geplante Beisetzung in der berühmten Kathedrale neben Königen, Nationalhelden, Dichtern und Heiligen. "Ist er wirklich eines Königs würdig?", stand auf einem Schild, das die Demonstranten in die Höhe hielten. Einige skandierten "Nein zu Wawel" und forderten, das Präsidentenpaar stattdessen auf dem historischen Powazki-Friedhof in Warschau beizusetzen. Damit machten sie deutlich, wie umstritten der rechtskonservative Politiker zu Lebzeiten wegen seiner Amtsführung war. "Ich glaube, dass die Gesellschaft die Entscheidung mit Verständnis aufnehmen wird", hatte dagegen der Krakauer Erzbischof Kardinal Stanislaw Dziwisz bei der Bekanntgabe des Bestattungsortes noch gemeint.
Der weltbekannte polnische Filmregisseur Andrzej Wajda sprach sich gegen eine Beisetzung im Wawel aus. "Lech Kaczynski war ein guter und bescheidener Mensch", schrieb Wajda in einem Brief, den die Zeitung "Gazeta Wyborcza" auf ihrer Internetseite veröffentlichte. Es gebe allerdings keinen Grund, dass er die letzte Ruhe auf dem Wawel finden solle. Wajda warnte ausdrücklich vor Protesten und einer tiefen Spaltung der Nation. Der Regisseur rief die Krakauer Kirchenbehörden auf, diese "durchaus unglückliche" Entscheidung rückgängig zu machen.
Präsidentenwahl am 20. Juni
Nach dem Unfalltod ihres Präsidenten werden die Polen voraussichtlich am 20. Juni einen neuen Staatschef wählen. Wie Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski mitteilte, will er den Termin für die erste Runde der vorgezogenen Präsidentenwahl offiziell erst am Mittwoch kommender Woche bekanntgeben. Damit kämen die beiden von der Verfassung her noch möglichen Sonntage vor dem 20. Juni nicht mehr infrage.
Vor allem die Opposition hat um einen späten Termin gebeten. Denn sowohl die rechtskonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) aus deren Reihen Lech Kaczynski stammte als auch das "Bündnis der demokratischen Linken" (SLD) verloren ihren erklärten Kandidaten für die Präsidentenwahl, die eigentlich im Herbst stattfinden sollte: Den Amtsinhaber, der wieder antreten wollte, und Jerzy Szmajdzinski. Für die rechtsliberale Regierungspartei "Bürgerplattform" (PO) soll Komorowski antreten, der als Parlamentspräsident nach Kaczynskis Tod kommissarisch die Amtsgeschäfte des Präsidenten übernommen hat.
Pilotenfehler
In der Zwischenzeit deuten nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine die Ermittlungen russischen Medienberichten zufolge weiter auf einen Pilotenfehler hin. "Eine Analyse der Beweismittel, darunter erste Ergebnisse der Auswertung der Flugschreiber, zeigen, dass ein Pilotenfehler zu dem Unglück führte", meldete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf Ermittlerkreise. Die Piloten seien möglicherweise nicht mit den Besonderheiten der Steuerung des Flugzeugtyps Tupolew-154 vertraut gewesen. So verliere die Maschine russischer Bauart nach einem starken Sinkflug auch bei waagerechter Flugbahn zunächst weiter an Höhe.
"Präsident hat letztes Wort"
Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko hat den tödlich verunglückten polnischen Staatschef Lech Kaczynski für den Absturz seines Flugzeugs verantwortlich gemacht. Wenn der Präsident mit seiner Maschine unterwegs sei und es irgendwelche außergewöhnlichen Vorkommnisse gebe, informiere der Pilot den Präsidenten persönlich darüber, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax Lukaschenko. Es sei klar, wer hier die Verantwortung trage. "Der Präsident hat das letzte Wort und er entscheidet, ob das Flugzeug landen soll oder nicht, aber die Piloten müssen nicht gehorchen."
Einige polnische Medien hatten bereits spekuliert, dass Kaczynski die Landung trotz der Schwierigkeiten angeordnet haben könnte, um rechtzeitig zu der Feier zu kommen. Polens Oberstaatsanwalt Andrzej Seremet kündigte an, die Aufzeichnungen aus dem Cockpit des Flugzeugs vollständig zu veröffentlichen, sollten diese nicht vertraulich sein. Der Inhalt der Gespräche sei entscheidend, um die verschiedenen Hypothesen zu belegen oder zu widerlegen, betonte Seremet. Sollten nur Bruchstücke davon veröffentlicht werden, könne dies Vorwürfe nach sich ziehen, dass die Untersuchungen manipuliert würden.
(apa/red)
