Viel Missgunst in Österreich: Natascha
Kampusch wettert gegen ihr Heimatland
- TV-Dokumentation über Gefangenschaft vorgestellt
- Ihrem Peiniger hat Kampusch "alles schon verziehen"
21-Jährige plant nun ein Treffen mit Priklopils Mutter

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Natascha Kampusch hat bei einer Pressekonferenz in Deutschland schwere Vorwürfe gegen ihre Heimat erhoben: In Österreich schlage ihr viel Missgunst und Aggressivität entgegen, die Medien seien penetrant, meinte das 21-jährige Entführungsopfer in Hamburg bei der Vorstellung einer TV-Dokumentation über ihre achtjährige Gefangenschaft in einem Verlies. Andere zu kritisieren und schlecht zu machen, "das ist so eine Wiener Mentalität", so Kampusch.
"Ein österreichischer Journalist hätte gleich etwas Unangenehmes, Intimes gefragt", im Unterschied zur recht ruhigen und geordneten Pressekonferenz in Hamburg, betonte Kampusch. Trotz der harschen Vorwürfe betonte die 21-Jährige weiter in Österreich leben zu wollen: "Wien ist meine Heimatstadt."
"Mulmiges Gefühl"
Mehr als drei Jahre nach der Flucht berichtete die junge Frau in der Dokumentation abermals über die Entführung und die Gefangenschaft: "Die Stimmbänder haben nicht mitgemacht bei dem Schrei", erinnert sie sich an den Tag im März 1998, an dem sie ihr Peiniger Wolfgang Priklopil gepackt und in sein Auto gezerrt hatte. Später dann berichtet sie über ihr "Unbehagen, so ein mulmiges Gefühl", immer wenn ihr Entführer das Verlies aufschloss. Das fünf Quadratmeter große Gefängnis sah sie damals auch als ihre Heimat, sogar ihre Zuflucht. Nach einer gewissen Zeit habe sie sich dort drinnen, allein mit sich selbst, wohler gefühlt, als etwas tun zu müssen, "was ich nicht wollte".
Ihre Emotionen, als sie zum ersten Mal wieder in das Verlies zurückkehrte? "Das ist so, als würden Sie in ihr Jugendzimmer zurückkommen. Das ist so behaftet mit Erinnerungen. Das war ja mein Zu Hause, mein persönlicher Bereich, das ist ein Teil meiner Vergangenheit." Doch mittlerweile sehe sie das mit mehr Abstand, wie eine Außenstehende - und das sei "schockierend (...) macht mir ein ganz mulmiges Gefühl", sagte sie in Hamburg.
Hat Priklopil "alles verziehen"
Priklopil, der sich wenige Stunden nach ihrer Flucht am 23. August 2006 das Leben genommen hatte, habe sie "in der Sekunde alles schon verziehen", sagte sie laut dpa. Sie habe "so eine Art Mitleid" mit ihm gehabt - obwohl er sie in ein "kaltes, feuchtes, ekelhaftes, stinkendes" Kellerverlies gesperrt hatte. Sie habe verzeihen müssen, ergänzt Kampusch, "sonst wäre ich wohl auch physisch zugrunde gegangen (...) Sonst wäre ich so voller Hass gewesen."
Erstmals will Kampusch nun die Mutter ihres Entführers Wolfgang Priklopil treffen: "In den nächsten zwei Monaten soll ein Kontakt zustande kommen", betonte die junge Frau. Jeder Mensch sollte auf eigenen Füßen stehen, so Kampusch zu Fragen nach ihren Eltern und Geschwistern: "Ich habe regelmäßigen Kontakt zu meiner Familie, aber nicht zu eng."
"Ich lebe ganz zurückgezogen"
Knapp dreieinhalb Jahre nach ihrer Flucht habe sie weiterhin große Probleme, ins normale Leben zurückzufinden. "Ich lebe ganz zurückgezogen und zeige mich kaum in der Öffentlichkeit", erzählte das Entführungsopfer. Auf die Frage nach Freunden, antwortete sie: "Das ist natürlich auch sehr schwer." Sie habe ja keine normale Sozialisation gehabt, in der sie Freundschaften aufbauen hätte können, aber: "Ich hab' schon fast so Leute, die man als Freunde bezeichnen könnte, gewonnen."
Noch bis zum Ende des Jahres möchte Kampusch nach eigenen Angaben ihren Pflichtschulabschluss erlangen. Sie wünsche sich derzeit nichts mehr, als ein "normales Leben" führen zu können. "Ich habe offen gestanden gar keine Ahnung, wie sich mein Leben weiter gestalten wird", meinte die 21-Jährige im Hinblick auf ihre berufliche Zukunft.
Die vorgestellte Dokumentation "Natascha Kampusch - 3.096 Tage Gefangenschaft" ist 45 Minuten lang und wird am 25. Jänner 2010 um 21.00 Uhr im ARD gezeigt. Am Ende des Films äußert sie ihren wohl größten Wunsch: "Ich wünschte mir, dass die Menschen einen normaleren Umgang mit mir hätten. Ich habe mir das verdient." Und voller Unverständnis fordert sie laut dpa: "Die Menschen sollten sich freuen, dass ich das halbwegs gesund überstanden habe."
(apa/red)
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