Quercia-Interview
Seit vier Jahren ist Ulrike Haider-Quercia, die promovierte Juristin, mit dem Polit-Berater Paolo Quercia, 35, verheiratet. Gemeinsam lebt das Paar am Monte Mario in Rom, Haiders Tochter lehrt am Österreich-Institut "Deutsch für Juristen" und fungiert als Generalsekretärin der "Vereinigung der Österreicher in Rom". Quercias Netzwerk ist im Umfeld der Rechtspartei Alleanza Nazionale zu suchen, die im März 2009 aufgelöst wurde und in Silvio Berlusconis Volkspartei "Popolo della Libertà" aufging: Der studierte Politologe war unter anderem als Berater von Außenhandelsminister Adolfo Urso tätig und bezeichnet sich selbst als "parteiunabhängig", aber "liberal-konservativ".
Nach Haiders Tod ist Quercia, Chef der "Associazione Italia - Carinzia", so etwas wie der politische Kopf des Haider-Clans, seine Beziehung zum Schwiegervater war vertraut und herzlich. Umso brisanter sind die Kernpunkte seines großen NEWS-Interviews:
NEWS: Herr Quercia, wo stehen Sie gesellschaftspolitisch?
Quercia: In Österreich hält sich das Gerücht, ich wäre ein militanter Parteigänger der Forza Italia gewesen, aber das stimmt nicht. Ich habe bis vor drei Jahren als außenpolitischer Berater für den der Alleanza Nazionale entstammenden Handelsminister Adolfo Urso gearbeitet, gehöre aber keiner Partei an. Ich würde mich selbst als liberal-konservativ bezeichnen.
NEWS: Gianfranco Fini, Ex-Chef der in Berlusconis "Popolo della Libertà" aufgegangenen Alleanza Nazionale, nennt sich selbst einen "Postfaschisten". Was bedeutet das?
Quercia: Das ist Nonsens - da wäre ja jeder Italiener Postfaschist, und ganz Italien wäre vor dem Hintergrund seiner historischen Erfahrung postfaschistisch. Es gibt in der Alleanza keinen faschistischen Hintergrund, das ist klar. Fini hat eine sehr, sehr gute Beziehung zu Israel, und Berlusconi wurde am israelischen Nationalfeiertag von der römischen Community bejubelt wie ein Popstar.
NEWS: Alessandra Mussolini ist heute auch Teil der breiten Berlusconi-Volkspartei - ist sie denn rechtsradikal?
Quercia: Sie ist in erster Linie eine Feministin, ihr vorrangigstes politisches Ziel ist Lobbyismus für Frauen. Ich glaube, sie hat keine radikalen Ansichten, aber den Familiennamen als Branding. Klar, mit diesem Namen kann sie viele Nostalgiker anziehen.
NEWS: Schaden Berlusconis Privat-Skandale dem Image Italiens im Ausland?
Quercia: Ja, weil die Dinge des politischen Lebens im Ausland oberflächlicher gesehen werden. Italien als Land der tanzenden, singenden TV-Girls, das ist massiv verkürzt. NEWS: Wie funktioniert dieser Mann?
Quercia: Berlusconi funktioniert wie ein kommerzielles Medium. Er weiß: Wenn du halbnackte Frauen zeigst, kaufen die Leute mehr Zeitungen. Wenn du wie er aus der Medienbranche kommst, frägst du nicht nach der besten Botschaft, sondern danach, wie man die Leute am ehesten zu Käufern deines Produktes machen kann. Privat kann er ja zu jeder Party gehen. Was mir nicht passt, ist, dass er das TV für seine hedonistischen Vorstellungen nützt. - Dabei ist er ist eigentlich ein Sozialist. Erst im Kampf um die Vorherrschaft bei den Linken zwischen Sozialisten und Kommunisten entwickelte er sich nach rechts. Weil dort keiner war, weil dieser Platz leer war. Aber er zog viele Menschen von links an.
NEWS: Ist das eine Parallele zu Jörg Haider?
Quercia: Nein, sie sind in keiner Weise vergleichbar. Höchstens vielleicht darin, dass sie zu gewissen Zeiten beide Outsider waren.
NEWS: Sie sind Präsident der frisch gegründeten "Associazione Italia - Carinzia". Ist das ein Tribut an Ihren Schwiegervater?
Quercia: Ja, auch. Aber in erster Linie ein Versuch, einige seiner Ideen weiterzuentwickeln - die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Italien und Österreich. Seine Idee war es, dass Menschen aus Italien in Österreich und Österreicher in Italien kandidieren sollten, er wollte eine grenzüberschreitende Partei gründen. Er wollte eine politische Bewegung, die über die Grenzen hinweg operiert. Diese Idee war sehr weit fortgeschritten - er wollte das schon für diese EU-Wahl.
NEWS: Aber in seiner Partei dürfte sich das noch nicht herumgesprochen haben - einer der Kandidaten warnt vor Migrantenströmen aus Afrika
Quercia: Zwei oder drei Tage nach seinem Tod saßen meine Frau und ich in Klagenfurt in einem Restaurant, da kam ein Blumenverkäufer auf uns zu. Als wir dankend ablehnten, sagte er: "Sie sind der Schwiegersohn von Haider und Sie die Tochter - diese Rosen sind für Sie, das ist mein Tribut an Jörg Haider." Er hieß Hammett und kam aus Ägypten: "Haider war mein guter Freund, er gab mir die Staatsbürgerschaft ein Jahr früher, weil er mich mochte." - Nein, ich glaube nicht, dass in Jörg Haider diese Anti-Ausländer-Ideen sehr stark waren. Sie gehörten nur zu den vielen Ideen, die er auszubalancieren hatte.
