Wer ist "Clodion"?: Viele offene Fragen
und noch mehr Spekulationen im Fall Flick
- Ermittlungsleiter Ernst Geiger im NEWS-Exklusivtalk
- War Anwalt wirklich Drahtzieher des Verbrechens?

·Fall Flick: Vierter Verdächtiger gefasst
Behörden suchen nach zwei weiteren Komplizen
·Flick - Chronologie
einer Entführung
Von Verschwinden bis zum Wiederauftauchen
Die Geschichte um die Entführung des Leichnams von Friedrich Karl Flick liest sich wie ein Thriller und könnte von Hollywood-Autoren nicht besser erfunden worden sein. Und bleibt dennoch oder gerade deshalb ein Fall, der selbst nach seiner offiziellen Klärung Rätsel in sich birgt. Zahlreiche Rätsel. Denn die Lösung der Causa, die seit über einem Jahr weltweit für Schlagzeilen sorgt, scheint fast zu simpel, zu banal. Und fest steht ja auch bloß: Der Sarkophag des Mannes, der zu Lebzeiten Milliardär war, wurde aus der Flickschen Luxusgruft in Kärnten gestohlen. Aber sonst gilt nichts als gesichert. Weder der Tatzeitpunkt, der im November 2008 oder bereits im Frühjahr davor gewesen sein könnte. Noch das echte Motiv für das abstruse Verbrechen.
Doch, schon, vor wenigen Tagen hat die Polizei die angeblichen Hintergründe zu der Tat bekannt gegeben. Ein gescheiterter Anwalt aus Budapest sei das Hirn der Kidnapper-Gang gewesen hieß es nun. Die Komplizen des Mannes, Klein- und Schwerstkriminelle aus Ungarn und Rumänien, hätten, eventuell sogar ohne zu wissen, welche Tragweite ihr Delikt haben würde, einst Flicks sterbliche Überreste geklaut für den lächerlichen Lohn von 740 Euro pro Kopf.
Deckname Clodion
Und dann habe der Boss der Bande seelenruhig damit begonnen, die Familie des Verblichenen zu erpressen. Im Alleingang. Unter dem Decknamen Clodion. Mit Dutzenden E-Mails, in welchen sechs Millionen Euro für die Rückgabe des Toten gefordert wurden.
Übrig bleiben viele offene Fragen. Auch für die Fahnder des Bundeskriminalamts. Im NEWS-Exklusivinterview spricht Ermittlungsleiter Ernst Geiger über mögliche wahre Antworten zu der mysteriösen Causa:
NEWS: Herr Dr. Geiger gilt für Sie der, Fall Flick als gelöst?
Ernst Geiger: Mit Sicherheit nicht. In der Causa gibt es noch zahlreiche Dinge, die in den kommenden Wochen genauestens abzuklären sind.
NEWS: Die Lösung könnte demnach eine ganz andere sein, als bislang kolportiert.
Geiger: Nach derzeitigem Recherchestand scheint es, als wäre ein 41-jähriger Anwalt und Kirchenrat der Kopf der Kidnapperbande gewesen. Doch, wie gesagt es gibt noch diverse Ungereimtheiten. Sachlagen, die nicht hundertprozentig schlüssig scheinen. Vor allem aus psychologischer Sicht.
NEWS: Inwiefern?
Geiger: Es sind Kleinigkeiten, die stutzig machen.
NEWS: Nennen Sie eine dieser Kleinigkeiten.
Geiger: Die Person wer immer sie auch war , welche die Drohbriefe verfasst hat, schrieb in der Ich-Form. Ein äußerst untypisches Verhalten für Erpresser. Üblicherweise geben derartige Verbrecher nämlich vor, in Gruppen zu agieren und haben in Wahrheit ihre Delikte alleine begangen. Und im Fall Flick soll alles genau umgekehrt gelaufen sein
NEWS: Erpresser haben wie Hunderte Beispiele aus der Kriminalgeschichte zeigen in der Regel so gut wie nie Mitwisser oder Mittäter.
Geiger: Eben.
NEWS: Und schon gar nicht solche, die für einen Hungerlohn von ein paar hundert Euro ein ziemlich aufwendiges Verbrechen ein Mausoleum aufzubrechen, einen Sarg daraus zu stehlen und ihn dann mit einem Lieferwagen von Österreich nach Ungarn zu transportieren begehen. Während ihr Boss für diese Tat sechs Millionen Euro kassieren will ...
Geiger: Ich weiß, das alles klingt seltsam. Aber aus meiner langjährigen Erfahrung als Kriminalist weiß ich auch, dass Unmöglichstes möglich sein kann. Und vielleicht wussten die Grabräuber ja auch gar nicht, wie bedeutend jener Mann einmal war, dessen Leichnam sie schließlich zu stehlen hatten.
NEWS: Doch spätestens nach Auffliegen des Delikts, als weltweit in den Medien über das Verbrechen berichtet wurde, hätten sie ahnen müssen, wie wertvoll ihr Diebsgut war
Geiger: Leider befinden sich einige der betreffenden Personen noch auf der Flucht und konnten daher nicht zu ihren Rollen in der Causa vernommen werden.
NEWS: Was ist überhaupt über die einzelnen Mitglieder der Tätergruppe bekannt?
Geiger: Fakt ist: Bloß Dr. Barnabas S., jener ungarische Anwalt, der als Kopf der Bande gilt, wäre wahrscheinlich dazu fähig gewesen, die Erpresserbriefe zu verfassen. Seine Kollegen vermutlich nicht dazu hätten ihnen nämlich die intellektuellen Voraussetzungen gefehlt.
Martina Prewein
Alles zu den Gerüchten rund um den Fall Flick und ob es noch andere Täter gegeben haben könnte, lesen Sie im NEWS 50/09!
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