Schönes, liebes Österreich, mit dir
hat man es derzeit wirklich nicht leicht
- NEWS.at-Kommentar über rot-weiß-rote Probleme

Schönes, liebes Österreich,
mit dir hat man es derzeit wirklich nicht leicht. So prächtig deine Alpen, so lecker dein Kaiserschmarrn und so gehörgangsverwöhnend dein Mozart ... dich zu mögen, fällt momentan sogar mir ausgesprochen schwer.
Ich verstehe etwa nicht, weshalb du keine klaren Regeln aufstellst, um zu deiner Staatsbürgerschaft zu kommen. Da könnte ja sonst irgendein Russe daherkommen und sich als Österreicher bezeichnen. Das geht ja mal überhaupt nicht, ganz ehrlich. Schließlich bist du ein elitärer Klub.
Obwohl, ganz so mit dem Elitären hast du es auch wieder nicht. Ich meine ja nur, weil das mit den Steuern, das ist halt so eine Sache. Da heißt es zuerst, da kommen keine, und dann kommen sie doch. Also unter Elite stell' ich mir was anderes vor, dort zählt nämlich ein Versprechen. Und das Schlimmste ist ja, dass danach gar nichts passiert. Weil, weißt du, in Ungarn, deinem einstigen Bruder, da hat es doch jüngst etwas Ähnliches gegeben, mit Lügen und so. Das war dort ein ziemlicher Aufruhr, da haben alle protestiert, auch randaliert, und der, der es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nahm, der musste dann zurücktreten. Ok, das Randalieren brauch' ich jetzt nicht unbedingt, aber der Rest, der wär' halt schon sehr fein.
Jaja, ich weiß, Rücktritte kannst du genauso wenig leiden wie deinen deutschen Nachbarn. Ist ja irgendwie auch in Ordnung, im Sinne von Stabilität und so. Aber: Konstanz hin, Konstanz her, musst du denn wirklich alles durchgehen lassen? Selbst der netteste Papa sollte doch einmal hart durchgreifen, sonst werden seine Kinder verwöhnt und glauben, sie können sich alles erlauben ...
... etwa den lieben, langen Tag in der Vergangenheit zu vergeuden. Als gäbe es heute und morgen und auch weiter in der Zukunft nicht genug, womit man sich beschäftigen müsste. Und wenn schon Vergangenheit, muss es dann immer diese komische (also halt im Sinne von seltsam, nicht witzig) Zeit mit den eigenartigen Kreuzen und braunen Uniformen sein? Da ist mir ja sogar die Monarchie noch lieber. Und das will was heißen.
Also, liebes Österreich, tu mir den Gefallen und streng dich bitte ein bißchen an. Beim Stammtisch mit meinen ausländischen Kollegen hab' ich's derzeit nämlich nicht leicht. Die geben alle damit an, dass bei ihnen Hunderttausende auf die Straßen gehen, um gegen Was-auch-immer zu protestieren, während bei dir tote Hose ist. Ich probier's halt immer mit dem Argument, dass du ja doch relativ klein bist, aber die Ausrede lassen sie nicht mehr gelten. Die haben sie schon zu oft gehört.
Obwohl, so ganz tote Hose ist ja bei dir gar nicht, da tu ich dir Unrecht. In Wien hab' ich nämlich ein paar Leute gesehen, die mit Fackeln gegen so eine Frau von Gestern demonstriert haben. Weißt schon, ein bißchen Licht ins Dunkel bringen. Ist ja immerhin ein Anfang. Aber bis nach Vorarlberg reicht der Schein nun wirklich nicht. Und auch in Salzburg, da brauchen sie immer noch ein Fernglas. Ein bißchen mehr darf's also bitte schon sein.
So, mein liebes Österreich, ich hab' dich jetzt ein bisschen vollgesudert - aber da brauchst gerade du dich jetzt nicht beschweren - doch es ist nur, weil ich dich so gern hab'.
Dein leidgeplagtes Gewissen
(hoa)
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