Freitag, 5. März 2010

Oscar für "Das weiße Band" wäre "cool":
Obwohl "alle ein bisschen depri drauf sind"

  • Elfjähriger Fion Mutert spielte eine der Kinderrollen
  • Seit dem Dreh will er nicht mehr Schauspieler werden

Wenn an diesem Sonntag in Hollywood die Oscars verliehen werden, ist der elfjährige Fion Mutert in Berlin auch ein bisschen gespannt. Denn Fion hat eine der Kinderrollen in Michael Hanekes Film "Das weiße Band" gespielt, der in der Kategorie bester ausländischer Film für den Oscar nominiert ist. 2008 hat er seine Sommerferien am Set in Brandenburg verbracht und den Sohn des Barons (Ulrich Tukur) gespielt. Fion meint zwar, dass in Hanekes Werk "alle ein bisschen depri drauf sind" und der Film etwas für ältere Leute sei. Einen Oscar fände er trotzdem "cool".

Früher wollte Fion unbedingt Schauspieler werden. Als der Dreh in Brandenburg begann, war er neun Jahre alt und ein Fan der "Wilden Kerle", die in Kinofilmen Fußball spielen. Doch im Rückblick glaubt Fion, dass der Wechsel zum Gymnasium vor zwei Jahren ein größerer Einschnitt für ihn war als der Filmdreh, zu dem er durch Zufall kam. Seine ältere Schwester wurde auf dem Schulhof für ein Casting angesprochen und Fion ging aus Neugier mit. Am Ende hatte er eine kleine Rolle - und seine Schwester keine. Sie habe das aber nicht übelgenommen, sagt Fion. Heute möchte er lieber Radiosprecher werden. Ein Musicaljob wäre auch nicht schlecht, denn Fion mag Tanzfilme und tanzt auch selbst gern. "Aber ich kann einfach nicht singen."

   "Das Weiße Band" spielt am Vorabend des Ersten Weltkrieges in einem kleinen norddeutschen Dorf. Es geht um Hierarchien und Gehorsam, um die getrennten Welten von Erwachsenen und Kindern - und rätselhafte, immer grausamere Vorfälle. Kritiker haben den Schwarz-Weiß-Film als Epos über das deutsche Wesen gefeiert und ein Requiem genannt.

Film ist "langweilig und merkwürdig ruhig"
   Fion fand den Film langweilig und merkwürdig ruhig, so fast ohne Musik. Doch er nimmt zwei andere Dinge mit von seiner Zeitreise: "Ich würde meine Kinder nie schlagen", sagt er. "Meine Eltern schlagen mich auch nicht. Aber ich glaube, es gibt Eltern, die das machen." Und in einem kleinen Dorf wohnen, früher ein Traum, möchte er nicht mehr. "Da hätte ich das Gefühl, ich wäre von der Welt abgeschnitten."

   Vor dem Dreh hatte sich Fion keine Gedanken über das Leben vor 100 Jahren gemacht. Wenn er an früher dachte, dann fiel ihm zuerst die Berliner Mauer ein. Der Sohn eines Barons zu sein wie im Film, mit feinen Anziehsachen und einem Hauslehrer, das hätte ihm im wahren Leben nicht gefallen. "Ich musste im Film ganz komische Anzüge tragen, mit Hemden und Hosenträgern. Die Schuhe hatten Absätze und haben so gedrückt, dass ich Blasen bekam", berichtet Fion. Als Sigi hatte er auch keine Freunde, mit denen er Blödsinn machen konnte - für Fion eine schreckliche Vorstellung. "Ich hatte das Gefühl, Sigi hat einfach kein Leben", sagt er. Er ist auch froh, dass sein Papa ganz anders ist als die Väter vor 100 Jahren. Diese Strenge und drakonische Strafen für Nichtigkeiten, das fand er "krass".

   An die Drehzeit hat Fion jedoch auch heitere Erinnerungen. Er musste sieben Mal in einen See fallen, bis der Regisseur mit der Szene zufrieden war. Einmal hat er sich aus Versehen auf Hanekes Regiestuhl gesetzt. "Das war ganz schön peinlich." Als Fion bei der Premiere im Berliner Kino International sein Gesicht das erste Mal auf einer Großleinwand sah, fand er das im ersten Moment "gruselig". Doch zum Schluss sei er auch stolz gewesen. Wenn "Das weiße Band" einen Oscar gewänne, fände Fion das in Ordnung. "Ich hätte nur nicht das Gefühl, dass das etwas mit mir zu tun hat."

(apa/red)

5.3.2010 13:55