Mittwoch, 21. Oktober 2009

Das neue Alpha-Tier setzt voll auf Angriff:
Raich nach Maier-Rücktritt im Rampenlicht

  • Tiroler hat immer noch die große Kugel im Visier
  • Knappes Scheitern im Saisonfinale schon verarbeitet

Benjamin Raich kann längst zufrieden um sich blicken. Doppel-Olympiasieger, dreifacher Weltmeister, Weltcup-Gesamtsieger. Der 31-jährige Tiroler hat alles gewonnen, was es im alpinen Skirennsport zu gewinnen gibt und ist nach dem Rücktritt von Hermann Maier mit seinen 34 Weltcupsiegen der Branchenführer im Skizirkus. Dennoch nagt da etwas. In den sechs vergangenen Saisonen ist Raich im Weltcup nie schlechter gewesen als Dritter, gewonnen hat er ihn aber "nur" ein Mal. Zuletzt musste er dem Norweger Aksel Lund Svindal hauchdünn den Vortritt lassen.

Erst Maiers jüngster Abtritt macht die Sicht wirklich frei auf die Leistungen, die Raich bereits vollbracht hat. Elf Winter in Folge beendete er seit 1999 in den Top-Ten der Gesamtwertung, die jüngsten fünf war er nie schlechter als Zweiter. In diesen fünf Saisonen matchte sich der Tiroler stets mit Svindal und/oder dem US-Amerikaner Bode Miller um die Weltcup-Kugel. 2006 setzte sich Raich zwar vor Svindal und Miller durch, zweimal wurde er aber nur jeweils von Miller bzw. Svindal besiegt. Vom Norweger beide Male sogar nur hauchdünn um 13 (2007) bzw. vergangenen März um nur 2 Punkte.

"Eine meiner größten Niederlagen!" Unmittelbar bevor es am kommenden Wochenende in der Söldener Heimarena erneut los geht mit dem erneuten Kampf um die große Kristallkugel, hatte Raich aber kein Problem, das einzugestehen. "Das war schon ein g'scheiter Hammer. Denn ich war überzeugt, dass ich es schaffe", kann der Tiroler heute mit genügend Abstand über diesen unfassbare letzten Saison-Tag in Schweden sprechen, an dem er zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren die große Kugel um einen Hauch an Svindal verloren hatte.

An der Weltcup-Pleite geknabbert
"Ich gebe zu, dass ich ein bis zwei Wochen daran geknabbert habe, denn am Anfang ist so etwas schwer zu akzeptieren", so Raich heute dazu. Was helfe, sei aber ausschließlich die sachliche Auseinandersetzung. "Ich bin bis zum Schluss um die Kugel mitgefahren und habe damit bewiesen, dass ich's kann. Die Wunde ist verheilt, Aare abgehakt", versichert der Pitztaler, der nach eigenen Angaben keinen (Sport-)Psychologen braucht, sondern lieber auf Kraft aus der Familie baut. "Ich denke nur noch an Aare, wenn man mich daran erinnert."

Raich hatte schon unmittelbar nach der Entscheidung mit seinem sportlichen Verhalten mehr Sympathiepunkte als Weltcupzähler eingeheimst. "Ich war ja selbst Schuld und Aksel hatte es nicht weniger verdient", würde der Atomic-Fahrer aus Tirol das Thema gerne endgültig ad acta legen. Und sich viel lieber nach vorne orientieren. Er kann ja im kommenden Februar Geschichte schreiben, indem er vier Jahre nach Turin bei Olympia in Vancouver erneut Gold holt.

Mit Sölden eine Rechnung offen
Wären da nicht diese offenen Dinge wie die knappen Weltcup-Niederlagen. Oder auch Sölden. Ausgerechnet bei seinem Heimrennen ist der aus dem Nachbartal stammende Raich über Platz vier nie hinausgekommen. "Vierter ist doch besser als Fünfter", nimmt er mit einem Scherz Anlauf, um aber dann doch ernsthafter nachzusetzen. "Ich will bei jedem Rennen gewinnen, in Sölden wie auch anderswo. Vielleicht habe ich am Anfang etwas zu viel gewollt, deshalb bin ich's in den vergangenen Jahren auch etwas lockerer angegangen."

Zu wenig Punch sei aber sicher nicht der Grund gewesen. "Im Gegenteil. Vielleicht habe ich immer versucht, gleich beim ersten Rennen alles zu zeigen." Aber irgendwann wird das klappen, ist sich Raich sicher und scherzt: "Und wenn ich dafür noch zehn Jahre fahren muss!" Am liebsten wäre ihm freilich, wenn der Coup schon am Sonntag zum Jubiläum seines 300. Weltcup-Starts gelingt.

Slalomtraining forciert
Im Kampf um die große Kristallkugel hat sich Raich zuletzt zweifellos ein wenig verspekuliert. Das forcierte Speed-Training brachte nicht den gewünschten Erfolg, vielmehr ging dadurch die einstige Slalomstärke verloren. Er sei zuletzt materialmäßig im Slalom einfach nicht mehr auf dem Laufenden gewesen, gibt Raich auch zu. "Es stand zwar immer der richtige Ski da, aber ich hab vielleicht nicht immer den richtigen genommen."

Andere Fahrer für sich testen zu lassen, ist aber im Slalom undenkbar. "Du kannst Fehler nur ausmerzen, indem du selbst mehr fährst." Deshalb hat Raich auch vergangenen Sommer auf das Abfahrtstraining in Chile verzichtet, zu Hause wieder vermehrt Slalom trainiert und auch mehr entwickelt. Das wird sicher hilfreich sein." Hoffentlich auch für Olympia in Vancouver, wo der Doppel-Triumphator von Turin erneut nach Gold greift. Raich: "Ich bin eigentlich bei Olympia immer gut, weil es dort immer um besonders viel geht."

Hoffen auf Marlies
Auch im vergangenen Sommer hat sich Raich zusammen mit seiner Lebensgefährtin Marlies Schild weitgehend von der Öffentlichkeit ferngehalten und dafür neben dem Training intensiv am nun bald fertiggestellten Haus in Arzl gewerkelt. Dass die schwere Verletzung seiner Freundin vergangenen Winter bei Raich aufs Gemüt geschlagen hat, ist nur zu verständlich. Gut möglich, dass Bennis' Marlies im November aber schon wieder dabei ist. "Es kann zwar manchmal schnell gehen, aber im Prinzip ist es ein weiter Weg, bis man nach so einer Verletzung in einem Weltcuprennen wieder konkurrenzfähig mitfahren kann", so Raich. "Wichtig ist, dass Marlies fit ist."
(apa/red)

21.10.2009 10:09