Die Anklage in der Causa Libro: NEWS
über die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft
- Inzwischen ist ein Kampf der Gutachter entstanden
- Schadenersatzforderungen bergen reichlich Brisanz

·Libro wird endlich
der Prozess gemacht
Nach neun Jahren wird
die Insolvenz aufgerollt
·Acht Monate Haft für ehemaligen Libro-Chef
Rettberg: "Ich wollte niemanden schädigen"
·Tiefer Fall des Ex-
Libro-Bosses Rettberg
'Manager des Jahres' wird
zum Skandal-Pleittier
Vor zehn Jahren hatte die Nennung des Firmennamens Libro etwas Magisches. Für die kurze Phase des Internet-Hypes war die 1978 im Wlaschek-Konzern gegründete Buchhandelskette Österreichs Anteil am Weltwirtschaftswunder der New Economy. Zukunftsfantasie war alles, Gewinne waren egal. Der Börsengang 1999 löste eine Libromania aus, die mit dem spektakulären Ausgleich 2001 bzw. Konkurs 2002 ein jähes Ende fand. Eine Dekade später beschäftigt dieses Stück Wirtschaftsgeschichte die Gerichte.
Die am 14. Oktober 2009 von der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt eingebrachte 54-seitige Anklageschrift, die NEWS exklusiv vorliegt , hat es in sich. Die These der Anklage, kurz gefasst: Der gesamte Libro-Börsengang sei ein geplanter Betrug gewesen. Neben den beiden damaligen Vorständen André Rettberg und Johann Knöbl werden der damalige Aufsichtsratschef Kurt Stiassny und sein Stellvertreter Christian Nowotny sowie Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann, für die alle die Unschuldsvermutung gilt, als Beschuldigte geführt.
Kampf der Gutachter. Mit Universitätsprofessor Nowotny ist zudem der heimische Spezialist für Aktien- und Wirtschaftsrecht angeklagt. Als Aufsichtsrat misst ihm der Staatsanwalt eine ungewöhnlich starke Verantwortung bei. Und dabei zeigt sich der erste Schwachpunkt der Anklage: Die angeklagten Aufsichtsräte und der Wirtschaftsprüfer sollen zwar an Planung und Durchführung des schweren Betruges beteiligt gewesen sein, aber Bereicherung wird ihnen nicht vorgeworfen. Das Primärmotiv bei Betrug also fehlt.
Rettberg wiederum hat zig Millionen, teilweise sogar auf Kredit, in Libro-Aktien gesteckt und letztendlich verloren. Warum sollte er das machen, wenn alles ein geplanter Betrug und Libro, wie der Gutachter meint, nichts wert war? Zu diesen Fragen ist ein Gefecht höchstrangiger Gutachter vor Gericht zu erwarten. Die renommiertesten Sachverständigen von Karl Bruckner über Thomas Keppert, Anton Egger und Peter Bydlinski bis Gerhard Altenberger sind als Gegengutachter engagiert. Ihnen allen stellt sich der Gerichtsgutachter Martin Geyer entgegen.
Finanzielles Risiko
Besonders brisant ist die Libro-Anklage in Bezug auf Schadenersatz-forderungen. Direkt genannt ist der Einstieg der Telekom Austria vor dem Börsengang. Gewinne daraus sollen abgeschöpft werden. Damit ergibt sich ein finanzielles Risiko von etwa 60 Millionen Euro, von dem ein Großteil auf die Unternehmens Invest AG entfallen könnte. Möglicher Ersatz für aus dem Börsengang resultierenden Schaden ist noch nicht eingerechnet. Für die Angeklagten wären bei einem verlorenen Prozess die reinen Gerichtskosten, die schon jetzt mehrere Millionen Euro betragen dürften, der wirtschaftliche Ruin. Für potenzielle Geschädigte ist da nichts zu holen.
Markus R. Leeb
Lesen Sie die ganze Geschichte im aktuellen NEWS 43/09!
