"Strache ist eine Gefahr für Österreich":
Nazi-Jägerin Klarsfeld im NEWS-Interview
- "Schüren Hass gegen Ausländer und gegen Juden"
- Motiv: "Es ging mir um Bestrafung, nie um Rache"

Aus den Augen der Kinder spricht Hoffnung. Sie wurden von Mai 1943 bis April 1944 in einem Kinderheim in Izieu in Frankreich versteckt in dem Glauben, der antisemitischen Verfolgung zu entkommen. Doch sie hatten keine Chance. Am Morgen des 6. April 1944 wurden 44 jüdische Kinder, sieben davon aus Wien, festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Kurz darauf wurden sie vergast.
Ihre Namen und ihr Schicksal wären in Vergessenheit geraten, hätte nicht die Deutsche Beate Klarsfeld in jahrzehntelanger Arbeit das viel zu kurze Leben der Kinder recherchiert. Nicht nur ein Erinnerungsbuch (Endstation Auschwitz, Böhlau Verlag) von Beate Klarsfeld und ihrem Mann Serge, auch eine Wanderausstellung zeigt in Österreich das wenige, was von den ermordeten Kindern geblieben ist.
Beate Klarsfeld enttarnte ungeachtet der Lebensbedrohung etliche Naziverbrecher. Es ging mir um Bestrafung, nie um Rache, erklärte sie. Heute ist die zweifache Mutter zufrieden mit ihrem Lebenswerk. Manches war gefährlich, sagt sie und meint den skrupellosen Widerstand der früheren Nazis. Schutz gab ihr die ständige Medienpräsenz, die Klarsfelds Feinden eine Vergeltung erschwerte. Im NEWS-Interview spricht sie über die Ausstellung und aktuelle Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
NEWS: Die Ausstellung Die Kinder von Maison dIzieu wird an österreichischen Berufsschulen gezeigt. Jugendliche, die jetzt die fröhlichen Bilder und das grausame Ende der Kinder sehen, haben durch ihr Alter kaum mehr persönlichen Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?
Klarsfeld: Es gibt so viele Museen und Gedenkstätten, die Erinnerungen wachhalten. Das ist für die Jugend heute besonders wichtig. Denn junge Menschen müssen 2010 genauso für den Widerstand gegen Antisemitismus, Diskriminierung von Minderheiten und Rassismus sensibilisiert werden wie in der Vergangenheit.
NEWS: Sprechen Sie sich also dagegen aus, die Zeit des Nationalsozialismus eines Tages der Geschichte zuzuweisen?
Klarsfeld: Ja. Denn Jugendliche interessieren sich für diese Zeit. Natürlich müssen sie gut vorbereitet werden, wenn sie sich etwa diese Ausstellung ansehen. Aber sie fragen: Wie ist das möglich gewesen? Und erkennen andere, aktuelle Probleme wie Hass gegenüber bestimmten Menschengruppen.
NEWS: Ist es legitim, heutige Diskriminierungen von Menschengruppen beziehungsweise aktuelle politische Strömungen mit diesem einmaligen Verbrechen der Naziherrschaft zu verglei-chen? Viele erkennen darin eine Verharmlosung des Geschehenen
Klarsfeld: Es gibt in bestimmten afrikanischen und asiatischen Ländern ganz aktuelle Regime, denen man ebenfalls Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwerfen muss. Freilich sind und waren österreichische Politiker wie der verstorbene Jörg Haider oder momentan (FPÖ-Chef Heinz-Christian; Anm.) Strache damit nicht vergleichbar.
NEWS: Sehen Sie in Strache dennoch eine Gefahr?
Klarsfeld: Ja, er ist gefährlich, seine Partei ist gefährlich, weil sie Hass gegen Ausländer und Hass gegen Juden schürt.
NEWS: Sie sind eine sehr konsequente Verfolgerin von NS-Tätern. Sehen Sie dennoch ein, dass es notwendig war, in Österreich nach Ende des Krieges auch ehemalige Nazis in den Wiederaufbau einzubinden?
Klarsfeld: Nein, das sehe ich ganz anders. Österreich hätte für die politische Führung des Landes auf keinen Fall Täter aus dem Nationalsozialismus heranziehen dürfen.
(Tatjana Duffek)
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