Montag, 18. Jänner 2010

So schlimm war nicht einmal der Tsunami:
Zustände in Haiti schocken erfahrene Helfer

  • Rot-Kreuz-Mitarbeiter: 'Kampf ums nackte Überleben'
  • EU macht für den Karibikstaat 420 Mio. Euro locker

Die Zerstörungen und Verwüstungen, die das Erdbeben auf Haiti angerichtet hat, lassen selbst erfahrene Katastrophenhelfer erschaudern. "In einer derartig chaotischen Situation wie hier war ich noch nie", ist Klaus Palkovits erschüttert. Für den österreichischen Rot-Kreuz-Helfer sind die Zustände auf Haiti sogar noch schlimmer als jene beim Tsunami im Indischen Ozean 2004: Dort habe es koordinierende Verwaltungsbehörden und Regierungsorgane sowie eine intakte Infrastruktur gegeben. "Und das kann man im Fall Haiti nicht sagen", schilderte Palkovits seine Eindrücke.

"Die Leute haben alles verloren und kämpfen ums nackte Überleben", so Palkovits. Besonders schlimm sei "das unmögliche Leid derjenigen, die unter den Trümmern liegen und die Überforderung der medizinischen Einrichtungen".

Als gar nicht gut bezeichnete er das Verteilen der Hilfsgüter "ohne Hinsehen auf die Bedürfnisse", zum Beispiel durch das Abwerfen von Paketen aus Flugzeugen. "Das führt nur zu Auseinandersetzungen. Auch an Unterkünften fehlt es: "Wir haben heute selbst im Freien übernachtet", so Palkovits.

Die Hilfsaktion in Haiti sei einer der größten Einsätze, mit dem man je konfrontiert worden sei. An Ort und Stelle unterstützen derzeit rund 100 internationale Mitarbeiter die 2.000 lokalen Freiwilligen. Das österreichische Team konzentriere sich auf Trinkwasser und Sanitärlagen, erklärte Palkovits. Derzeit bereite er mit seiner Kollegin Andrea Reisinger alles für die Ankunft eines sechsköpfigen Spezialteams vor, das am Dienstag von Österreich aufbrechen soll. Diese könnten Wasser- und Sanitäranlagen für 20.000 Menschen errichten. Seine Aufgabe sei es, einen geeigneten Platz für den Aufbau von Camps und Infrastruktur zu suchen.

EU macht 420 Millionen locker
Indes will die Europäische Union Haiti mit mehr als 420 Millionen Euro unterstützen. Die zuständigen Außen- und Entwicklungshilfeminister einigten sich bei einem Treffen in Brüssel auf einen Gesamtbetrag von 92 Millionen Euro an Soforthilfe aus den Budgets der Mitgliedstaaten. Die EU-Kommission stockt ihre humanitäre Nothilfe auf 30 Millionen Euro auf. Darüber hinaus sagt die EU 200 Millionen Euro aus dem Gemeinschaftsbudget an Wiederaufbauhilfe für Haiti zu.

"Die Koordinierungsarbeit der EU ist geglückt", sagte Außenminister Michael Spindelegger. Unter Leitung des amtierenden EU-Kommissars für Entwicklungshilfe Karel De Gucht soll eine EU-Erkundungsmission nach Haiti aufbrechen, sagte er. Die Ergebnisse sollen beim nächsten Treffen der EU-Außenminister besprochen werden. Die führende Rolle bei der Katastrophenhilfe sollte bei den Vereinigten Staaten bleiben, sagte der Außenminister.

Spindelegger sicherte erneut 800.000 Euro humanitäre Soforthilfe aus Österreich für die Erdbebenopfer in Haiti zu. Für 200.000 Euro stelle Österreich Medikamente für drei Monate sowie 200 Zelte für Familien bereit. 500.000 Euro kämen aus dem Auslandskatastrophenfonds, weitere 100.000 Euro aus dem Notfallfonds der UNO. Die Abwicklung erfolge durch das Rote Kreuz und die UNO. Österreich brauche sich hier "nicht zu verstecken", betonte der Außenminister.
(apa/red)

18.1.2010 15:21