NEWS: Machen seine aktuellen politischen Erben im BZÖ also vielleicht etwas, was er gar nicht wollte?
Quercia: Ich glaube, sie sollten mutiger sein: Sie sollten sein Erbe vorwärts transportieren und nicht zurückentwickeln. Ich glaube, sie müssten sich entscheiden: Sollen sie seinen alten oder den neuen Ideen folgen? Diese Partei sollte ihren Platz etwas rechts von der Mitte finden, nur dort kann ihre Zukunft liegen, sonst gibt es ja keinen Unterschied zur FPÖ. Sie dürfen nicht die FPÖ kopieren, sondern sollten liberal-konservativ sein. Kärnten allein reicht nicht. Diese Partei hat als Erbe von Haiders Ideen nur dann Zukunft, wenn sie zu einer lokalpatriotischen Partei wird, das war eine der Grundlagen seiner Ideen. Sie müssen in jeder österreichischen Region ihre lokale Identität stärker entwickeln, sollten kein peripherer Teil des Kärntner BZÖ sein. Jedes Tal hat seine eigene Identität, dieses Element der Differenzierung muss auch im politischen Marketing genützt werden.
NEWS: Wie geht es Ihnen persönlich, haben Sie Haiders Tod schon verarbeitet?
Quercia: Ich wollte mit ihm ein Buch schreiben, in dem in Ausgewogenheit Freunde und Gegner zu Wort kommen: Jörg Haider und Österreich - die Idee gefiel ihm. Am Sonntag nach seinem Tod wollten wir eigentlich die Arbeit aufnehmen. Stattdessen begann ich, die unklaren Aspekte der Ereignisse zu verarbeiten. Ich glaube, Österreich hätte mit seinem Tod anders umgehen müssen, transparenter. Deswegen begann ich, ein Tagebuch zu schreiben über die vielen seltsamen Dinge, die mir auffielen.
NEWS: Zum Beispiel?
Quercia: Merkwürdig war zum Beispiel, wie man mit dem Körper umging. Hätte man das nicht in einer offenen Art machen und die Familie in diesen Prozess einbeziehen können? Wenn man das Blut mehrere Stunden nach dem Tod untersucht, ist das Resultat nicht vertrauenswürdig, nicht exakt. Der Körper verändert sich ja innerhalb von Stunden komplett. Aber keiner in Österreich wollte darüber reden, man nahm das, was die offiziellen Institutionen verlautbarten, und sagte: Jörg Haider hatte soundsoviel Alkohol im Blut - aber keiner zog die Umstände in Zweifel, wie und wann das Blut abgenommen wurde. Keiner fragte: Kann das denn stimmen?
NEWS: Er war also nicht alkoholisiert?
Quercia: Ich weiß es nicht. Ich sah nur, dass man es eilig hatte, neue Etiketten für ihn zu kreieren. Ich glaube, Österreich hat ein Problem mit dem Tod von Jörg Haider.
NEWS: Inwiefern?
Quercia: In Österreich waren so viele Menschen gegen ihn eingestellt - und dann dieses Staatsbegräbnis mit Zehntausenden Menschen. Für einen, der vor zehn Jahren noch der schwarze Mann war, das Böse an sich. Wie ist das möglich, dass jemand so böse ist - und wenn er stirbt, bekommt er das Begräbnis eines Engels?
NEWS: Wie?
Quercia: Man kam drauf, dass dieser Mann, der als radikaler Extremist, als Neonazi beschrieben wurde, das alles nicht war. Deshalb verfuhr man mit seinem Tod so: Okay, er war politisch gar nicht so böse, aber seht her, wie viel er trank, wie er fuhr und all die anderen Geschichten. Wir haben in unserer politischen Einschätzung einen Fehler gemacht, also müssen wir kompensieren, ihn mit neuen Stigmen versehen. Er war kein Nazi - dafür war er betrunken.
NEWS: Wer ist wir?
Quercia: Das österreichische Unterbewusstsein - das ging auf Kosten der Klarheit. Ich wundere mich, dass ein so effizientes Land in diesem Fall so ineffizient arbeitet. Ein Österreicher sagte mir: "Haider ist vogelfrei." - Das ist die Geschichte Jörg Haiders, die sich auch in seinem Tod widerspiegelt.
NEWS: Ist es nicht schade, dass die "Trademark Haider" verloren geht? Claudia Haider zum Beispiel ist in Kärnten überaus populär, wäre sie nicht prädestiniert für die Politik?
Quercia: Claudia ist in sozialen Beziehungen sehr stark, sie würde sich in der Politik sehr gut machen. Aber wenn man mit seinen Erben so umgeht wie mit ihm - ich glaube nicht, dass jemand aus der Familie vogelfrei sein will. Ich kann Ihnen sagen, dass eine politische Partei meiner Frau das Angebot machte, für die EU-Wahlen zu kandidieren. Ich glaube, die Idee dahinter war, seinen Namen zu benutzen.
NEWS: Wäre das nicht eine smarte Idee?
Quercia: Ich riet ihr dazu, zu akzeptieren. Ich denke, sie könnte den modernisierten Ideen Jörg Haiders ein Gesicht geben. Sie hat promoviert, spricht so viele Sprachen, arbeitete schon im Europäischen Parlament. Sie könnte die richtige Person für Österreich im Europäischen Parlament sein. Aber sie ist in den Dingen, die sie in Angriff nimmt, sehr ernsthaft. Sie sagte: "Nein, das ist nicht mein Leben." Ob das ein Nein für immer ist - ich weiß es nicht. Vielleicht ist es zu früh für sie.
NEWS: Wären Sie denn stolz auf sie?
Quercia: Ja, sehr stolz.
(David Pesendorfer für NEWS)

