Johanna Dohnal, eine Unbequeme:
angefeindet, gehasst, zuletzt geliebt
- TESSA PRAGER zum Tod einer großen Frau
- PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Das Aufbrechen alter Machtgefüge geht nicht leicht, nicht mit Charme, nur mit Beharrlichkeit und Härte.
Für jüngere ÖsterreicherInnen sind die Ablehnung und die Anfeindung, die Häme und die unbändige Wut, auf die Johanna Dohnal mit ihrer Politik stieß, nicht mehr vorstellbar. Ihr Einsatz dafür, dass Frauen sich eine eigenständige Existenz sichern können, dass sie ohne Angst vor Gewalt, selbstbestimmt und gleichberechtigt leben: Ja, das klingt heute selbstverständlich. Dass es zumindest auf dem Papier, dem Gesetz und den schönen Worten bei Sonntagsreden nach so ist, verdanken wir zu einem guten Teil dem Kampf, den Dohnal Zeit ihres Lebens gefochten und dem sie sich ausgesetzt hat. Dass dieser Kampf nie gewonnen ist und man stets aufpassen muss, dass einmal Erkämpftes nicht wieder eingeschränkt wird, das wusste die legendäre erste Frauenministerin und Leitfigur der österreichischen Frauenbewegung selbst am besten. Viele junge Frauen glauben, der Feminismus sei überholt, es stünden ihnen ohnehin alle Möglichkeiten offen. Dazu sagte Dohnal im NEWS-Interview zu ihrem 70. Geburtstag vor einem Jahr gelassen: Jede kommt einmal drauf, wie notwendig das ist. Inzwischen muss man natürlich weitertun, aufklären und Fakten benennen, die viele ja gar nicht wissen.
Ihr Aufstieg. Dohnal war in einer Dynastie unehelicher Mütter aufgewachsen. Das Schulgeld fürs Gymnasium war unerschwinglich, ein Studium unerfüllbarer Traum. Mit 17 trat sie der SPÖ bei. Der Kampf um die Fristenlösung sensibilisierte sie für Frauenanliegen. Sie stieg von der Bezirks- zur Wiener Gemeinderätin auf und erkämpfte gegen die herrschende Meinung, so etwas sei absolut überflüssig das erste Frauenhaus. Als Bruno Kreisky 1979 vier Frauen in die Regierung holte und Dohnal zur ersten Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen machte, wuchs erst Häme, bald Anfeindung.
Ihre Erfolge. Dohnal machte sich systematisch daran, die Lebensbedingungen der Frauen zu verbessern: Sie erkämpfte, gegen viele Widerstände, zahlreiche Gesetze gegen Gewalt und gegen sexuelle Belästigung. Setzte einen eigenständigen Pensionsanspruch für Frauen durch, die Anrechenbarkeit von Kindererziehungszeiten auf die Pension, dass Ehefrauen für ihren Anteil am Wohnungseigentum keine Schenkungssteuer zahlen mussten. Sie erreichte, dass uneheliche Mütter Vormund ihres Kindes sein durften, die Elternkarenz, das Gleichbehandlungsgesetz und vieles mehr. Ihr Prinzip war: strukturell anzusetzen, nicht individuell.
Ihre Haltung. Das Aufbrechen alter Machtgefüge geht nicht leicht, nicht mit Charme, nur mit Beharrlichkeit und Härte. Viele schätzten sie dafür, manche verfolgten sie mit Hass. Sie war 1993 als einziges Regierungsmitglied das Ziel einer Briefbombe. Viel später sagte sie: Es hat schon Momente gegeben. Aber mit der Zeit kriegt man einen Panzer. Sie kämpfte bis zuletzt für Frauen und für Gerechtigkeit, gegen Gewalt, Rassismus und Menschenverachtung. Nachdem sie, 1995, abgetreten war, wuchs plötzlich die Wertschätzung ringsum. Da erschien sie vielen nicht mehr gefährlich. Es war viel Scheinheiligkeit dabei. Aber ihre Frauen haben sie geliebt und noch manches Mal gefeiert. Sie hat, mit Mut und Unbequemlichkeit, sehr viel weitergebracht. Danke, Johanna.
