Dienstag, 2. Februar 2010

Das Schnäppchen namens Afrika: China,
Indien und Saudis "erobern" den Kontinent


"Acht Millionen Hungernde – was für eine Business-Chance!“, ruft Ramakrishna Karuturi beglückt aus. So wie der indische Konzernchef entdecken derzeit viele Unternehmen ihre "Begeisterung" für Afrika. Egal ob es um Äthiopien, den Sudan, Kenia, Tansania oder andere Länder des südlichen Kontinents geht: Afrika ist plötzlich wieder wirtschaftlich von Bedeutung. Allerdings nicht unbedingt zum Vorteil der Afrikaner: Denn Chinesen, Inder, Araber und Europäer drängen nach Afrika, um sich hier Einfluss und Märkte zu sichern - vor allem aber geht es um Land.

Investoren aus aller Welt drängen auf den südlichen Kontinent, um sich hier riesige Landflächen zu kaufen (siehe Karte). Die Gründe dafür sind vielfältig. China und Indien benötigen zum Einen die unter der afrikanischen Erde liegenden Rohstoffe, um ihre Wirtschafts zu befeuern. Zum Anderen bemühen sich Länder wie Saudi-Arabien oder Kuweit, die auf Lebensmittelimporte angewiesen sind, um einen direkten Zugriff auf Produktionsstätten in Afrika und Lateinamerika. Und schließlich verspricht der Biodiesel-Boom auf den teilweise fruchtbaren Böden Afrikas satte Erträge. Ein Potential, das Geschäftemachern nicht länger entgeht, weshalb auch Hedgefonds und westliche Pensionsfonds längst auf den Zug aufgesprungen sind.


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Im Gefolge der Krise sicherten sich aus­ländische Investoren 20 Millionen Hektar Land in Afrika. Äthiopien ­allein vergibt trotz Hungerkrise drei Millionen Hektar an Inder, Saudis und Chinesen. Ein Lokalaugenschein.

Land ist Trumpf
Da sind einmal Staaten wie Saudi-Arabien, Kuwait oder China, die von Lebensmittelimporten abhängig sind und im Jahr 2007, als im Gefolge der Subprime-Krise die Rohstoff-Preise explodierten und Dutzende Länder Exportverbote verhängten, einen Schock erlitten.

Hoffen auf Investitionen
Doch warum geben die afrikanischen Regierungen, die ihre hungernde Bevölkerung zu versorgen haben, das Land ab – und verlangen kaum etwas dafür? Esayas Kebede kann das erklären: Er leitet die staatliche Agentur, die geeignetes Land auswählt und es Investoren anbietet. Sein Büro ist klein, von der Wand blättert Farbe. Doch seine Pläne sind groß. „Wir brauchen die Investitionen“, erklärt Kebede. „Unsere Landwirtschaft ist nicht intensiv genug, die Produktivität ist zu niedrig. Ausländische Investitionen bringen Technologie und Arbeitsplätze.“ Wenn genug Leute bei den Investoren arbeiten, erklärt Kebede, dann geben sie Geld aus und kurbeln die Wirtschaft an. „Es ist billig, sehr billig. Am Geld soll es nicht scheitern“, versichert Kebede. Das freut die Saudis, die sich kürzlich 500.000 Hektar in Äthiopien gesichert haben. In Tansania haben sie bereits ebenso viel geleast, im Sudan, in Ägypten und in Marokko haben sie Land gekauft. Doch hier ging es besonders glatt: Der Deal wurde von Scheich Mohammed Hussein Ali Al Amoudi eingefädelt, geboren in Äthiopien und zugleich der zweitreichste Saudi. „Forbes“ listet Al Amoudi auf Platz 43 der Reichsten der Welt. Ihm gehört etwa das Sheraton in Addis Abeba, in dem die Regierungschefs der Afrikanischen Union ein und aus gehen. In der luxuriösen Bar des Hotels nimmt der Ministerpräsident gerne bei Livemusik seinen Feierabend-Drink. Al Amoudi pachtete bereits 2008 10.000 Hektar Land und baute darauf Reis an. Am 20. August brachte er dem saudischen König eine Kostprobe, der Herrscher fand sie wohlschmeckend. Also gründete Al Amoudi Anfang September die Firma Saudi Star und fädelte den 500.000-Hektar-Deal ein. Anfang November bestellte die Firma für 98 Millionen Dollar Caterpillars.

Arbeitskraft und Gastfreundschaft
Geschwiegen wird darüber nicht: An der Flughafenstraße in Addis hängen gigantische Transparente von Saudi Star an der Messehalle, die der Scheich extra renovieren ließ, um dort eine Agrar-Investment-Messe auszurichten. Am 14. und 15. November informierten sich hier 50 weitere saudische Investoren, das Wohlwollen ihres Königs im Rücken, auf dem „Saudi-Ostafrika-Forum“ über Landkauf in Äthio­pien. „Warum attraktiv?“ steht auf einem der Poster, das die Investitionsagentur dafür angefertigt hat, über dem Foto einer saftig grünen Wiese. „Weites, fruchtbares, bewässerbares Land zu niedrigen Preisen. Billige Arbeitskräfte. Herzliche Gastfreundschaft.“ Daneben ist eine Karte Äthiopiens gedruckt. Jene Teile des Landes, die für Investoren zur Verfügung stehen, sind fett markiert. Von Enteignungen oder Entschädigungen ist dabei niemals die Rede.

„Der Hauptgrund für den Verkauf ist Korruption: Die Regierung verdient sich an den Kick-back-Zahlungen eine goldene Nase.“ Seinen Namen will der Experte nicht in der Zeitung sehen: Kritik an Korruption hat ihn bereits seinen Job gekostet und mit einem Fuß ins Gefängnis gebracht.

Neokolonialismus und neuer Feudalismus
Beispiele wie diese finden sich nun auch in den Reports der internationalen Organisationen zuhauf: Die OECD, das World Food Programme, die deutsche GTZ und eine ausführliche Studie der Welternährungsorganisation FAO kommen alle zum Schluss, dass der massive Landverkauf der Bevölkerung keine Vorteile bringt. „Die Verträge sind sehr dünn, es gibt keine Absicherungen“, sagt David Hallam von der FAO. „Wir sehen Papiere von Ministern, in denen sie praktisch alles versprechen, ohne Bedingungen und ohne Kontrollen.“ Auf dem Welternährungsgipfel in Rom war der Run der Investoren auf das Land der Entwicklungsländer das Hauptthema: Vor dem Tagungsgebäude demonstrierten Bauern gegen den neuen Feudalismus, drinnen wurde um Richtlinien gerungen. Herausgekommen ist die Absicht, in den nächsten zwei Jahren einen Verhaltenskodex auszuarbeiten – aber nicht bindend. Doch bis dahin wird Äthiopien bereits drei Millionen Hektar Land auf 40 bis 100 Jahre verleast haben. Sollte es sich die nächste Regierung dann anders überlegen und das Land zurückwollen, hat sie keine Chance: Die Verträge sind durch internatio­nale Abkommen gesichert, einklagbar vor der WTO. Der Chef der FAO, Jacques ­Diouf, hat dafür ein klares Wort: „Neokolonialismus.“ Doch sein moralischer Appell verpufft: Die neuen Kolonialherren sind anonyme Fonds oder kommen selbst aus ehemaligen Kolonien – Indien, China, arabische Länder. Ihr schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen.

2.2.2010 17:45