Die Katastrophe von Haiti auch
eine neue Nagelprobe für Obama
- Peter Pelinka - Chefredakteur von FORMAT
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Auch unter dem Friedensnobelpreisträger bleiben die USA eine Super-
und keine reine Friedensmacht. Aber mit höherem moralischem Anspruch.
Fünf Jahre nach der Tsunami-Katastrophe: wieder eine Naturkatastrophe apokalyptischer Dimension, wieder Hunderttausende Tote, wieder eine Welle globalen Schocks und globaler Hilfsbereitschaft. Freilich werden diesmal Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen, bis Haiti wieder einigermaßen hergestellt sein wird. Aber was heißt schon wiederhergestellt im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, in dem vier Fünftel der Einwohner mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen mussten? Bis zum 12. Jänner 2010 herrschten in Haiti Zustände wie in Afrika und seither noch viel schlimmere. Das Land ist komplett zusammengebrochen, seine Infrastruktur wie seine Institutionen. Und das in der Karibik, einer Region, die zu Recht als eine der schönsten der Erde gilt, ein touristisches Paradies mit herrlichen Stränden und ganzjährig warmem Klima, gestört nur von regelmäßigen Wirbelstürmen. Auf einer gemeinsamen Insel mit der Dominikanischen Republik mit ihren Luxushotels, nicht weit von den Küsten der Supermacht USA entfernt.
Schon aus geografischen Gründen ist es klar, dass Haiti nun zum Protektorat der USA werden wird, egal ob offiziell oder unter UNO-Flagge. Keine völlig neue Situation: In den vergangenen Jahren haben nach mehreren bürgerkriegsartigen Eruptionen Tausende Blauhelme (vor allem Lateinamerikaner unter Federführung der immer selbstbewussteren Brasilianer) und Zehntausende US-Amerikaner die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. Die heimische Elite hat das nicht geschafft: Nachdem der ausbeuterische Clan der Duvaliers (Vater und Sohn pressten zwischen 1957 und 1986 das Volk aus) verjagt worden war, wurden in den 1990 demokratisch gewählten Armenpriester Aristide große Hoffnungen gesetzt er konnte sie nicht erfüllen. 1994 setzte ihn auf Befehl Bill Clintons eine US-Intervention noch gegen Militärputschisten wieder ein, 2004 verließ er nach einer Wiederwahl und neuerlichen schweren Unruhen das Land, auch auf Druck der Bush-Administration. Der jetzige Präsident Preval, einst Mitstreiter Aristides, ist nun der Präsident eines komplett zerfallenen Landes und schon deswegen auf die Unterstützung der USA angewiesen. Vor allem auf ihre logistische Hilfe: Nur das amerikanische Militär ist in der Lage, Transport und Verteilung der Hilfsgüter wenigstens halbwegs zu überwachen. So unverständlich lange das auch dauert, so viel Einzelkritik da auch aufkommt es gab und gibt keine wirksame Alternative dazu. Die USA sind nach wie vor die einzige Macht, welche in relativ kurzer Zeit an jedem Punkt der Welt intervenieren kann: militärisch, wirtschaftlich, humanitär. Natürlich stets auch mit Eigeninteressen: In Haiti etwa hat sie jahrelang den Duvalier-Clan als Gegengewicht zum bösen Kuba Fidel Castros unterstützt, nun leistet sie auch deshalb Hilfe, um nicht einen Flüchtlingsstrom aus ihrem Hinterhof ins eigene Haus zu erben.
Für Barack Obama tut sich so ein Jahr nach Amtsantritt ein weiterer Krisenherd auf. Mit einer für ihn typischen messianischen Rhetorik begründet er das Engagement (In times of tragedy, the USA steps forward and helps. That is who we are. That is what we do, Beitrag für Newsweek), mit einer ebenfalls typischen Cleverness hat er nicht nur Bill Clinton, sondern auch George Bush an vorderster Hilfsfront eingebunden. Es wird keine leichte Aufgabe, im völlig kaputten Haiti menschenwürdige Zustände herzustellen. Aber eine sympathischere als zwei derzeit ebenso nötige: gegen Terroristen in Afghanistan und Pakistan zu kämpfen oder nach dem verrückten Bush- Privatkrieg gegen Saddam den Irak in einem halbwegs stabilen Zustand verlassen zu können. Unter dem Friedensnobelpreisträger Obama bleiben die USA eine globale Super- und keine Friedensmacht. Freilich mit einem weit höheren moralischen Anspruch als zuvor. Auch der steht in Haiti auf dem Prüfstand.
