Montag, 3. Oktober 2011

Von Losern, Lehrern und Musik-Genies: Benedict Wells in der NEWS.at-Nachlese

  • Mit 23 Jahren jüngster Autor beim Diogenes-Verlag
  • "Becks letzter Sommer" und "Spinner" in der Kritik

Mit 23 Jahren beim renommierten Diogenes-Verlag ein Buch zu veröffentlichen, als jüngster Autor überhaupt, ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Benedict Wells hat es geschafft, und mit "Becks letzter Sommer" ein vielumjubeltes Werk abgeliefert. Dafür den Bayerischen Kunstförderpreis eingeheimst. Und kurz darauf mit "Spinner" gleich sein nächstes Buch nachgelegt. Gute Gründe, dem Münchner in der NEWS.at-Nachlese auf die Finger und zwischen die Zeilen zu schauen.

Das Debüt wirkt vielversprechend. Titel-"Held" ist Robert Beck, 37-jähriger Musiklehrer, der seiner viel zu früh zu Ende gegangenen Rockkarriere nachtrauert. Die frustrierenden Konsequenzen seines eingeschlagenen Lebensweges über sich ergehen lassend, durchdringen zwei Sonnenstrahlen die Wolken der Depression. Neo-Freundin Lara, eine angehende Modedesignerin, und Rauli Kantas, ein litauischer Schüler, der singt und Gitarre spielt wie ein junger Gott, sorgen für neue Lebensfreude. Nimmt man dieses Wunderkind unter Vertrag und agiert als sein Manager, könnte man doch noch die Musikwelt erobern. Hofft Beck. Und hofft vergeblich.

Die Stärke von Wells' Erstling, die in einem turbulenten Roadtrip nach Istanbul endet, liegt in seiner flüssigen, aber schlichten Erzählweise. Kein Schnörkel, keine Zweideutigkeiten, er lässt seine starken Charaktere einfach erleben, was es zu erleben gibt. Die mitunter ungelenken Sätze, Formulierungen, die wir höflicherweise einfach dem saloppen "Jugendslang" unterordnen, und vorhersehbaren Handlungssträngen trüben den Lesegenuss zwar ein wenig. Die Message, dass man Träumen gefälligst nachzugehen hat, kommt trotzdem klar und deutlich rüber.

Ganz anders hingegen "Spinner", sein zweites Werk, das im Vergleich dazu enttäuschend gerät. Damit versucht Wells sich vergeblich in der Welt der "Loseratur" zu behaupten, der Welt der Verlierer und Außenseiter, die von Herrn Lehmann und Vollidioten dominiert wird. Um hier zu bestehen, muss entweder die Story oder die sprachliche Verpackung eine besondere sein, doch weder das eine noch das andere trifft zu. Vielmehr muss hier der Verdacht gehegt werden, dass das Buch über den 20-jährigen Jesper Lier in seiner ersten Lebenskrise so schnell wie möglich auf den Markt gebracht wurde, um den Beckschen Hype noch zu nutzen.

Fazit: Kein dem entstandenen Hype entsprechendes, aber doch starkes Debüt wird durch einen Nachfolger getrübt, der weder den hohen Erwartungen noch den Kriterien guter "Loseratur" gerecht wird. Zu hoffen bleibt, dass von Schnellschüssen in Zukunft Abstand genommen wird, denn Qualität braucht einfach Zeit. Und dann kann es auch etwas werden mit der großen Schriftstellerkarriere. Das Potenzial ist zweifelsohne vorhanden.

(Kim Son Hoang)

3.10.2011 17:21