Klirrende Kälte und zuckende Gummiwürste:
Ein Hainburg-Veteran erinnert sich zurück
- Besetzung der Hainburger Au jährt sich zum 25. Mal
- NEWS.at-Gespräch: "Polizei knüppelte auf alles hin"

·25 Jahre Protest gegen Hainburger Au
Sternmarsch war Beginn
der Umweltbewegung
·GRAFIK: Chronologie der Vorfälle in der Au
Hainburg 1984: Geburt der Umweltbewegung
Vor 25 Jahren, am 8. Dezember 1984, machten sich etwa 5.000 wackere Umweltschützer auf den Weg in die Au bei Hainburg, um gegen den Bau eines Donau-Kraftwerks zu protestieren. Zwei Tage darauf war die Au dauerhaft besetzt, der Rest ist Geschichte. Der Protest der Au-Besetzer gewann in der Folge rasch an Zugkraft und entwickelte sich zu einer einflussreichen Ökologiebewegung, die die politische Landschaft in Österreich nachhaltig prägen sollte. Im Gespräch mit NEWS.at blickt Günter Kenesei, Hainburg-Veteran der ersten Stunde und jetziger ÖVP-Gemeinderat in Wien, auf die Ereignisse in der Stopfenreuther Au zurück.
"Im Nachhinein betrachtet wird die Geschichte von der Au-Besetzung oft romantisch verklärt. Von Lagerfeuerromantik war damals aber genau nichts zu spüren, es war saukalt und wir hatten mit 30 Zentimeter Neuschnee zu kämpfen", erinnert sich Kenesei. Er selbst macht sich bereits in den ersten Tagen der Besetzung nach Hainburg auf, um persönlich gegen den Bau des Wasserkraftwerks zu demonstrieren, bei seinem Arbeitgeber nimmt er sich dafür extra eine Woche frei.
Protestaktion traf den Zeitgeist
Noch zehn Jahre zuvor hätte das Kraftwerksprojekt nur wenige hinter dem Ofen hervorgelockt, doch die Protestaktion in Hainburg trifft genau den Zeitgeist der 80er Jahre. Die Zeit scheint reif, zivilen Ungehorsam zu begehen und "sein Innerstes nach außen zu kehren", wie Kenesei es ausdrückt. Der Veteran über seine eigenen Beweggründe, in die Au zu marschieren: "Ich habe nicht eingesehen, dass aus einem Justament-Standpunkt heraus dort ein Kraftwerk errichtet werden sollte. Jeder, der logisch nachdachte, konnte darüber nur den Kopf schütteln. Die ökologischen Auswirkungen wären ein Wahnsinn gewesen."
Trotz Besetzung beginnt am 10. Dezember 1984 die Rodung von ausgewählten Waldstücken. Die Besetzer, anfangs von der Regierung unter Fred Sinowatz (SPÖ) noch als "Extremisten" bezeichnet, hindern die Bagger an der Abholzung, es kommt zu Zusammenstößen mit den mittlerweile zahlreich angerückten Sicherheitskräften. Zwei Personen werden verletzt, drei vorübergehend festgenommen. Am Tag darauf hindert eine Menschenkette von mittlerweile mehr als 3.000 Demonstranten die Bautrupps abermals am Vordringen.
"Showdown" am 19. Dezember
Nachdem Bundeskanzler Sinowatz den Ernst der Lage mittlerweile erkannt hat, verfügt er einen vorläufigen Rodungsstopp und verhandelt mit Kraftwerksgegnern über eine friedliche Lösung. Als in den frühen Morgenstunden des 17. Dezember abermals gerodet werden soll, überschlagen sich jedoch die Ereignisse. Es kommt zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Exekutive, nach zwei Stunden müssen die Bagger wieder abziehen. Die Au ist ab sofort Sperrgebiet.
Den Höhepunkt im "Krieg" zwischen 800 Polizeibeamten und etwa 3.500 Au-Besetzern bildet der 19. Dezember. Die traurige Bilanz dieses finalen "Showdowns": 20 Verletzte und 300 gefällte Bäume. "Die Gendarmeriebeamten haben zum Großteil mit uns sympathisiert. Die 'schlimmen Finger' waren eher die Herren von der Wiener Polizei, die aufgehetzt die Gummiknüppel geschwungen haben. Unter denen galt offenbar die Parole, auf alles hinzuknüppeln, das nicht aussieht wie ein Polizist", blickt Kenesei immer noch verärgert zurück. Drei Tage vor Weihnachten 1984 lenkt Sinowatz schließlich ein und verkündet einen "Weihnachtsfrieden", die Rodung wird endgültig gestoppt. Als der Verwaltungsgerichtshof den Baubeginn des Kraftwerks Anfang Jänner 1985 schließlich untersagt, hat die Au-Besetzung ihr erfolgreiches Ende gefunden.
Keine Sympathien für Audimax-Besetzer
Die Vorfälle im Dezember 1984 gelten als Geburtsstunde der modernen Umweltbewegung, von der auch die damals noch junge politische Kraft der Grünen enorm profitiert hat. Bis 2005 war auch Kenesei Mitglied der Grünen, ein interner "Glaubenskrieg" zwischen "Fundis" und "Realos" ließ ihn jedoch zur ÖVP-Gemeinderatsfraktion in Wien wechseln.
Ob eine ähnliche Aktion wie die Au-Besetzung auch anno 2009 möglich wäre? "Ich wüsste nicht, wer sich so etwas heute noch antun würde. Ich befürchte, manche wissen gar nicht, wie man Solidarität buchstabiert." Er selbst würde sich bei einer ähnlichen Protestbewegung eher als unterstützender Lobbyist denn als Aktivist engagieren, "man ist schließlich nicht mehr 25." Parallelen zwischen Hainburg und der Besetzung des Audimax sieht der 50-jährige Wiener Landtagsabgeordnete jedoch keine. "Meine Sympathien für die Audimax-Besetzer sind endenwollend. Besetzen nur um des Besetzens willen halte ich nicht für besonders schlau."
(Jörg Tschürtz)
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