Star-Journalist Wallraff über Österreich:
"Eine Brutstätte für rechtes Gedankengut"
- NEWS: "Vieles hier ist extremer als in Deutschland"
- Angebot der Krone: "War entsetzt & habe abgelehnt"
·Gipfeltreffen der Rechten in der Hofburg
"Geächtete Politiker" auf dem Burschenschafterball
·Von Verbotsgesetzen und Neonazi-Geistern
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Seine Haut hat er oft riskiert: ob als ausgebeuteter Türke Ali "ganz unten" oder nachts bei Minusgraden als Obdachloser. Als der deutsche Star-Journalist Günter Wallraff in den 70ern in Griechenland als Widerständler gefoltert wurde, hatte er schon sein Testament gemacht. Jetzt erlebte er sein braunes Wunder Schwarz auf Weiß: Ein Jahr tourte er für die Doku als Farbiger durch Deutschland.
NEWS: Als Farbiger erfuhren Sie Alltagsrassismus am eigenen Leib. In Österreich wird der immer salonfähiger. Wie sähe eine Wallraff-Aktion etwa in Kärnten aus?
Wallraff: Ich habe hier schon in kurzer Zeit gemerkt, dass vieles extremer ist als in Deutschland. Ich denke, ich mache demnächst einen Abstecher hierher. In Graz wurden Besen verteilt (Wir halten die Stadt sauber) gegen sogenanntes Gesindel, Obdachlose und Bettler. Wenn ich mich in Kärnten betätigen wollte, wär das eine Lebensaufgabe, da wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte. Es wäre sicher auch Realsatire. Es braucht auch keine große Verkleidung. Da erscheine ich als russischer Investor. Vielleicht komm ich aber noch mal als Schwarzer daher.
NEWS: Wie beurteilen Sie die Parolen von BZÖ und FPÖ?
Wallraff: Da ist Österreich eine Brutstätte rechtesten Gedankenguts. Wenn das jetzt wieder auflodert, was schwappt dann da alles noch über? Zum Glück ist Österreich eingebunden in ein gemeinsames Europa.
NEWS: Mit dem Bild-Buch Der Aufmacher begründeten Sie Ihren Ruhm. Ist Bild noch Vernichtungsmaschinerie, Auslöser für Selbstmorde?
Wallraff: Der Springer-Konzern ist nicht mehr der monolithische Block, der er mal war. Heute ist Differenzierung festzustellen. Aber es gibt immer wieder Häme, Hetze. Gerade der jetzige CR ist eindeutig politisch rechts angesiedelt. Ursprünglich Protegé von Kohl, Trauzeuge. Unter einem der abgebrühtesten Chefredakteure, Tiedje, wurde systematisch Asylantenhetze betrieben. Da wurden Schlagzeile auf Schlagzeile Horrorgeschichten konstruiert über sogenannte Asylbetrüger. Titel wie Das Boot ist voll! oder Die Flut steigt, jede Minute ein neuer Asylant, wann sinkt das Boot?. Danach passierten die Pogrome.
NEWS: Ihr Urteil zum Österreich-Pendant, der Krone?
Wallraff: Hans Dichand meinte das ehrlich, als er mir anbot, in der Krone Sozialreportagen zu veröffentlichen. Ich habe mir dann die Krone kommen lassen, war entsetzt und habe dankend abgelehnt.
(Nadja Sarwat)
Mehr zum deutschen Star-Journalisten finden Sie im NEWS 06/10
