"Erbsünde passierte in den 80er Jahren":
Europa und das griechische Schuldendrama
- Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel im NEWS.at-Talk
- "Jeder wusste, dass Euro ein großes Experiment wird"

·"In der Krise brechen
alle Probleme auf"
Wann Verschuldung der
Staaten kritisch wird
·Griechen lassen es
schon wieder krachen
Zusammenstöße zwischen
Polizei & Demonstranten
·Proteste in Athen:
"Greift zu den Waffen"
BILDER: Streiks legen ganz Griechenland lahm
·Die Griechen werden zur Kasse gebeten
Erhöhte Mehrwertsteuer als Teil des Sparkurses
·Athens Verschuldung
läuft wie geschmiert
Die Korruption hat Land
und Leute fest im Griff
Griechenland taumelt - und lässt ganz Europa erzittern. Das riesige Athener Budgetloch hat den Euro zuletzt massiv abstürzen lassen und stellt damit Gemeinschaftswährung und Solidarität Europas zur Debatte. Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel erklärt im Interview mit NEWS.at, warum Griechenland ein Sonderfall ist und wieso die griechische Pleite am Ende doch noch zu einem Glücksfall für Europas Wirtschaft werden kann.
NEWS.at: Griechenland hat seit dem 19. Jahrhundert fünf Staatsbankrotte hinter sich, der Staat war im Durchschnitt jedes zweite Jahr zahlungsunfähig. Sieht so ein verlässlicher europäischer Partner aus?
Dieter Stiefel: Die europäische Union bestand - mit der Ausnahme von Süditalien - ursprünglich aus sechs hoch entwickelten reichen Ländern. Die 'Erbsünde' passiert in den 80er Jahren, als man Griechenland, Spanien und Portugal, später Osteuropa in die EU holte. Damit hat sich die EU völlig verändert, sie besteht seither aus Ländern mit komplett unterschiedlichen Wirtschaftskulturen. Es gibt Beispiele, bei denen die Integration gut ging, wie in Slowenien oder Finnland. Portugal und Griechenland aber finden einfach nicht den Anschluss. Nicht nur, weil dort die Produktivität geringer ist, sondern auch, weil anders gearbeitet wird, weil die Rechtssicherheit nicht auf dem selben Niveau ist und weil persönliche Beziehungen wichtiger sind inklusive Korruption.
Warum holte man Griechenland dann in die EU?
Dieter Stiefel: Griechenland ist ein besonderer Fall. Die EU-Süderweiterung (in den 80ern, Anm.) ist ja nicht aus wirtschaftlichen, sondern politischen Gründen erfolgt. Spanien, Portugal und Griechenland waren vorher Diktaturen, man wollte ihnen durch die EU die demokratische Entwicklung erleichtern. Griechenland war so schwer abzulehnen, weil es die Wiege der europäischen Kultur ist. Allerdings ist diese Wiege über 2000 Jahre her - und das erwachsene Griechenland sieht ganz anders aus.
Wie ging Europa mit diesen Unterschieden um?
Stiefel: Die Unterschiede waren im Rahmen der EU nicht so dramatisch. Es gibt ja auch etwa in den USA unterschiedlich entwickelte Regionen. Louisiana oder New Orleans sind vollkommen anderes als Kalifornien oder New York. Die europäischen Lander haben vor dem Euro immer ein Instrument gehabt, um die Unterschiede auszugleichen: Mit der Abwertung (der nationalen Währung, Anm.) hatte man die Probleme eigentlich im Griff, das Land wurde nach außen hin billiger. Italienurlauber werden sich daran erinnern können.
Das geht seit Einführung des Euro nicht mehr.
Stiefel: Jedermann wusste, dass das ein großes Experiment wird, so etwas wie den Euro gab es vorher nicht. Die Euro-Länder haben nach wie vor eine hohe wirtschaftspolitische Souveränität. Es wird zwar ein Großteil der Wirtschaftsgesetze in Brüssel gemacht, aber die Länder haben nach wie vor die Steuer- und Budgethoheit. Es gibt keine zentrale Institution, die die EU-Länder zu etwas zwingen kann. Die Regierungen selbst müssen bereit sein, im Interesse des Euro zusammenzuarbeiten.
Eurostat stellte bereits 2004 fest, dass sich Griechenland den Beitritt zum Euro mit Hilfe von Budgettricks erschummelt hätte. War angesichts der Erfahrungen der Vergangenheit nicht vorhersehbar, dass Griechenland für den Euro nicht reif ist?
Stiefel: Griechenland ist prinzipiell ein Land auf dem wirtschaftlichen Niveau der Türkei. Wenn man sagt, sie haben geschwindelt, so ist das Ausdruck dieser anderen Wirtschaftskultur, mit der Nord- und Mitteleuropa so schwer zurecht kommen. Sie können aber nicht alles vorhersehen. Man macht eine Entscheidung zum Euro und ist dann der Meinung, wenn alle mitarbeiten, werden wir auch alle zukünftigen Probleme, die wir jetzt noch gar nicht kennen, lösen können.
Die EU stellt Beobachter ab, um die griechischen Finanzen zu kontrollieren.
Stiefel: Ja, das erinnert wiederum so ein bisschen an das Kolonialsystem, als Engländer die türkischen Finanzen kontrolliert haben. Griechenland gibt auf diese Weise sicherlich einen großen Teil seiner Souveränität ab.
Kann die griechische Pleite dem Euro gefährlich werden?
Stiefel: Griechenland hat 11 Millionen Einwohner, der Euroraum hat ca. 300 Millionen. Es handelt sich gottseidank nicht um eines der großen Länder. In Amerika ist Kalifornien praktisch auch bankrott, aber keiner redet davon, dass der Dollar dadurch in die Krise kommt. Der Euro ist immerhin eine riesige Währung für den wirtschaftlich stärksten Raum der Welt. Das ist ein Potential, gegen das keine Spekulation ankommt. Die Warnungen einer Gefährdung oder eines Zusammenbruchs des Euro sind also massiv übertrieben. Selbst wenn der Euro schwächer wird, ist das ein großer Vorteil für die europäpäische Exportwirtschaft, für die er mittlerweile eigentlich schon zu stark geworden ist.
Sollen die EU-Partner Griechenland beistehen?
Stiefel: Sie werden das sicher tun. Die Euroländer werden im Interesse des Euro eine Methode finden müssen, um Ländern, die in solche Schwierigkeiten kommen, wieder auf die Beine zu helfen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich ein Berater Obamas nicht mit der Finanzwelt anlegen will und weshalb Osteuropa optimistisch stimmen sollte.
