"Akte Natascha Kampusch" geschlossen:
Entführer Wolfgang Priklopil war Einzeltäter
- Endbericht: Kein Anhaltspunkt für etwaige Komplizen
- Polizei: Geiger gesteht erneut Ermittlungsfehler ein
·Mehr als acht Jahre lang in diesem Verlies
GRAFIK: Das "Gefängnis" der Natascha Kampusch
·Kriminalfall mit Ermittlungsfehlern
Eine Chronologie der Kampusch-Erhebungen
·"Ich habe mir selbst
die Grube gegraben"
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über den Fall Kampusch
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Die Akte "Entführungsfall Natascha Kampusch" ist nach mehr als einem Jahr wieder geschlossen. Bei den Ermittlungen seit Oktober 2008 wurde kein stichhaltiger Anhaltspunkt für Komplizen des Kidnappers Wolfgang Pirklopil gefunden. "Die Mehrtätertheorie ist auszuschließen", sagte der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien (OStA), Werner Pleischl, bei einer Pressekonferenz. Was bleibt ist einzig ein Ermittlungsverfahren gegen den einstigen Freund des Täter, Ernst H., wegen Finanzdelikten bzw. Begünstigung bei der Flucht.
Laut den umfangreichen Ermittlungen war Priklopil der alleinige Täter, Komplizen bzw. Mitwisser gab es nicht. Kampusch war ein zufälliges Opfer, es gab keinerlei Verbindungen zu irgendeiner Person in ihrem Umfeld. Kampusch zeigte sich erleichtert, dass durch die Ermittlungen Behauptungen aus der Welt geschaffen wurden: "Sie wünscht sich nun, dass diese haarsträubenden Gerüchte ein Ende finden", so ihre Medienberater.
Im Zentrum der Erhebungen
Ernst H, der als Beschuldigter geführt wurde, stand im Fokus der Erhebungen. "Er könnte einen Strafprozess bekommen, aber nicht wegen Beteiligung", betonte Pleischl. "Richtig ist, dass das Verfahren gegen Herrn H. soweit eingestellt ist, dass er an der Tat beteiligt war." Ermittlungen wegen finanzieller Manipulation bzw. seines Verhaltens nach der Flucht von Kampusch laufen noch. H. könnte Priklopil vor der Polizei versteckt und so dessen Flucht begünstigt haben.
Der Freund Priklopils hatte seine ursprüngliche Aussage im November 2009 in zwei zentralen Punkten geändert. Während er lange behauptete, nichts von der Entführung gewusst zu haben, gestand er, dass Priklopil ihm die Tat kurz vor dessen Selbstmord im Auto gebeichtet habe. Unmittelbar davor hatte H. Kampuschs Entführer während der Flucht vor der Polizei aus dem Donauzentrum abgeholt. Nach einem langen Gespräch soll Priklopil den Wagen mit dem Vorhaben, sich eine Nacht lang zu verstecken und dann abzusetzen, verlassen haben.
H. begab sich danach in eine Veranstaltungshalle, wo die nach Priklopil suchende Polizei bereits auf ihn wartete. Mit der Aussage "Hot er's umbrocht?" machte er sich verdächtig. Laut Thomas Mühlbacher, Leiter der Staatsanwaltschaft Graz, erklärt H. diese Worte damit, dass er Priklopil die Lebensbeichte nicht geglaubt und an einen Mord gedacht habe. Die OStA hält diese Angaben für plausibel. Stutzig machten die Ermittler darüber hinaus aber 500.000 Schilling (36.336 Euro), die H. Priklopil rund um die Entführung übergab. Wenige Tage später überwies der Kidnapper 460.000 Schilling (33.430 Euro) wieder zurück an H. Auch hier hatte der Beschuldigte eine für die Ermittler schlüssige Erklärung parat: Als Grund hat er das Vorbeischleusen von Schwarzgeld am Finanzamt angegeben, so Mühlbacher. "Und es macht auch Sinn, weil ein Geschäftskonto zu diesem Zeitpunkt überzogen war." Den Differenzbetrag von 40.000 Schilling (2.907 Euro) soll Priklopil für gemeinsame Materialeinkäufe verwendet haben.
Auch für andere offene Fragen wurden Mühlbacher zufolge logische Erklärungen gefunden. Die zum Tatzeitpunkt Zwölfjährige, die 1998 zwei Entführer beobachtet haben will, glaubt nun, sich möglicherweise geirrt zu haben. Zur Diskussion stand auch ein Telefonat im Wald nach der Entführung, dabei fielen die Worte: "die anderen" kommen nicht. "Frau Kampusch führt das darauf zurück, dass Priklopil sie beeindrucken wollte", so Mühlbacher.
Verlies alleine gebaut
Das Verlies wurde laut Ermittlungen bis auf die Möblierung in den Grundzügen vor der Entführung fertiggestellt. "Wie das Mädchen dort erstmals eingesperrt worden ist, war der Raum für einen längeren Aufenthalt eines Menschen vorbereitet", betonte Mühlbacher. Dementsprechend wird davon ausgegangen, dass Priklopil das Gefängnis alleine gebaut hat. Hinter einer erst nach der Entführung eingebauten Wandvertäfelung fand man ausschließlich DNA von Priklopil und Kampusch. Den 150 Kilo Tresor vor dem Eingang konnte Priklopil, auch mit einem verletzten Mittelfinger, mit Hilfe von Hebeln auf dem rutschigem Boden bewegen, erklärte Mühlbacher.
Etwas Licht brachten die Ermittlungen in Priklopils Beweggründe für die Tat: Nach beruflichen Erfolgen konnte sich der Mann 1998 mehr auf sein Privatleben konzentrieren und hatte laut H. Torschluss-Panik: Er hatte Angst keine Frau mehr zu finden und kam dabei auf die Idee, ein Mädchen zu entführen. Als Kampusch älter wurde, machte er mit der jungen Frau Ausflüge, um sie die Entführung vergessen zu lassen und mit ihr eine "normale" Partnerschaft zu führen.
Die Polizei gestand erneut Ermittlungsfehler ein. "Dass der Hinweis auf Wolfgang Priklopil falsch bewertet wurde, ist damals in der Hektik der Ereignisse passiert. Das war ein großer Fehler", sagte Ernst Geiger vom BK. Mit den jetzigen Erhebungen ist der Fall seiner Meinung nach geklärt: "Was man mit Ermittlungen machen kann, ist getan worden. Wir sind sicher, dass es keine Mittäter gab." Genau in diese Kerbe schlug Gerald Ganzger, Kampuschs Anwalt: Er ist der Meinung, dass die Polizei nicht genug getan hat, um das Mädchen zu befreien.
(apa/red)
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