Virtueller Uni-Aufstand 2.0: Wie die Studenten ihre Revolte im Web organisieren
- NEWS: Mobil machen via Twitter, Skype und Co.
- Voller Erfolg: Bereits 13.032 "Fans" auf Facebook

Die junge Frau, die am Anfang dieser Geschichte steht, will ihren vollen Namen nicht preisgeben. Der tut auch nix zur Sache. Es geht hier nicht um mich. Es geht ums Ganze. Es geht um UNS. Und damit ist auch schon einiges erzählt über die, um die es hier geht. Nämlich um Leute wie Katrin. Die sitzt an normalen Tagen im völlig überfüllten Hörsaal des Campus AAKH Wien und büffelt Internationale Entwicklung. Aber seit sechs Tagen ist nichts mehr normal im Leben der 21-jährigen Studentin. Seit sechs Tagen ist sie eine von 20 (bis 30 die Personaldichte wechselt nahezu stündlich) Pressebeauftragten der Uni-Besetzer.
Mit dem Handy am Ohr hüpft sie durch den kleinen Hörsaal, der zum Presse-Headquarter umfunktioniert wurde: Wie viele Unterstützer haben wir jetzt gerade bei Facebook und StudiVz? Willkommen im Gravitationszentrum des Studentenprotests im Wiener Audimax: fünf Tische, 20 Laptops, ein Drucker. Viel mehr braucht es nicht, um hochprofessionell eine Revolte nach außen zu kommunizieren. Die Studenten in Wien, Graz, Innsbruck oder Linz: Sie protestieren gegen eine kaputtgesparte Bildungspolitik, fehlende Seminarplätze, Zugangsbeschränkungen sowie die Verschulung und Ökonomisierung an den Unis.
Twitter, Skype & Co
Aber es sind nicht unbedingt die Forderungen der Studenten, die neu daherkommen. Besonders und überraschend ist die Art und Weise, wie sie vorgetragen werden. Denn am Werk sind diesmal nicht zentrale Organisationsstrukturenwie die Hochschülerschaft. Sondern ad hoc gebildete und über soziale Medien wie Twitter, Skype & Co für alle transparent kommunizierende Studentennetzwerke. Formal schlau nehmen die Studenten das Heft in die Hand und stoßen die Debatte über ihre Probleme an.
Der virtuelle Protest
Um die Studenten zu mobilisieren und die Forderungen nach außen zu tragen, wurde in der Besetzer-Pressestelle kurz nach dem Start der Audimax- Besetzung ein eigenes WLANNetz aufgezogen, schnellstens eine Skype-Verbindung zu anderen Unis hergestellt. Binnen weniger Stunden haben die EDVler unter den Studenten unter http://unibrennt.at eine Homepage für Updates, Videos und Twitter-Messages aufgebaut. Dazu kommen spezielle Uni brennt-Communities auf Social Networks wie StudiVZ oder Facebook. Die so generierte Außenwirkung ist enorm: Jede Botschaft, jede Neuigkeit landet zielgerichtet und in Echtzeit direkt beim Adressaten. Damit gelingt den Studenten eine Form des Widerstands, die sogar Web-2.0-Experten wie Niko Alm, Chef der auf Online-Kampagnen spezialisierten Werbeagentur Super-Fi, beeindruckt: Die Art und Weise, wie der Protest sich via Web gebildet hat und am Leben gehalten wird, ist bemerkenswert. Wir erleben ein Lehrstück für Politics 2.0 und wie viel zeitgemäße Kommunikation bewirkt.
Basisdemokratie als Mantra
Mit enormem Erfolg: Zählte die Facebook-Gruppe am ersten Abend (letzten Donnerstag) erst 700 Fans, so sind es aktuell 13.032. Der Austausch zwischen den Revoluzzern und ihren virtuellen Beobachtern ist rege: Über 5.700 Postings gibts derzeit zu Themen wie Frauenanteil bei Plenumsdiskussionen, Sprechzeiten bei Workshops, dem Studenten-Feindbild ÖVP-Noch-Wissenschaftsminister Johannes Hahn oder der Menükarte der Studentenküche. Nix wird ausgelassen, alles diskutiert. Wir sind komplett basisdemokratisch organisiert, sagt auch Marian, 19, Philosophiestudent, jetzt einer von fünf Betreuern der Facebook- Gruppe Uni brennt. Anders ginge das ja auch nicht. Die meisten von uns würden sofort abhauen, wenn sich eine einzelne Gruppierung oder ein selbst ernannter Rädelsführer zu sehr in den Vordergrund drängte.
AGs für alle und alles
Und so organisieren sich die bis zu 2.500 Studenten, die seit letztem Donnerstag im Audimax campieren, tatsächlich schwer basisdemokratisch. Dieses Revolutionsmantra der 60er- Studentenbewegung: An den österreichischen Unis ist es derzeit gelebte Wirklichkeit. So wird etwa die sechsköpfige Organisationsgruppe jeden Tag neu gewählt. Dazu gibt es 39 weitere Arbeitsgruppen, die Entscheidungen vorbereiten über die dann im Plenum (und live per Beamer weithin sichtbar mitprotokolliert) von der anwesenden Masse abgestimmt wird. Einmal alle aufzeigen bitte. Beschluss. Umsetzung. Danke. Das Themenspektrum reicht dabei von konstruktiv bis kurios: Neben einer AG Presse, der AG Demo oder der AG Rechtshilfe gibt es auch Gruppen für die Müllentsorgung (Müllkolonnen AG; sehr effektiv: Die Mistkübel quellen über, aber immerhin ist der Dreck un- gefähr dort, wo er hingehört), die Siebdruck AG (druckt Protest-T-Shirts) oder die sogenannte Weltrekord AG. Letztere will den vom Bundesheer erst kürzlich aufgestellten Weltrekord im Mambo-Tanz während der für Mittwoch angesetzten Groß- Demonstration einstellen. Bringt für die Sache vielleicht nicht viel. Macht aber zumindest mächtig Spaß.
NEWS/Nana Siebert, Monika Dlugokecki
Alle Details zu den Forderungen der Studenten und was Experten zu den Protesten sagen, lesen Sie im NEWS 44/09!
