"Ich habe mir selbst die Grube gegraben":
Adamovich spricht im NEWS über Kampusch
- Ex-Verfassungsgerichtshofboss bedauert Äußerungen
- Adamovich: "Täter könnten noch frei herumlaufen"

·Kampusch versuchte drei Mal zu fliehen
Verwirrung: Kehrte sie zwei Mal freiwillig zurück?
·Adamovich muss 10.000 Euro zahlen
Üble Nachrede: Von Kampusch-Mutter geklagt
·Natascha Kampusch schimpft über Heimat
21-Jährige: Viel Missgunst
und penetrante Medien
Vergangenen Montag in der Wiener Hofburg, im Büro von Ludwig Adamovich. Der frühere Präsident des Verfassungsgerichtshofs und nunmehrige Leiter der Kampusch- Evaluierungskommission wirkt beinahe ein wenig kränklich. Adamovich wurde zu Weihnachten im Wiener Landesgericht wegen übler Nachrede zu 10.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Grund: Der 77-Jährige hatte im vergangenen Sommer in mehreren Interviews abstruse Dinge über Nataschas Jahre in Geiselhaft von sich gegeben etwa, dass die Zeit in ihrer Gefangenschaft womöglich allemal besser gewesen sei als jene in ihrer Kindheit, als das Mädchen noch bei seiner Mutter lebte. In NEWS spricht Adamovich jetzt, sichtlich geknickt, über seine Fehler aber auch über neue Verdachtsmomente in dem Entführungsfall.
NEWS: Herr Professor, wie geht es Ihnen?
Ludwig Adamovich: Ich mache mir Vorwürfe. Weil ich einen juristischen Fehler begangen habe, der mir mit meiner Berufs erfahrung nicht hätte passieren dürfen. Denn natürlich war es unmöglich von mir, das nicht unproblematische Familien leben von Natascha Kampusch in irgendeiner Weise mit ihrer Gefangenschaft zu vergleichen. Jetzt jedenfalls ist mir klar: Ich habe mir mit dieser Formulierung meine eigene Grube gegraben, obwohl ich niemals den Eindruck eines direkten Vergleichs erwecken wollte. Ich habe mich also einfach sehr missverständlich ausgedrückt. Und nochmals: Ich wollte niemals den Opferschutz von Frau Kampusch infrage stellen. Nur ein dummer Sadist könnte auf diese Idee kommen.
NEWS: Ihre Vorgangsweise in dem Fall nun?
Adamovich: Es geht und ging mir immer nur darum, offene Fragen in der Causa aufzuklären und mögliche zukünftige Opfer zu schützen.
NEWS: Sie denken also nach wie vor, dass es Mittäter gab?
Adamovich: Dies ist durchaus denkbar. Bei meiner Suche nach der Wahrheit bin ich nämlich auf zahlreiche Ungereimtheiten gestoßen.
NEWS: Welches sind diese Ungereimtheiten?
Adamovich: Natascha hat sich nicht in einer durchgängigen Gefangenschaft befunden was aber natürlich in keinster Weise bedeutet, dass sie kein Opfer gewesen ist. Aber Tatsache ist eben auch: Es hat mehrere gemeinsame Ausflüge mit Priklopil gegeben. Und fest steht zudem: Kampusch bestreitet ein Faktum, das für mich als gesichert gilt und zwar einen Besuch in Gesellschaft ihres Kidnappers in einem Gasthaus in der Ötscher- Gegend. Die Wirtsleute erinnern sich an diese Visite aber genau, und bei ihrer Befragung haben diese Zeugen auf mich nicht den Eindruck von Spinnern gemacht.
NEWS: Wie stufen Sie nun die mehrfachen Fluchtversuche von Kampusch ein?
Adamovich: Die Fluchtversuche können in zwei Richtungen ausgelegt werden. Sie könnten wegen besonderer Umstände gescheitert sein, oder Natascha ist zu ihrem Entführer immer wieder freiwillig zurückgekehrt, weil sie eine positive Beziehung zu ihm hatte. Emotionale Erpressung könnte dabei freilich eine Rolle gespielt haben. Es ist jedoch ein Gerücht, dass Kampusch einmal sogar bis nach Wien gekommen und dann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Strasshof zurückgefahren ist. Aufgrund ihrer eigenen Aussagen ist jedenfalls bloß ein zentraler Punkt in der Causa erwiesen.
NEWS: Welcher?
Adamovich: Das Verlies war zum Zeitpunkt der Entführung nicht fertig ausgebaut. Es wurde erst stufenweise errichtet. Was mich stutzig macht: Ein Einzeltäter, der ein Mädchen entführen möchte, wird sein Verbrechen erst begehen, wenn das Versteck fertig ist. Daher scheint mir eine plausible Variante, dass Priklopil ein Auftragskidnapper war. Solange allerdings sein Chef nicht gefunden ist, wird dies eine Spekulation bleiben. Trotzdem ich betone: Es muss sehr zu denken geben, dass das Verlies zum Zeitpunkt der Entführung nicht fertig gewesen ist. Einer oder mehrere Täter könnten also jetzt noch frei herumlaufen.
Lesen Sie das ganze Interview im aktuellen NEWS 10/01!
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