Freitag, 2. April 2010

Drei tote deutsche Soldaten in Kunduz:
Blutige Gefechte mit Taliban-Aufständischen

  • Fünf weitere Bundeswehrsoldaten schwer verletzt
  • Afghanistan-Einsatz verliert Rückhalt in Deutschland

Es war das folgenschwerste Gefecht für die deutsche Bundeswehr seit ihrem Bestehen: In Afghanistan sind bei heftigen Kämpfen mit Taliban-Aufständischen am Karfreitag drei deutsche Soldaten getötet worden. Fünf weitere wurden in den stundenlangen Kämpfen im Unruhedistrikt Char Darah nahe des deutschen Feldlagers Kunduz schwer verletzt. Das bestätigte der Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam. Damit erhöht sich die Zahl der in Afghanistan seit Beginn des Einsatzes Anfang 2002 gestorbenen deutschen Soldaten auf 39. Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte in einer ersten Reaktion den "hinterhältigen Angriff" scharf. Die deutschen Soldaten wurden von einer großen Zahl Taliban attackiert, etwa hundert Mann. Vier der verletzten Deutschen sollen sich nach Informationen von "Spiegel-Online" in kritischem Zustand befinden.

Die deutschen Soldaten waren zum Minensuchen ausgerückt. Die Bundeswehr führte ihren Einsatz mit afghanischen Soldaten und weiteren Angehörigen der NATO-Schutztruppe ISAF durch. Eine deutsche Patrouille sei zunächst von Taliban-Kämpfern beschossen worden, sagte der Distriktchef Abdul Bahid Omar Khil. Dorfbewohner berichteten von zahlreichen zerstörten Häusern. Drei deutsche Soldaten wurden erschossen. Als ein gepanzertes Bundeswehrfahrzeug, wahrscheinlich vom Typ Dingo, ausweichen wollte, fuhr es auf eine Sprengfalle. Dadurch wurden weitere Soldaten verletzt. Die Toten und Verletzten wurden geborgen und mit Hubschraubern ins Camp gebracht. Erstmals seit Bestehen der Bundeswehr war im April 2009 ein deutscher Soldat im Gefecht getötet worden. Damals geriet eine Patrouille nahe Kunduz in einen Hinterhalt. Andere starben in den vergangenen Jahren durch Selbstmord-Anschläge und Sprengfallen. Im Norden Afghanistans sind derzeit etwa 4500 deutsche Soldaten stationiert.

"Schändlicher Angriff"
"Mit großer Bestürzung habe ich von dem verabscheuungswürdigen und hinterhältigen Angriff auf unsere Soldaten in Afghanistan gehört", hieß es in einer Erklärung Merkels. Verteidigungsminister Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU) unterbricht wegen der Ereignisse in Afghanistan seinen Osterurlaub. "Mit großer Betroffenheit habe ich heute von den gefallenen und verwundeten deutschen Soldaten in Afghanistan erfahren müssen", hieß es in einer Stellungnahme des Ministers. "Angesichts von Gefechten dieses Ausmaßes wird deutlich, wie gefährlich der gleichwohl notwendige Einsatz in Afghanistan ist." Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), der sich gerade im Hauptquartier des Regionalkommandos Nord in Mazar-i-Sharif aufhält, sprach von einem "schändlichen Angriff".

Kritik an der Politik
Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) nannte die jahrelange Bewertung des Afghanistan-Einsatzes als Friedens- und Stabilisierungsmission eine "Lebenslüge" der Politik. In einer ZDF-Dokumentation, die in der kommenden Woche ausgestrahlt wird, spricht Rühe hier von einem "zentralen Versagen der Großen Koalition". Sie habe der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit über die tatsächlichen Gefahren des Einsatzes gesagt. "Das Abenteuer Afghanistan muss beendet werden", forderte Rühe. Der Verteidigungsminister der früheren schwarz-roten Koalition, Peter Struck (SPD), räumt in dem Bericht ein, "dass das wirklich ein militärischer Kampfeinsatz ist, haben wir am Anfang nicht gesagt".

   Massive Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr äußerte der interimistische Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider. "Der Konflikt in Afghanistan ist aus dem Ruder gelaufen", sagte er dem "Hamburger Abendblatt" noch vor den jüngsten Gefechten in der Region Kunduz. Wie seine zurückgetretene Vorgängerin Bischöfin Margot Käßmann meinte auch Schneider: "Was in Afghanistan passiert, ist Krieg." Man müsse aufräumen mit der Selbsttäuschung, dass die Bundeswehr als eine Art technisches Hilfswerk Brücken baut, Brunnen bohrt und Wasserleitungen legt.

(apa/red)

2.4.2010 19:59