Olympia bekommt Topfavoriten nicht gut:
Außenseitersiege in der Abfahrt Tradition
- Didier Defago hatte zuvor niemand auf der Rechnung
- Stock und Ortlieb holten Gold ohne einen Sieg zuvor

Der Olympiasieg in der Herren-Abfahrt blieb wieder einmal den ganz großen Topfavoriten versagt. Zwar hatten Experten mit einem Didier aus der Schweiz gerechnet, allerdings nicht mit dem Nachnamen Defago. Saisondominator Didier Cuche musste sich dagegen mit Rang sechs begnügen, lag damit aber noch klar vor dem Salzburger Michael Walchhofer (10.) oder seinem Landsmann Carlo Janka (11.), die ebenfalls zum engsten Kreis der Medaillenanwärter gezählt worden waren. Und Lokalmatador Manuel Osborne-Paradis, der aufgrund des Heimvorteils als heißester kanadischer Goldtipp gehandelt worden war, kam nicht über Rang 17 hinaus.
Didier Defago hatte dagegen im Vorfeld der wichtigsten Alpin-Entscheidung kaum jemand auf der Rechnung gehabt, hatte er doch zuvor bei sämtlichen Großereignissen, an denen er teilgenommen hatte, nie den Sprung aufs Podest geschafft. Zwar hatte der 32-jährige Routinier im Vorjahr die Abfahrtsklassiker in Kitzbühel und Wengen gewonnen, aber in der Olympiasaison war er in der Königsdisziplin als Zweiter in Bormio nur ein einziges Mal aufs Stockerl gefahren.
Erst dank Trainers Gnaden aufgestellt
Auch in Whistler hatte es für Defago wenig verheißungsvoll begonnen: Im Gegensatz zu Cuche und Janka wurde er nicht für die Abfahrt gesetzt und musste in die Qualifikation, die er gegen Ambrosi Hoffmann verlor. Erst der Trainer-Entscheid sicherte ihm überhaupt einen Startplatz und damit das Ticket zu Gold. Defago war aber trotzdem keinesfalls ein so krasser Außenseiter wie etwa der Franzose Jean-Luc Cretier (Nagano 1998) oder der US-Amerikaner Tommy Moe (Lillehammer 1994), die ihre magischen Momente ausgerechnet in Olympia-Abfahrten hatten.
Bis einschließlich des legendären Triumphs des Kärntners Franz Klammer 1976 in Innsbruck hatten durchwegs Topfavoriten Olympia-Gold in der alpinen Königsdisziplin erobert. Doch 1980 in Lake Placid schlug mit dem eigentlich nur als ÖSV-Reservisten vorgesehenen Tiroler Leonard Stock erstmals ein "Underdog" zu.
Debütsieger holen Gold
Stock hatte damals noch kein einziges Weltcup-Rennen (Debüterfolg erst 1989) gewonnen - ebenso wie sein Vorarlberger ÖSV-Teamkollege Patrick Ortlieb (Debütsieg 1993), der 1992 in Albertville Gold holte. Gleiches gilt für die Sensationssieger Moe (nur ein Weltcup-Sieg unmittelbar nach Olympia 1994 im Super-G) oder Cretier, der in seiner Karriere überhaupt nie ein Weltcup-Rennen gewann. "Super-Gleiter" Bill Johnson aus den USA, laut Klammer ein "Nasenbohrer", hatte dagegen einen Monat vor seinem Gold-Coup in Sarajevo 1984 in Wengen wenigstens einen Weltcupsieg gefeiert.
Seit Klammer hat sich also mit dem Schweizer Pirmin Zurbriggen (1988 in Calgary) nur einziger Topfavorit in der Olympia-Abfahrt durchgesetzt. Fritz Strobl war 2002 zwar kein Überraschungssieger, doch der haushohe Goldfavorit war damals der Tiroler Stephan Eberharter, der am Ende "nur" Bronze holte, gewesen. Der Franzose Antoine Deneriaz hatte vor seinem Olympiasieg 2006 in Turin/Sestriere immerhin drei Abfahrten gewonnen, also immerhin eine mehr als Defago, der sich auf den Tag genau 22 Jahre nach Zurbriggen zum dritten Schweizer Abfahrts-Olympiasieger krönte. Der erste war Superstar Bernhard Russi 1972 in Sapporo gewesen.
(apa/red)










