Als Klestils Miene langsam zu Stein wurde:
Schwarz-blaue Wende vor 10 Jahren fixiert
- Schüssel holte die Haider-FPÖ ins Koalitionsboot
- Protest: Der stete Begleiter der "Wenderegierung"

·Die Fußspuren von
Schüssels "Giganten"
10 Jahre Schwarz-Blau: Wer die Wende überstand
·Schüssel missfällt Straches "Tonlage"
Ex-Kanzler hält Koalition mit Strache für schwierig
Die Menge tobte, die Eier flogen - getroffen wurde trotzdem keiner der Adressaten. Denn Wolfgang Schüssel schritt mit seiner ersten Regierungsmannschaft unter dem Ballhausplatz in die Hofburg, wo Bundespräsident Thomas Klestil in eisiger Atmosphäre die erste schwarz-blaue Koalition der Zweiten Republik angelobte. Zehn Jahre ist dieser historische Tag nun her, die damaligen Protagonisten sind längst aus der ersten Liga der österreichischen Spitzenpolitik verschwunden, ein Comeback von Schwarz-Blau steht aber wieder im Raum.
Der 4. Februar 2000 bedeutete einen absoluten Tabubruch in Österreich. In rekordverdächtigem Tempo wurde quasi hinter dem Rücken des Bundespräsidenten eine kleine Koalition ausverhandelt. Freiheitlichen-Chef Haider verzichtete für die Regierungsbeteiligung erstens auf einen Wechsel nach Wien und zweitens auf den Kanzlersessel, womit Wahlverlierer Schüssel von Platz drei aus zum Regierungschef aufstieg.
Reformwillig, trotz Protest
Schüssel konnte in der Folge lange von ihm gewünschte Vorhaben wie Privatisierungsoffensive und Pensionsreform durchziehen. Leichter vorgestellt hatte sich der neue Kanzler alles wohl trotzdem. Dass in Wien im Rahmen der Donnerstag-Demos teils mehr als 10.000 Menschen gegen Schwarz-Blau auf die Straße gingen, den "Abwehrstreik" des davor eher dahinschlummernden ÖGB sowie dass er seine Kanzlerschaft mit dem demütigenden Gang unter dem Heldenplatz antreten musste, mag der VP-Chef noch verkraftet haben. Dass er als großer Europäer nun der Paria in der EU war und sogar Sanktionen gegen Österreich verhängt wurden, hat Schüssel wohl bis heute nicht verschmerzt.
Der Sanktionen-Spuk war nach einem Besuch der "drei Weisen" nach gut einem halben Jahr zu Ende, Außenministerin Benita Ferrero-Waldner hatte sich mit Kampflächeln und Dauereinsatz ihre spätere Karriere als EU-Kommissarin geebnet. Ging der Außenfeind also rasch verloren, gewann der von innen immer mehr Bedeutung.
Haider einmal weg, dann wieder da
Jörg Haider hatte sich keinen Monat nach der Regierungsbildung als FPÖ-Obmann zurückgezogen und seiner langjährigen Weggefährtin Susanne Riess-Passer das Ruder überlassen. Die politische Fernbeziehung ging dann aber alles andere als gut. Je besser Riess-Passer mit Kanzler Schüssel harmonierte, umso mehr ergriff den Kärntner Landeshauptmann die (politische) Eifersucht. Ständige Streitereien mündeten im "Putsch" von Knittelfeld, auch motiviert von diversen Irritationen um den umstrittenen Eurofighter-Kauf. Mit Riess-Passer, Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Klubchef Peter Westenthaler marschierten im September 2002 jene drei Freiheitlichen ab, die sich am besten mit der ÖVP arrangiert hatten - Schüssel erkannte die Chance, rief Neuwahlen aus, angelte Grasser für die Volkspartei und landete mit mehr als 42 Prozent einen Sensationserfolg. Zur Seite nahm er sich wieder die mittlerweile auf 10 Prozent zusammengeschrumpfte FPÖ.
Die Freiheitlichen wurden fortan im Wesentlichen als Anhängsel der ÖVP empfunden, die sich selbst in einer Art Alleinregierung wähnte, da änderte auch die Einsetzung von Haider-Schwester Ursula Haubner als Parteichefin sowie von Infrastrukturminister Hubert Gorbach als Vizekanzler nichts. Die Parteibasis rebellierte gegen die zu lasche freiheitliche Position in der Regierung, woraufhin sich die blaue Spitze orange färbte. Das BZÖ wurde im April 2005 aus der Taufe gehoben, die FPÖ blieb Heinz-Christian Strache und den Seinen übrig. Da der Klub mit zwei Ausnahmen zum BZÖ wechselte und damit die Mehrheit gesichert war, machte Schüssel mit seiner Regierung weiter - die war dann halt schwarz-orange.
Gusenbauer stoppt Schwarz-Blau
Das endgültige Aus für die Kombination aus Volkspartei und drittem Lager bestimmte der Wähler - und das eher überraschend. Nach dem BAWAG-Skandal hätte man auf die SPÖ lange keine Cent gewettet. Letztlich holten aber die Sozialdemokraten unter Gusenbauer 2006 die relative Mehrheit - und da auch für die ÖVP eine Koalition mit den damals noch schwer verfeindeten Geschwister-Parteien FPÖ und BZÖ keine Option war, ging nach sieben Jahren das schwarz-blaue Experiment endgültig zu Ende.
(apa/red)
