"In der Krise brechen alle Probleme auf":
Wann eine Staatsverschuldung kritisch wird
- Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel im NEWS.at-Talk
- "Vorwürfe muss man auch den Kunden machen"

·"In der Krise brechen
alle Probleme auf"
Wann Verschuldung der
Staaten kritisch wird
·Griechen lassen es
schon wieder krachen
Zusammenstöße zwischen
Polizei & Demonstranten
·Proteste in Athen:
"Greift zu den Waffen"
BILDER: Streiks legen ganz Griechenland lahm
·Die Griechen werden zur Kasse gebeten
Erhöhte Mehrwertsteuer als Teil des Sparkurses
·Athens Verschuldung
läuft wie geschmiert
Die Korruption hat Land
und Leute fest im Griff
NEWS.at: Island, Ukraine, Lettland, Ungarn, Griechenland, Portugal, vielleicht bald Italien warum häufen sich die finanziellen Hiobsbotschaften aus Europa?
Stiefel: Viele dieser Länder waren ursprünglich wirtschaftlich relativ arm, jeder Fall hat aber eine etwas andere Erklärung. Irland wurde für die Computerindustrie Amerikas interessant. Als diese absackte, wurde Irland mitgerissen. Die baltischen Staaten haben die Transformation von Kommunismus zu Kapitalismus mit einer massiven auch privatlichen Verschuldung finanziert. Sie können sich natürlich mit fünf Prozent im Jahr verschulden, wenn Sie damit rechnen, nächstes Jahr zehn Prozent mehr zu verdienen. Aber angenommen, sie verdienen auf einmal nächstes Jahr fünf Prozent weniger, dann haben sie Schwierigkeiten und das ist diesen Ländern passiert. Wenn es zu einer Krise kommt, brechen diese ganzen nationalen Probleme eben nacheinander auf.
Für den Kurssturz des Euro werden auch Spekulanten verantwortlich gemacht. Zu Beginn der Wirtschaftskrise sollten die Finanzmärkte gezügelt werden - was ist jetzt von diesen Bemühungen noch übrig?
Stiefel: Die Frage ist, wer soll das regulieren? Es gibt keine Weltregierung, die das macht. Zumindest Japan, die EU und die USA müssten das gleichzeitig bestimmen. Aber da gibt es natürlich unterschiedliche Interesse. Die Londoner City ist für ein Drittel des britischen BSP verantwortlich, die Engländer haben an einer Schwächung des Finanzsektors verständlicherweise wenig Interesse. In Amerika haben die Berater des Präsidenten sehr enge Beziehungen zur Finanzwelt. Wenn ich ein Berater von Obama bin, bin ich das vielleicht vier Jahre, aber ich werde gegen die Finanzwelt nicht viel unternehmen, wenn ich weiß, nach diesen vier Jahren wieder dort zu landen.
Die Finanzwelt gibt also in der Politik den Ton an?
Stiefel: Das würde ich so sagen. Es gibt große Ankündigungen, man wird versuchen, das Extreme herauszubekommen, aber die Finanzwelt wird sich so erbittert wehren und ist politisch so einflussreich, dass es insgesamt politisch sicherlich keine große Änderung geben wird.
Einen Vorwurf muss man aber nicht nur Spekulanten oder Hedgefonds, sondern auch den Kunden machen, die immer größere Forderungen gestellt haben. Wenn ein Privater zehn Prozent Zinsen haben will, lässt sich das durch ein Wirtschaftswachstum alleine nicht erwirtschaften. Seit 1830 ist das Bruttosozialprodukt in Österreich real ja um knapp zwei Prozent pro Jahr gewachsen - zehn Prozent gehen sich da nicht aus. Mit diesen Gewinnversprechen- und forderungen wurde aber eine Geldillusion aufgebaut, die weit über dem liegt, was es tatsächlich gibt.
Was könnten die Staaten überhaupt in Hinblick auf eine Regulierung und Stabilisierung der Finanzmärkte unternehmen?
Stiefel: Die Staaten haben schon eine gewisse Macht. Eine Regulierung funktioniert allerdings nur auf internationaler Ebene, selbst wenn die EU so etwas macht und die USA nicht, werden viele Finanzmarktakteure und Kunden abwandern. Es ist letztendlich die Gier, die dahinter steckt.
Wie geht es weiter?
Stiefel: Man kann schon davon ausgehen, dass der Euro das sehr gut überstehen wird, aber auch, dass die EU in dieser Hinsicht sicherlich eine Reform machen und stärker werden muss. In Griechenland ist die Krise eine Chance, ein neues politisches System zu etablieren, das auf nord- und mitteleuropäischem Niveau ist. Wäre das immer gut gegangen, hätten die Griechen wohl so weitergemacht.
Und wie sieht es mit der Weltwirtschaft aus?
Stiefel: Das Bruttosozialprodukt der Industriestaaten ist seit der großen Depression um das Zehnfache gewachsen. In den 30er war die gesamte Welt in der Krise: Die Industriestaaten sowie die Kolonien. Heute aber haben wir Asien. Und wir haben Osteuropa bei allen Problemen. Wir haben also zwei Wachstumszonen, die die Industriestaaten vermutlich wieder herausziehen werden. Ich glaube, man kann durchaus optimistisch sein.
(mei)
